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Seit zwei Dekaden zählt Niklas Worgt alias Dapayk nun schon mit seinen Projekten zu den umtriebigsten und experimentierfreudigsten Figuren in der europäischen Clubszene – pünktlich zum 20-jährigen Betriebsjubiläum erscheint nun mit „#nofilter“ das neue Soloalbum des Wahlberliners. Ein Gespräch über Techno-Klischees, das Älterwerden und Robin Schulz.

Mit „#nofilter“ feierst du dein Jubiläum: 20 Jahre Dapayk live!

Ich habe 1993 mit dem Produzieren begonnen. Die ersten sechs, sieben Jahre sendete ich Demos raus, die niemanden interessierten. Ende 1999 haben mein Partner Jan und ich unser eigenes Label Mo’s Ferry Prod. gegründet. Seit 1996 spiele ich live. Damals war das etwas ganz Besonderes, da es Live-Acts bei uns in der Provinz in Thüringen sonst nicht gab. Ich fand es geil, mit meinem Maschinenfuhrpark vor Leuten zu performen. Wir haben uns damals für Auftritte immer einen Transporter leihen müssen. Den haben wir mit der kompletten Studioeinrichtung inklusive Möbeln beladen und sind dann zu den Auftritten gefahren.

Wobei du das neue Album „#nofilter“ aber nicht als Rückschau verstanden wissen willst …

Nein. Alle Tracks sind aus Auftritten heraus entstanden und bestehen aus Loops und Tools, die ich eigentlich für mein Live-Set gebaut hatte. Der ältes- te Part ist sechs oder sieben Jahre alt. Insoweit ist die Sache mit dem Jubiläum auch wieder stimmig. Wir hatten ursprünglich überlegt, ein reines Live-Album zu machen. Doch das fand ich nicht so spannend. Das Material auf „#nofilter“ wurde über Jahre während meiner Gigs getestet, weiterentwickelt und ist nun zum ersten Mal auf Platte erhältlich.

Der ewige Soundfrickler …

Anders geht es nicht. Das kann ich mir auch nicht abgewöhnen. Ich probiere immer wieder, ein wenig kommerzieller zu werden und stilistisch in die Breite zu gehen, doch ich kriege es einfach nicht hin. Irgendwann komme ich an den Punkt, an dem ich mich langweile. Live spiele ich ohne Rechner, sondern benutze nur Maschinen, Sampler und Synths. Dabei verändern sich die Tracks natürlich ständig, da es keinen festen Aufbau gibt.

Tendenz: weg vom Rechner?

Definitiv! Mit einem Rechner verliert man sich schnell in unbegrenzten Möglichkeiten. Alleine im Paket von Native Instruments gibt es Tausende verschiedene Synthssounds. Durch die begrenzten Möglichkeiten, die man bei der Arbeit mit Maschinen hat, muss man sich genaue Gedanken machen, was und in welcher Form man verwenden will. Alles ist sehr reduziert. Der Plan war, das Album so minimal wie möglich zu halten. Man muss zwangsläufig viele Kompromisse machen, was in diesem Fall aber ganz förderlich für die eigene Kreativität ist. Alles ist diesmal sehr dreckig – bis hin zu einer gewissen Rotzigkeit. Das bringt die Arbeit außerhalb des Rechners so mit sich.

Was hat es mit dem ungewöhnlichen Albumtitel auf sich?

Der Titel spielt natürlich extrem mit diesem Hashtag-Klischee, genau wie das Artwork: Sobald man etwas anderes als Deep House macht, macht man automatisch „ernsten“ Techno. Jede Art von Musik verdient es aus meiner Perspektive, mit einem Augenzwinkern gesehen zu werden. Gerade Techno ist immer düster und wird mit diesen großen, finsteren Läden gleichgesetzt: Ich finde es wichtig, den Leuten zu zeigen, dass es noch andere Ebenen gibt und dass man sich nicht so ernst nehmen sollte. Der Albumtitel spiegelt diese Ironie wider. „NoFilter“ ist einer der meistgenutzten Hashtags überhaupt. Die Ironie ist ja, dass er eigentlich nur dann benutzt wird, wenn doch ein Filter verwendet wurde. Also die größte Lüge im Internetzeitalter, die zeigt, dass heute jeder von uns irgendwie trickst.

