Photo; Jelena Rudi


Zugegeben, nach anderthalb Jahren Festival-Abstinenz hätte mich wohl so ziemlich jedes Event von den Socken gehauen, aber es sind nun ein paar Tage vergangen und ich bin immer noch hin und weg von der Tallinn Music Week. Zwar hatte ich schon oft gehört, dass Tallinn eine Reise wert sei. Dennoch hatte ich die estnische Hauptstadt nie so wirklich auf dem Schirm. Vielleicht hab ich mich auch deshalb so gefreut, dieses einzigartige Event besuchen zu dürfen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es den rund 17.000 anderen Besuchern genauso ergangen ist.

Die Reise begann am Frankfurter Flughafen, von dem man innerhalb von gut zwei Stunden den finnischen Meerbusen der Ostsee erreichen kann. Klar, ist es dort etwas kälter als bei uns, aber glücklicherweise hatte ich mich vorab schlau gemacht und warme Jacke und Mützen eingepackt. Vom Flughafen Tallinn Lennart Meri kommt man in weniger als 20 Minuten mit der Straßenbahn in die Innenstadt.

Viel Zeit zum Durchatmen blieb mir nicht, da ich die Eröffnungszeremonie nicht verpassen wollte – die mal eben von der estnischen Präsidentin Kersti Kaljulaid gehalten wurde. Stellt euch mal vor Angela Merkel würde ein deutsches Festival mit einer Rede eröffnen. Genau. Spätestens hier wurde einem klar, dass es sich nicht um ein dahergelaufenes Festival handelt, mit dem lediglich Geld in die Kassen gespült werden soll, sondern Kunst und Kultur hier eine enorm große Rolle spielen. Zig Kunstausstellungen, Installationen, Panels und Lesungen ergänzten das Musikprogramm, das wirklich sehr divers war.

Kersti Kaljulaid @ Kultuurikatel Patrik Tamm

Die bekanntesten Acts im elektronischen Bereich waren DVS1 und Gerd Janson. Beide Shows habe ich mir nicht entgehen lassen. Was für ein geniales Gefühl endlich wieder ohne Maske und Abstand auf einer vollgestopften Tanzfläche abzuzappeln. Auch alle anderen Shows waren durch die Bank sehr eindrucksvoll und das internationale Publikum feierte jeden Track mit ausgelassenen Jubelschreien.

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Mehr als 60 Veranstaltungsorte boten mehr als 177 Künstlern aus 21 verschiedenen Ländern eine Plattform. Darüber hinaus gab es 128 Sprecher aus 18 Ländern, die im Nordic Hotel Forum und dem Nachtclub the HALL verschiedene Themen behandelten. Im Vordergrund stand, neben Corona, unter anderem die Entwicklung der europäischen Musikszene oder der Einfluss von Frauen auf elektronische Musik im Allgemeinen.

Die Gründerin des Clubs the HALL, Elena Natale, arbeitet seit 30 Jahren in der Nachtclubszene und hat Estland durch the HALL auf die Karte für den Club-Tourismus in Europa gebracht. Kein Wunder, dass ihr für ihre außergewöhnlichen Leistungen der Inspiration Award von Keychange überreicht wurde. Keychange ist eine Organisation, die sich für der Geschlechtergleichstellung in der internationalen Musikszene einsetzt. Im Allgemeinen wurde darauf geachtet, dass das Line-Up gleichwertig mit Männern und Frauen besetzt wurde. Dieses Thema war ja vor der Pandemie sehr präsent, rückte aber durch Corona etwas in den Hintergrund.

Photographer: Anna Markova

Kunst und Kultur werden in Estland jedenfalls sehr ernst genommen. Der Rest der Welt könnte sich gern mal eine Scheibe davon abschneiden. Die Tallinn Music Week ist definitiv ein Festival, dass im kommenden Jahr auf eurer Agenda stehen sollte. Das neue Datum steht sogar schon fest: vom 4. bis zum 8. Mai 2022 geht es im kommenden Jahr wieder los.

Weitere Infos findet ihr unter www.tmw.ee