Der Club-Round-Table
Wie lange hält die Szene durch?
Involvierte zwischen Empörung und Verständnis

Wir schreiben Juli 2020 – und die Szene, ja fast die ganze Welt, liegt immer noch brach. Nachdem im April noch leicht auf einen abgespeckten Festival-Sommer gehofft wurde, denken wir nun nur noch an Schadensbegrenzung und Existenzsicherung. In der Zwischenzeit sind Clubbetreiber und Festivalveranstalter erfinderisch geworden und haben sich Alternativkonzepte einfallen lassen und Fundraising-Aktionen gestartet, während sie Soforthilfen beantragten. Wie viel das gebracht hat und wie die harte Realität der Protagonisten unserer Branche aussieht, haben sie uns selbst erzählt. Wir haben erneut einen imaginären runden Tisch einberufen, um Stimmen und Meinungen Raum zu geben und sie in die Welt hinauszutragen.

V. l. o. n. r. u.: Marcel Janovsky, Alex Flach, Lutz Leichsenring, Susanne Leonhard & Klaus Unkelbach


Stellt euch mal kurz vor! Wer seid ihr und seit wann seid ihr in der Szene aktiv? 

Alex Flach: An Partys bin ich seit 25 Jahren dran und hauptberuflich mit dem Nachtleben beschäftige ich mich seit 15 Jahren. Ich betreue Clubs bezüglich Kommunikation und Medienarbeit.

Lutz Leichsenring: Ich bin der Sprecher der Clubcommission Berlin und bin dort auch im Vorstand. Diese Rolle habe ich seit 2009 inne.

Klaus Unkelbach: Ich bin 56 Jahre alt, Besitzer und Geschäftsführer der R+M GmbH, die in Offenbach das MTW und das Robert Johnson betreibt. Außerdem bin ich Anteilseigner von Yachtklub und Silbergold, beide in Frankfurt.

Susanne Leonhard: Ich bin Leo, 57 Jahre alt, und ich lebe seit 39 Jahren Partys und Gastro. Von der ersten Fusion bis zu Reisen zum Burning Man – ich habe auf jeden Fall ausreichend Tanz-, Festival- und Partyerfahrung.

Marcel Janovsky: Ich bin Promoter, DJ, arbeite für das Kölner Gewölbe und betreibe eine Künstleragentur.

Lutz, für alle, die die Clubcommission nicht kennen: Kannst du unseren Lesern was über eure Funktionen und Aktionen erzählen?

Lutz Leichsenring: Die Clubcommission Berlin ist ein Verein und agiert als Netzwerk, Stimme und als Lobby für die Clubkultur der Stadt. Wir haben ca. 300 Mitglieder, alles Veranstalter oder Clubbetreiber oder Fördermitglieder. Wir versuchen erstens, Bewusstsein zu schaffen für die aktuellen Probleme und Herausforderungen und allgemein für das Thema Clubkultur. Zweitens schaffen wir Zugang zu Entscheidern, zur Presse, zur Öffentlichkeit etc. Und drittens ist das Thema Education und Weiterbildung wichtig für uns. Viele, die in der Clubszene unterwegs sind, sind Autodidakten, und wir versuchen über unsere Formate Know-how-Transfer stattfinden zu lassen. Wir versuchen also, den Leuten eine Plattform zu schaffen, auf der sie netzwerken können. Wir veranstalten außerdem Konferenzen, Workshops, Seminare und Demos.

Seit wann seid ihr im Musikbusiness tätig und wie verlief dein Weg bisher? Wie und wann kamt ihr dazu, einen Club zu eröffnen bzw. in der Szene zu arbeiten?

Lutz Leichsenring: Also zum Ersten bin ich schon immer jemand gewesen, der nur Dinge macht, die ihm auch Spaß machen. In dieser privilegierten Situation bin ich einfach schon seit ich berufstätig bin. Ich bin allerdings auch schon immer selbstständig gewesen und habe meine eigenen Firmen gegründet, habe auch schon Clubs betrieben und ein Restaurant und Veranstaltungsagenturen aufgebaut.

Klaus Unkelbach: 1983 habe ich angefangen, selbst als DJ zu arbeiten, und habe damit mein BWL-Studium finanziert. Dann habe ich folgerichtig DJ-Tätigkeit und Uni-Abschluss kombiniert, um mit dem MTW 1991 den ersten eigenen Club zu gründen. 1997 kam das MONZA/Frankfurt hinzu, 1999 das Robert Johnson mit Ata Macias und Sebastian Kahrs. 2016 folgte der Yachtklub, 2020 das Silbergold.

Susanne Leonhard: Seit meinem 18. Lebensjahr arbeite ich bereits in der Gastronomie, 1983 begann ich mit der Geschäftsführung im Lindenhof, Segeberg, 1989 bis 1991 war ich auf Weltreise, 1991 wurde ich Inhaberin einer Szenekneipe in Rendsburg. 1993 bin ich Mutter einer tollen Tochter geworden, 2003 bis 2006 war ich Geschäftsführerin in der Traum Fabrik Kiel, von 2006 bis 2009 lebte ich in Portugal und 2010 ging’s zurück nach Deutschland. In Hamburg habe ich dann aus akutem Geldmangel die Geschäftsführung von Docks und Prinzenbar übernommen. Der Club bestand schon, war jedoch bereits gegen die Wand gefahren, und als ich das Docks gesehen habe, hatte ich direkt den Traum, einen Spielplatz für Erwachsene mit elektronischer Musik zu erschaffen. Wo Liebe, Freiheit und das Leben ihren Platz finden.

