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Depeche Mode
Von Träumen und Fatalismus
Csilla Letay
www.depechemode.com
„Die letzten 35 Jahre sind so schnell rumgegangen, sehr schnell. Ich kann es nicht glauben. Aber ein Traum ist wahr geworden.“ Andrew Fletcher lächelt entspannt. Der Keyboarder von Depeche Mode, den die ganze Welt auch einfach als Fletch kennt, sitzt lässig auf einer Couch im Berliner Waldorf Astoria Hotel, schwarze Bomberjacke, Jeans, Turnschuhe, ein unauffälliger, dezent-stylisher Mann Ende 50. Gerade hat er noch eine Zigarette geraucht, gerade hat er ein anderes Interview gegeben, eines von unzähligen in seinem Leben und eines von sehr vielen an diesem stürmischen Tag, nachdem die Band ihr neues Studioalbum „Spirit“ releast hat. Der Mann ist Profi. Er kennt das Business seit Jahrzehnten in- und auswendig. Seine Band wird als eine der 50 einflussreichsten Formationen gelistet, die die Welt verändert haben.
Am Vorabend performten Fletch und seine Bandkollegen Martin Gore und Dave Gahan das neue Album erstmals live, vor einem kleinen Publikum beim „Telekom Street Gig“ im Funkhaus Berlin. Große Party danach? „Ich hatte ein paar Bier. Wir trinken nicht mehr so viel wie früher.“ Er schmunzelt. „Mir geht’s gut.“ Auch Popstars werden scheinbar mit der Zeit ruhiger. Auf die Frage, ob er realisiert habe, wie sich sein Leben und die Karriere der Band entwickelt haben – was wohl unterm Strich das Gleiche ist –, wiederholt Fletch: „Es ist wirklich ein Traum wahr geworden.“ So banal-offensichtlich das klingt, wenn es über die Lippen eines Menschen kommt, der mit seinen beiden Wegbegleitern Martin Gore und Dave Gahan zum Weltstar avanciert ist und Millionen verdient hat, so aufrichtig klingt es auch zugleich. Nicht jeder könne sagen, dass sein Lebenstraum Realität geworden ist, da nickt Fletch zustimmend. „Es ist im Grunde unglaublich. Heute kann ich es aber natürlich schon realisieren.“ Und sich entspannt zurücklehnen, wie er es während unseres Gesprächs tut. Bei über 100 Millionen verkauften Tonträgern, als eine der bekanntesten Bands rund um den Globus geht sich das auch einfach an. Es gab aber auch Zeiten, in denen kaum jemand, die Band selbst eingeschlossen, geglaubt hätte, dass sie irgendwann einmal ihr bereits 14. Studioalbum veröffentlichen würde. Nicht nur im Jahr 1981, als sie jung und völlig unbekannt ins Ungewisse startete, sondern auch noch als jeder ihren einem französischen Modemagazin entlehnten Namen kannte – so bewegt wie das gemeinsame Sein, das Gefüge als Band war. Alan Wilders Ausstieg aus der Band und Dave Gahans Heroinsucht, die in einem Selbstmordversuch und seinem klinischen Tod von zwei Minuten kulminierte, erschütterten die Gruppe 1995 in ihrer blanken Existenz. „Wir haben niemals erwartet, dass wir immer noch hier sein werden, immer noch populär. Wir dachten, das Ganze würde zwei bis drei Jahre gehen“, erinnert sich Fletch an die Anfänge. „Und siehe da, hier sind wir. Das Großartige ist, wir sind eine Größe, aber wir führen total normale Leben außerhalb der Gruppe. Ich kann in London überall hingehen, ohne belästigt zu werden.“ Ihre Langlebigkeit verdanken Depeche Mode wahrscheinlich dem Umstand, dass sie sich nie den Anspruch und Druck auferlegt haben, genau da zu landen, wo sie heute sind. Das muss man als Band mit dem Gefüge aus verschiedenen Persönlichkeiten und Ambitionen, mit persönlichen Vorstellungen, Idealen, Wünschen und Zielen erst einmal schaffen, 35 Jahre zusammen zu bleiben. Und so versammeln die Urgesteine der meist düsteren Synthiepop-Melancholie Dave Gahan, Martin Gore und Andrew Fletcher nach all dieser gemeinsamen Zeit abermals zwölf neue Stücke auf einer LP.