Neben deinem Dapayk-Soloprojekt betreibst du noch die Nebenbaustellen Marek Bois und gemeinsam mit deiner Frau Dapayk & Padberg. Wie unterscheidet sich die Arbeit als Solokünstler von der als Dapayk & Padberg?

Mit Dapayk & Padberg brauchen wir viel länger, weil wir zwei Leute sind. Als Solokünstler muss ich keine Kompromisse schließen. Als Marek Bois kann ich ein Album in zwei Monaten fertig stellen, weil alles sehr toollastig ist. Bei Dapayk solo nehme ich mir viel mehr Zeit. Außerdem waren die Dapayk-Releases bisher immer Konzeptalben. Aber im Großen und Ganzen kann man schon sagen, dass ich jedes Jahr mindestens ein Album veröffentliche.

Steckt hinter diesen verschiedenen Projekten auch eine gewisse Rastlosigkeit?

Sicher. Es wäre schlimm, musikalisch irgendwo angekommen zu sein. Das Interessante ist doch gerade, immer weiter zu suchen. Wobei ich das für mich immer noch erstaunlich finde. Hätte man mich vor zehn Jahren gefragt, was ich heute mache, hätte ich geantwortet: irgendwas anderes. Damals hatte ich gerade mein Restaurierungsstudium abgeschlossen; es lief ganz gut mit der Musik, aber ich wusste nicht, ob ich diesen Job mit Ende 30 noch machen wollte. Wenn man mich heute fragt, was ich in zehn Jahren mache, würde ich mit ‚Musiker‘ antworten. Früher hatte ich Angst, dass mir eines Tages die Ideen versiegen würden. Das ist heute nicht mehr so. Mittlerweile kann ich auf Stile zurückgreifen, die in meiner Karriere schon einmal hip waren.

Wie sind die Unterscheidungskriterien, unter welchem Projektnamen die verschiedenen Tracks erscheinen?

Ich persönlich hätte kein Problem damit, sämtliche Tracks unter einem einzigen Künstlernamen zu ver- öffentlichen. Da sich die verschiedenen Projekte aber stilistisch schon sehr voneinander unterscheiden, wäre es wohl für viele Leute zu verwirrend. Die Projekte ergänzen sich: Marek Bois ist zu 100 Prozent Tool. Mit Dapayk & Padberg machen wir im Grunde audiophile Experimente. Dapayk solo spiegelt meinen Spieltrieb mit meinem Maschinenpark wider. Durch den Stil wird das jeweilige Projekt vorgegeben. Mit Dapayk solo geht es mir darum, Musik mit bestimmten Sollbruchstellen zu produzieren. Tracks, die zwar bestimmte Roots-Elemente aufweisen, aber auch eine gewisse Dirtyness haben. Ich habe manchmal das Gefühl, dass ich zwar ein Berliner Live-Act bin, der aber stark von einem Londoner Vibe beeinflusst ist und das ganze dreckige UK-House-Feeling mit verarbeitet. Wobei das in meinem Fall ja eher im 2Step und Drum’n’Bass resultiert. Bei Dapayk & Padberg sind wir mittlerweile fast rentnermäßig unterwegs und machen nur die Sachen, auf die Eva und ich wirklich Bock haben. Wir weiten unserem Alter entsprechend das Spektrum aus und produzieren Sachen, die wir auch selbst gerne hören würden, allerdings nicht im Clubkontext. Wir arbeiten heute sehr viel akustisch mit organischen Instrumenten. Das werden wir in Zukunft mit einem kleinen Orchester weiter ausbauen.

