Völlig überraschend veröffentlichte der aus Bournemouth stammende Produzent und DJ Ende Juni sein neues Album auf digitalem Weg. Auch auf seinem mittlerweile dritten Werk präsentiert sich der Brite mit dem für ihn so charakteristischen verspielten und atmosphärischen Techno. Thematisch lässt sich das Album in zwei Abschnitte einteilen, die den Eindruck vermitteln, als würde man tatsächlich eine Nacht im Club live miterleben: So ist die erste Hälfte gefüllt mit pulsierenden Beats und lauten, industriellen Synthesizern, ehe das Album im zweiten Part in ruhigere, fast gespenstische Kompositionen abdriftet. Nun ist am 16. Oktober „Love + Light“ auch als physische Variante via Phantasy erschienen.

 

Erst kürzlich veröffentlichte Avery gemeinsam mit Alessandro Cortini die gemeinsame Platte „Illusion Of Time“. Die derzeit die Welt durchrüttelnde Pandemie bescherte ihm jedoch unerwartet viel Zeit im Studio, die er produktiv nutzte. „Musik war für mich schon immer eine Quelle persönlicher Stärke, dennoch bin ich nach wie vor fasziniert von der Kraft, die von ihr ausgehen kann“, erzählt Daniel. „Die Platte auf diese Weise zu veröffentlichen, nur ein paar Wochen nachdem die letzte Note gefallen war, fühlte sich wie eine Entscheidung an, die von einer äußeren Kraft getroffen wurde, der ich jedoch voll und ganz zustimmte.“ Dafür hat er monatelang im Studio gearbeitet: „Dabei habe ich viel Musik gesammelt, die sich für mich besonders anfühlte. Als der Lockdown verkündet wurde, hatte ich die Gelegenheit, mir einen ruhigen Moment abseits des Tour-Alltags zu nehmen und mir anzuschauen, was ich hatte. Die ursprüngliche Idee war, eine 12-Inch-Single zu machen, aber ich merkte bald, dass das, was ich vor mir hatte, es verdiente, als Album zusammengetragen zu werden.“ Und so reiht sich „Love + Light” in seine Langspieler-Liste ein – nach dem hochgelobten Debüt mit „Drone Logic“ 2013 sowie dem Nachfolgewerk „Song For Alpha” 2018. Ab einem gewissen Zeitpunkt, so berichtet er, formte sich das neue Album wie von selbst.

Aus den Arbeiten am Album schöpfte der Brite in diesen für alle ungewissen Zeiten mitunter seine Energie. „Alles passte einfach ganz natürlich zusammen. Musik bringt mich immer durch dunkle Zeiten, aber dieses Album hat mich in einem besonders schwierigen Moment bei Verstand gehalten. Es fühlte sich an, als hätte es ein eigenes Leben und eine eigene Energie.“ Bereits in einem frühen Stadium erkannte er Parallelen zu seinem Erstlingswerk: „Es fühlte sich tatsächlich ganz extrem so an wie damals bei ,Drone Logic‘, da niemand wusste, dass ich ein Album in der Mache hatte. Es war einfach eine Sammlung von Musik, die sich für mich ehrlich und wichtig anfühlte und die ohne jegliche Erwartung gemacht wurde. Das Ganze kam schneller zusammen als alles, was ich zuvor gemacht hatte.“ Und so unerwartet dieses Projekt selbst für ihn als Künstler Formen annahm, so deutlich fällt seine Antwort auf die Frage aus, ob das Album ohne die aktuelle Situation rund um COVID-19 anders klingen würde: „Ich glaube nicht, dass es dieses Album ohne die Pandemie geben würde.“

Mit scheren Beats und Synthies startend, endet das Album in einer äußerst sphärischen Ruhe. Ein Aspekt, den man auch im Titel „Love + Light“ wiederfindet, den man durchaus auch entsprechend interpretieren könnte. „Es war schon früh klar, dass die Platte in zwei Hälften aufgeteilt werden würde, die sich im Sound unterscheiden, aber letztlich Teil derselben Idee sind. Liebe und Licht sind die beiden Dinge, die uns in schwierigen Zeiten Kraft geben. Hoffnung ist mächtig. Daher kann man das zweifelsohne so sehen, ja.“ Für die visuelle Gestaltung des Albums hat Avery mit dem Australier Greg Hodgson gearbeitet. Seine Arbeiten begeisterten Avery bereits vor einigen Jahren, kollaboriert hatten sie ebenfalls schon zuvor: „Er und seine Kunst traten vor ein paar Jahren wie ein leuchtender Stern in mein Leben und beeinflussten mich enorm. Er arbeitet mit endlosen VHS-Feedback-Loops, die ,live‘ zur Musik gemacht werden. Er drehte bereits ein Video für ,Think About What You Love‘ aus meinem zweiten Album und arbeitete dann auch an PSSU, meinem Projekt mit Richard Fearless. Ich gab ihm keine Richtung für seine Arbeit an diesem Album vor – ich vertraute seinem Stil voll und ganz. Er ist ein einzigartiger Künstler.“ Entstanden sind fast schon hypnotisch wirkende Visuals für jeden Track des neuen Albums. Jedes beginnt als unendlicher, visueller Loop, der durch das Richten einer VHS-Kamera auf einen alten Fernseher erzeugt wird, auf dem ein Programm aus den 80er-Jahren läuft. Auf diese Weise war Hodgson in der Lage, die Effekte der bearbeiteten Bilder mithilfe seines analogen Set-ups auf improvisatorische und reaktive Weise zu kontrollieren.

Neben den Arbeiten am Album versuchte Avery seine Laune aufrechtzuerhalten. In London eine wahre Herausforderung während der anhaltenden Pandemie, wie er berichtet: „Das Vereinigte Königreich ist im Moment in einer beschissenen Situation, es fühlt sich manchmal beschämend an, ein Teil davon zu sein. Es war für mich sehr wichtig, mich in dieser Zeit mit gleichgesinnten Seelen zu umgeben.“ Dennoch ist er dankbar für die Möglichkeiten, die sich durch die Geschehnisse bzw. die dadurch frei gewordene Zeit ergeben haben: „Sie hat es mir ermöglicht, mich daran zu erinnern, was im Leben wichtig ist. Der endlose Kreislauf des Reisens hat mich förmlich umgebracht. Heute fühle ich mich wieder wie ich selbst. Nicht falsch verstehen, ich sehne mich extrem nach Clubs und Festivals, aber die Möglichkeit, einen Schritt zurückzutreten und mich auf das Musizieren zu konzentrieren, war ein Segen. Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich in dieser Zeit ,Illusion Of Time‘ und ,Love + Light‘ veröffentlichen konnte. Ich bin unglaublich stolz auf beide Alben.“ In den nächsten Wochen und Monaten will Daniel Avery daran anknüpfen: „Mehr Musik. Und vielleicht einen Job in einem Supermarkt anfangen …“

 

 

 

Aus dem FAZEmag 105/11.2020
Text: Triple P
Foto: Vincent Arbele
www.facebook.com/danielmarkavery