Die Platte folgt recht schnell auf den Vorgänger „Delta Machine“, der in über 20 Ländern die Top Ten erreichte, darunter in Großbritannien und in den USA. Während der anschließenden Tour strömten weltweit mehr als 2,5 Millionen Fans in die Stadien und Arenen. Mittlerweile produzierten sie etwa im Vierjahresrhythmus, erklärt Fletch, sie ließen sich mehr Time-Off mit ihren Familien als in den 80ern und 90ern. Dass es diesmal schneller zuging im Studio, liege auch am neuen Produzenten James Ford, einem der Köpfe von Simian Mobile Disco. „James ist ein unglaublich fantastischer Produzent. Er ist einer der Top-Typen. Er hat einen großartigen Job für uns gemacht“, schwärmt Fletch, der seit Alan Wilders Abschied immer mehr in die Studioarbeit eingebunden war, während Gore und – immer intensiver auch – Gahan das Songwriting untereinander bestreiten. „James ist Multiinstrumentalist, er spielt Schlagzeug, Gitarre, er ist großartig mit Sound. Und er ist sehr schnell. Wir haben dieses Album zusammen viel schneller fertig gemacht als sonst, was uns mehr freie Zeit beschert hat als in der Vergangenheit. Wir hatten jetzt drei Monate frei, dank Mr. Ford.“ Nach sechs bis sieben Wochen Proben feierten sie also die Live-Premiere von „Spirit“ in einem für ihre Verhältnisse kleinen Rahmen von 1000 Menschen. Wer kein Glück hatte und bei der Verlosung der Tickets leer ausging, denn zu kaufen gab es keine, konnte die Show live im 360-Grad-Livestream verfolgen. Kleine Konzerte stehen immer noch durchaus auf dem Programm und halten das Gefühl des Aufbruchs lebendig, sagt Fletch: „Wir starteten damals in kleinen Venues. Und bevor wir auf Tour gehen, spielen wir auch immer mal vor kleinem Publikum. Das ist also durchaus nichts Ungewohntes.“ Ist also beides bloß nur noch Routine? „Natürlich, wenn man ehrlich ist, ist eine Bühne immer noch eine Bühne. Und es macht letztlich keinen Unterschied, ob es 50 000 oder 300 Menschen sind. Aber wenn man jeden einzeln sehen kann, ist es persönlicher. Das ist natürlich viel intimer. Gestern waren die Gesichter der Menschen zusätzlich ausgeleuchtet, weil gefilmt wurde. Bei den Stadion-Gigs verliert man individuelle Gesichter und ihre Ausdrücke.“ Die meisten Gesichter am Abend des 17. März strahlten nicht wegen der Scheinwerfer. Für einige Depeche-Mode-Fans ist es nicht nur ein besonderer Tag, weil ihre Lieblingsband sie endlich wieder mit neuem Material versorgt. Als glückliche Ticketgewinner sind sie – neben zahlreichen Medienvertretern und Semi-Promis wie dem Ochsenknecht-Nachwuchs und Silbermond – zum „Telekom Street Gig“ in die einstigen Räumlichkeiten des DDR-Rundfunks tief im Osten Berlins eingeladen. An den Rechnern weltweit schauten zeitgleich Millionen Anhänger zu. Eine Band wie Depeche Mode, die normalerweise Stadien füllt, mit nur etwa 999 anderen Gästen in dem ehemaligen Sendesaal hautnah zu erleben, ist dann aber doch noch mal eine ganz andere Nummer.

Wer also nicht professionell cool dreinschaute, der richtete die vor Aufregung großen Augen auf die Bühne, als die drei Bandmitglieder und ihre Begleitmusiker diese um 20:00 Uhr betraten. In ziemlich genau 60 Minuten wurden immerhin vier „Spirit“-Auszüge geboten: „Going Backwards“, „Cover Me“, „So Much Love“ und natürlich die erste Single-Auskopplung „Where’s The Revolution“. Alte Hits wie „Walking In My Shoes“, „Personal Jesus“ und „Barrel Of A Gun“ gab‘s noch obendrauf. Gahan – in schwarzer Smokinghose mit rotem Seitenstreifen und dazu passender Weste sowie Schnäuzer – übte noch schlangenhaft den Hüftschwung, der bis zur Stadiontour vielleicht etwas flüssiger sitzen muss. Aber man ist eben keine 20 mehr. Überhaupt war alles noch ein wenig steif. Vor allem fehlte scheinbar die emotionale Verbindung der drei Bandmitglieder untereinander. Als müsse man erst mal wieder richtig warm miteinander werden. Bis zum Sommer wird das aber schon werden. Bis dahin weiß Fletch an den Synthies sicher auch, wie er die Zeit bis zum Konzertende besser hinter sich bringt. Und Martin Gore kann endlich wieder mit großen Emotionen glänzen, die bei seiner Performance von „Little Soul“ leider nur in Ansätzen rüberkamen. Doch: Mit dem Feedback der Fans sind die drei zufrieden. Aber zeichnet nicht genau dies einen Fan aus, dass er seine Band jederzeit supportet? „Wir könnten nicht einfach eine trashy Aufnahme machen. Wenn man sich im Internet Depeche-Mode-Foren anschaut, merkt man, dass die Menschen durchaus auch nörgeln. Wir machen unsere Musik nicht für unsere Fans, sondern für uns selbst und versuchen, es so gut wie möglich zu machen.