Credit: Tom Andrews


Nach „Love + Light“ releast der Brite Daniel Avery auch sein zweites während der Krise entstandenes Album auf dem von Erol Alkan gegründeten Label Phantasy. „Together In Static“ knüpft nahtlos an seinen Vorgänger an und erweist sich als musikalisch ähnliches Geflecht, das jedoch optimistischer und erwartungsvoller daherkommt. Das Licht der Welt wird diese experimentelle Electro- und Techno-Reise in Form einer Liveshow in der eindrucksvollen Londoner Hackney Church erblicken. Mit uns hat Daniel Avery über die Intention des Albums, die für ihn so bedeutsame Show und die Corona-Krise im Allgemeinen gesprochen.

Daniel, herzlichen Glückwunsch zu deinem neuen Album! Das Release erfolgt wieder einmal über Erol Alkans Label Phantasy. Was für eine Beziehung pflegst du zu ihm?

Erol ist ein Mensch, der unglaublich viel für mich geleistet hat und dem ich immer dankbar sein werde. Er war für mich so etwas wie die menschliche Eingangstür in die Welt der elektronischen Musik. Ich habe damals in einem Plattenladen in London gearbeitet, der dann irgendwann schließen musste. Diese Tätigkeit hat mir eine Menge bedeutet und fehlte mir anschließend sichtlich. Ich wusste nicht, was ich machen sollte und schrieb Erol eine Mail, in der ich um Hilfe bat. Er offenbarte mir schließlich bei einem persönlichen Gespräch, das er gerade sein Label erweiterte und auf der Suche nach neuen Acts war. „Warum schickst du mir nicht mal eine Demo?“, fragte er. Gesagt, getan. Daraus resultierte letztlich eine wundersame, natürliche und organische Zusammenarbeit, die wir bis heute aufrechterhalten. Es fühlt sich einfach perfekt an.

Ursprünglich war „Together In Static“ als reine Liveshow geplant, mit nur einer Handvoll neuer Tracks. An welchem Punkt hast du gemerkt, dass hier ein komplettes Album entstehen könnte?

Während des Lockdowns wurden uns einige Shows in Aussicht gestellt. Mir war dabei schnell klar, dass ich keinen dieser typischen „Sitz-Raves“ veranstalten wollte, sondern etwas Besonderes, das dieser großartigen Location gerecht wird. Ich fing also an zu produzieren, wobei sich der ganze Prozess als sehr flüssig, positiv und natürlich erwies. Die Stücke sammelten sich und irgendwann hatte ich dann genügend Tracks für ein gesamtes Album, obwohl vorher maximal eine EP geplant war. Ähnlich war das damals bei „Love + Light“ …

„Love + Light“ ist das Vorgänger-Album von „Together In Static“ und entstand zu Beginn der Pandemie. Welche Veränderungen hinsichtlich der Stimmung und der Intention können wir zwischen den beiden Alben festmachen?

Die beiden Alben sind sich in ihrer Natur sehr ähnlich. Sie versprühen grundsätzlich einen sehr positiven Vibe. Der Hauptunterschied ist wohl, dass „Love + Light“ vornehmlich das Verlangen nach verlorenen Nächten thematisiert, wohingegen „Together In Static“ merklich hoffnungsvoller erscheint: Die Rückkehr zur Normalität ist zum Greifen nahe, die Menschen können wieder auf etwas hinarbeiten. „Love + Light“ ist also eher retrospektiv, „Together In Static“ auf der anderen Seite mehr prospektiv.

Die Liveshow und die Albumankündigung werden in der Londoner Hackney Church stattfinden. Wieso hast du gerade diesen Ort gewählt?

