FAZ-Filmredakteur, Ex-Spex-Chef und Kammerflimmer Kollektiv-Kompagnon Dietmar Dath schreibt seit Jahren über weit Auseinanderliegendes wie DJ Koze aka Adolf Noise, das Physikgenie Stephen Hawking und Slayer. Der 42-Jährige hat bei Amazon aktuell 29 Bücher gelistet – drei davon erscheinen jetzt nahezu zeitgleich und erzählen von den großen Rätseln unserer Gegenwart. Die Fernsehserie „Lost“, die jedes Rätsel von einem neuen Rätsel ablösen lässt und die Undurchdringbarkeit unserer Gegenwart exzellent in Bilder fasst, ist das vermutlich zugänglichste Kleinwerk dieser drei Erscheinungen. Auf gerade einmal 96 Seiten mixt Dath Science und Science Fiction-Anspielungen, erklärt musikalische Kompositionstechniken, geht auf beispielhafte Serienfolgen ein und schafft es, sogar Leute, die nichts mit Robinsonaden anfangen können, fürs große Rätsel zu begeistern. Ein Rätsel, das bleibt nach seinem Vorwort von Lenins „Staat und Revolution“, in dem Ideen posh daherkommen der Art, dass beim Vergleich der großen Diktaturen des 20. Jahrhundert stets von „Leichenbergen“ die Rede sein müsse, „als wäre massenhaftes gewaltsames Sterben nicht auch dann scheußlich und schrecklich, wenn die Ermordeten spurlos atomisiert würden.“ Ein Vorwort, das einführt in ein erklärungsbedürftiges Werk, doch auch diesem vor allem neue Rätsel entgegenstellt. Nur was liest man nach der Revolution, die Kapitalismus und Staat abgeschafft haben? Am besten die Geschichtensammlung „Kleine Polizei im Schnee“, um sich nochmal zu erinnern, wie das Leben 2012 in der Zivilisation ausgesehen hat, als die Interviews ins Nichtswürdige drifteten (Dath schreibt Medienparodien, die wie eine akademische Aktualisierung von Stuckrad-Barres „Remix“ daherkommen), als die Studentinnen in Berlin Glenfiddich tranken, weil sie dachten, „wenn ein Whisky in einem Hacksgedicht vorkommt, wird’s schon ein guter Whisky sein“ – und als die Menschen Daten auf Daten stapelten (2003 hatte die Menschheit 12 Exabytes gesammelt, Daten einer DVD mit 50.000 Jahren Laufzeit, 2010 waren es bereits 161 Exabytes). Manchmal hat man den Eindruck, Dietmar Dath sei allein für ein Exabyte jährlich verantwortlich, so schnell, so viel schreibt dieser Mann – begeistert dabei: beinahe restlos. // Jan Drees

Dath: „Kleine Polizei im Schnee“, Verbrecher Verlag, 280 S., 24 Euro
Dath: „Lost“, Diaphanes, 96 S., 10 Euro
Dath/Lenin: „Staat und Revolution“, Laika, 180 S., 9,90 Euro