Welchen Einfluss haben Drogen heute in der Clubkultur, insbesondere im Techno?

Das ist eine interessante Frage. Ich glaube, es gibt immer Phasen und Trends. Ich habe niemals Drogen genommen. Es gab diese große Ketamin-Welle in Berlin. Damals war die Tanzfläche wie eine Geister- bahn. Darauf bin ich nicht zurecht gekommen. Vorher waren die Leute bei uns auf dem Land maximal auf Speed, besoffen oder auf einer Kombination aus beidem. Das war eine völlig andere Stimmung. Einen besoffenen Typen, der schon ein Bier zu viel intus hat, von der Bar wegzulocken, erfordert eine gewisse Energie. Das ist logischerweise eine andere Energie, als die, die man bei einer Ketamin-Leiche aufwenden muss. Die brauchen Sounds, die sich über zehn Minuten nicht groß verändern. Das sind Dinge, die man über die Jahre einfach lernt. Seit einer Weile ist Ecstasy wieder da. Ich dachte
eigentlich, das wäre 90er-Jahre-Zeug: Liquid-Bowlen auf den Tresen, alle haben sich total lieb und tanzen wie die Blöden. Diese Art von Publikum ist natürlich leichter abzuholen, weil es einfach glücklich ist.

Fürchtet man sich nach 20 Jahren des Live-Spielens noch vor dem Älterwerden?

Nein. Die Leute im Club bleiben immer jung und wissen nicht, was man vor fünf Jahren gemacht hat. Jeder hat Phasen, in denen er sich „alt“ fühlt. Ich zum Beispiel jeden Montagmorgen. Aber mal im Ernst: Ich finde es sogar ganz witzig, vor 20-jährigen Clubveranstaltern zu sitzen und ihnen von meinem 20-jährigen Live-Jubiläum zu erzählen. Diese Leute kennen einen wegen der Sachen, die vor maximal drei Jahren aktuell waren. Generell habe ich kein Problem mit dem Älterwerden. Seltsam ist es in Clubs, in denen wirklich sehr junges Publikum ist und in denen Deep House à la Robin Schulz vor und nach meinem Set läuft. Dann frage ich mich manchmal, warum gerade ich gebucht wurde.

Apropos: Deine Meinung über Robin Schulz, den offiziell erfolgreichsten deutschen Club-Act aller Zeiten?

Ich kann damit wenig anfangen, verstehe aber, warum es funktioniert. Der Sound bietet einfach, was Trance in den 90ern bot: Eine einfache Form von elektronischer Musik, die für jeden zugänglich ist, der am Wochenende mal ausgehen und tanzen möchte, ohne sich groß mit Musik beschäftigen zu müssen. Es ist völlig legitim, aber nicht unser Weg. Wir haben mit Dapayk & Padberg oft darüber nachgedacht, ein richtiges Popalbum zu machen. Es gab auch diverse Angebote von Plattenfirmen; doch dann wird die Musik schnell zu einem Produkt, das in einer Art behandelt wird, die nicht zu uns passt. Unsere Aufgabe war es schon immer, den Leuten auch neue Musikformen vorzustellen, sie ein wenig zu bilden und sie zu „erziehen“. Wir wollen Alternativen aufzeigen. Vielleicht haben wir eine Art inoffiziellen Bildungsauftrag. Selbst, wenn ich ein Marek Bois-Set mit relativ erwartbaren Sachen spiele, versuche ich immer, die Leute mit schrägen Parts zu überraschen. Früher habe ich die Leute gerne mit sehr ausgedehnten Partien ans Verständnis-Limit gebracht, um sie herauszufordern. Solange, bis sie nicht mehr klar kamen. Heute habe ich dies auf ein erträgliches Maß reduziert. / Thomas Clausen

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Foto: Patrice Brylla