“ Diesmal kommt auch noch eine mehr oder weniger ausgeprägte gesellschaftskritische Attitüde dazu. Politisch angehauchte Themen ziehen sich vor allem durch die ersten vier Songs, angereichert mit Bildern von einer rückwärtigen Entwicklung einer immer ungebildeteren, bequemen Gesellschaft zurück Richtung Steinzeit. So besingen es etwa „Going Backwards“ und „Worst Crime“. Rumpelnd, verzerrend und insgesamt rauer als bei den letzten drei Alben unter Produzent Ben Hillier beschwört auch der Sound von James Ford die endzeithaften Szenarien herauf. Wie eine Reaktion auf diese Perspektive kommt der Track „Where’s The Revolution“ daher, in dem Gahans wie eh und je flehender Bariton-Gesang eindringlich dazu auffordert, sich gegen all das zu erheben, was schief läuft, begleitet von der fast resignativen Frage, wo die Revolution denn bleibe, warum ihn die Leute hängen ließen. Neben den ewig währenden, ewig gültigen emotionalen Leiden kommen also mit der Reife wieder neue Themen auf den Plan. „Ich denke, wir sind jetzt auf einem kreativen Hoch und stolz auf diese Platte. Wir ruhen uns nicht auf unseren Lorbeeren aus“, betont Fletch. „Das ist unser erstes politisches Statement seit ,Construction Time Again’.“ Lange ist das her, das Album kam 1983 raus. „Ich denke, wir pushen uns immer noch weiter. Mit ,Spirit’ machen wir Druck, auf der Ebene der Lyrics und musikalisch.“ Wie passend, dass „Where’s The Revolution“, die erste Single-Auskopplung, an einem Ort erklang, von dem aus ein ehemaliger, überwundener Unrechtsstaat seine Botschaften aussandte. „Das haben wir natürlich absichtlich so gemacht“, schmunzelt Fletch. „Das war ein großartiges Setting, wir haben das erste Mal dort gespielt.“ Das Bedürfnis, sich zum Weltgeschehen musikalisch zu äußern, das sonst eher Musikerkollegen vorbehalten zu sein schien, der Wunsch, ein Statement abzugeben, vielleicht auch ein wenig den eigenen Status gesellschaftlich geltend zu machen, scheint bei allen dreien unisono dringlich gewesen zu sein. „Martin hat den Song 1915 geschrieben“ – Fletch verspricht sich und meint natürlich 2015, man merkt: Er hat heute schon viel geredet. Jedenfalls, 2015: „Die Welt scheint sich ein bisschen in Chaos zu verwandeln, Trump, Brexit, der Krieg in Syrien und solche Dinge. Die Menschen sollten aufstehen.“

Trotz ihres mahnenden Aufrufs scheinen Gore, Gahan und Fletcher auf einer Skala des Pessimismus jeweils zu variieren, was die Perspektiven und Konsequenzen der beklagten Zustände betrifft. Fatalismus liegt dem einen mehr als dem anderen. Wäre es nicht besser, allem seinen Lauf zu lassen, die Gesellschaft untergehen zu lassen, wenn sie ohnehin auf dem Weg dorthin ist? „Das könnte sein. Aber ich bin etwas optimistischer, dass sich die Dinge wieder zum Guten wenden werden. Das ist meine persönliche Meinung. Mein Kollege Martin Gore denkt da anders. Dave Gahan ist wohl eher in der Mitte.“ In einem sind sie sich aber definitiv einig: Eine ganze Bewegung anführen könnten sie nicht. Zwar inszeniert Langzeit-Kreativpartner Anton Corbijn die Band im Video zu „Where’s The Revolution“ als Revolutionsanführer mit angeklebten Marx-Bärten, doch über das Symbolhafte hinaus geht es nicht: „Wir denken nicht, dass wir mit Musik faktisch irgendetwas verändern können, aber wir können unsere Fans zum Nachdenken anregen.“ Apropos, wenn er nachdenkt über sein Leben und die Chance hätte, seinem jungen Ich etwas mit auf den Weg zu geben aus heutiger Perspektive, was wäre das? „Das ist eine schwierige Frage. Und eine Frage des Alters. Was wäre ich jetzt, in meinem Alter, wenn ich nicht in der Band gewesen wäre? Ich denke, ich würde mir sagen, dass es mir gut geht und ich es ganz gut gemacht habe.“ Würde er also alles noch einmal genauso machen? „Es gibt Dinge, die ich dir nicht erzählen kann, weil wir uns nicht kennen.“ Fletch lacht. Okay, dann nächstes Mal.

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Aus dem FAZEmag 062/04.2017
Text: Csilla Letay
Foto: Anton Corbijn