Mir war es wichtig, die Show nicht in einem Club zu veranstalten. Ein Live-Event ist für mich immer ein sehr gemeinschaftliches Ereignis, und ich liebe die Vorstellung, dass jeder im Raum von gleich hoher Bedeutung ist. Klar, der Artist steht auf der Bühne, aber jede Zuschauer*in leistet seinen/ihren  Anteil. Abgesehen von ihrer architektonischen Faszination bietet die Hackney Church (bzw. Kirchen allgemein) eben auch einen kosmisch-spirituellen Benefit, weil alle Beteiligten in gewisser Art und Weise nach einer höheren Kraft streben – und das meine ich gar nicht unbedingt in religiöser Hinsicht.

Die Corona-Restriktionen in Großbritannien werden derzeit ja stark gelockert. Wie wird das Konzept der Show aussehen?

Ich wollte, dass jeder und jede sich sicher fühlt. Bei der Show wird es also ausschließlich Sitzplätze geben und auch die Abstände werden entsprechend der Auflagen sein. Aufgrund der Größe der Location genießen wir allerdings viele Freiheiten hinsichtlich Dekoration, Licht und dem allgemeinen Setting. Ich denke, daraus wird eine großartige Atmosphäre entstehen.

Bist du angesichts der angesprochenen Lockerungen nicht ein wenig enttäuscht, dass die Show nicht weniger eingeschränkt stattfinden kann?

Nein, das würde ich so nicht sagen. Die Planungen für das Event laufen schon seit einiger Zeit, in der es noch deutlich düsterer aussah. Das Ganze wurde bereits mehrfach verschoben und deshalb bin ich einfach nur froh, dass es überhaupt stattfindet.

Sprechen wir über das Album. Mit welcher Intention bist du an „Together In Static“ herangegangen? Welche Erkenntnisse konntest du aus der Produktion ziehen?

Während der Produktion des Albums habe ich mich immer sehr sicher und selbstbewusst gefühlt. Wie in einer Art Kokon, in dem ich mich frei entfalten kann und von der Außenwelt gänzlich ungestört bin. Der ganze Prozess war voller Positivität und ohne Stress. Herausgekommen ist deshalb meiner Meinung nach ein sehr ehrliches Album, das mir erlaubt hat, tiefer in mein Inneres Ich vorzudringen und unentdeckte Gefühle und Emotionen hervorzubringen, die ich nun mit der Welt teilen möchte.

Über ein Jahr geht uns die Corona-Krise nun schon auf die Nerven. Gibt es dennoch positive Aspekte, die du dieser Zeit abgewinnen kannst?

Die Krise hat mich eine Menge über mich als Person gelehrt. Ich betrachte sie als riesigen Spiegel, der mir vors Gesicht gehalten wird. Bewusst wurde mir vor allem, dass das Leben mehr zu bieten hat, als all das ganze Touren und Reisen. Selbstverständlich liebe ich Konzerte und Festivals, aber allein die Produktion von Musik – das ist meine Bestimmung, meine Passion und mein Vermächtnis. Denn wenn ich eines Tages mal nicht auf dieser Erde verweile, sind meine Records das, was (hoffentlich) von mir bleibt.

Und die negativen Momente der Krise?

Nun ja, ich war über ein Jahr lang arbeitslos (lacht). In gesundheitlicher Hinsicht wurden meine Familie und ich zum Glück verschont, aber einige meiner Freund*innen wurden von dem Virus tatsächlich arg erwischt … ein echter Albtraum.

Der Sommer steht vor der Tür. Wie fühlst du dich?

Ich bin hoffnungsvoll und positiv gestimmt, aber parallel auch ein wenig zaghaft. Wieder in die Normalität zurückkehren zu können, ist eine wunderbare Vorstellung, ohne Frage. Nichtsdestotrotz glaube ich, dass es eine Weile dauern wird, bis wir die neue alte Realität annektieren und unbeschwert ausleben können. Zunächst werden einem die neuen Freiheiten noch befremdlich vorkommen. Aber das wird sich legen.

„Together In Static“ ist am 24. Juni via Phantasy erschienen.

 

Aus dem FAZEmag 112/06.21
Text: Milan Trame
Credit: Tom Andrews
www.soundcloud.com/danielavery