Marcel Janovsky: 1997 habe ich das Label Treibstoff gestartet und seit ca. 2004 gibt es die gleichnamigen Partys in der Location, die heute das Kölner Gewölbe ist. Im Gewölbe bin ich Resident-DJ, kümmere mich um Sound und Pflege der PA, regle Teile der Bookings und Bereiche am Backend des Clubs. Zudem veranstalte ich regelmäßig Partys im Odonien und einen großen Teil meines Büroalltags verbringe ich mit dem Künstlermanagement für Tim Engelhardt.

Was liebt ihr an eurem Job und wie viel bedeutet euch das Nacht- und Clubleben?

Alex Flach: Das Nachtleben ist eben mein Job und das Gros meiner Bekannten und Kumpels stammt aus diesem Umfeld. Aber: Mein Leben macht das schon lange nicht mehr aus. Man wird halt älter. Ich gehe zwar noch immer gerne aus, aber andere Dinge sind für mich ebenso wichtig geworden. Nur eines ist geblieben: Auf meinen AirPods läuft nach wie vor Techno, ob ich Tram fahre, wandere oder auf jemanden warte.

Lutz Leichsenring: Was ich vor allem liebe an dieser Tätigkeit, ist eindeutig das Umfeld. Die Menschen, die sich in dieser Szene tummeln, die habe ich einfach gerne um mich. Das sind Leute, denen ich vertraue – da habe ich auch einfach Spaß dran, mich für diese Gruppe einzusetzen. Natürlich auch wissentlich, dass die Clubszene so viel Einfluss hat auf Berlin als Stadt. Ich freue mich, dass ich da mitwirken kann und die Stadt durch die Szene lebhaft bleibt.

Klaus Unkelbach: Ich liebe die Entscheidungsfreiheit des Unternehmerdaseins, es war mir seit über 40 Jahren klar, dass ich nie in einem Anstellungsverhältnis arbeiten wollen würde. Da ich aber noch in anderen Branchen tätig bin, weiß ich auch: Die dem Clubbetrieb zugrunde liegenden Determinanten sind dieselben wie in allen anderen Branchen auch. Insofern bedeutet mir das Clubleben nicht mehr als das Unternehmertum in anderen Branchen. Selbstbezogenheit und übermäßige Clubliebe führen zu Betriebsblindheit, Selbstgerechtigkeit und unprofessionellem Verhalten.

Susanne Leonhard: Nach vier Monaten Corona merke ich, dass ich nicht anders kann, als meiner Berufung zu folgen, Menschen einander näher zu bringen und ihnen schöne Erlebnisse zu schaffen. Ich werde nicht in die Baubranche wechseln, nur weil diese gerade boomt.

Marcel Janovsky: Alles. Der Club, die Party, das Festival – das ist es, wo das Ganze passiert, also praktisch so was wie das Fußballspiel, für das man unter der Woche täglich stundenlang am Schreibtisch trainiert. Ich sehe mich als Spieler und mittlerweile auch als Trainer. Gibt es keine Spiele, fehlt das Ziel und damit auch die Vorfreude auf das eigentliche Ereignis.

Kannst du uns die aktuelle Situation rund um deinen Club erklären? Seit wann habt ihr geschlossen und was ist danach passiert?

Klaus Unkelbach: MTW, Robert Johnson und Silbergold sind seit dem 13. März geschlossen, seither ist dort nichts passiert. Der Yachtklub hat im Café-und Restaurantbetrieb seit dem 15. Mai wieder geöffnet und läuft sehr gut, Gott sei Dank.

Susanne Leonhard: Geschlossen haben wir seit dem 13. März. Über vier Monate Berufsverbot, ohne Aussicht auf Öffnung.

Marcel Janovsky: Das Wochenende, an dem wir die Türen nicht mehr geöffnet haben, war das vom 13. März. Der 14. März betraf direkt unseren Treibstoff Klub. Janeret aus Paris war gebucht und wir haben am Donnerstag beschlossen, die Veranstaltung nicht stattfinden zu lassen. Zwar gab es noch keinerlei Vorgaben vonseiten der Regierung, aber an dem Punkt war uns bewusst, dass wir bei einer Durchführung die Gesundheit der Crew und sämtlicher Gäste aufs Spiel setzen würden.

Lutz, wie sieht das Ganze bei der Clubcommission aus? Was hat sich seit der Schließung aller Clubs bei euch getan und welche Herausforderungen gilt es momentan zu meistern? 

Lutz Leichsenring: Das ändert sich eigentlich jeden Tag. Wir können uns nur in Monatsrhythmen in einer gewissen Sicherheit wähnen. Aber es gibt auch laufende Kosten wie Mieten etc., die gedeckt werden müssen, und natürlich hängen auch viele Mitarbeiter in Kurzarbeit, die auch nicht wissen, wie und wann es weitergeht. Diese Unsicherheit zieht sich wie ein roter Faden durch die vergangenen vier Monate Corona-Krise. Das komplette Ökosystem Club ist da stark betroffen. Also auch die ganzen Booking-Agenturen, Grafiker und alles, was da noch dranhängt. Diese Härtefälle werden auch immer stärker an uns herangetragen.

Was war der größte Schock in den letzten Monaten? Die Nachricht der Schließung? Die Nachricht des verlängerten Tanzverbots?

Alex Flach: Der Lockdown war schon sehr verstörend, ja. Vor allem diese Ungewissheit der ersten Wochen … Wie soll’s jetzt weitergehen?

Klaus Unkelbach: Das verlängerte Tanzverbot ist ein Gebot der Vernunft und war keine Überraschung. Der größte Schock: Ich zahle den festangestellten Mitarbeitern freiwillig 100 Prozent ihres Lohns weiter, und zwar seit März und trotz „Kurzarbeit null“ seit dem 13. März – das bedeutet, dass es keine Arbeit gibt, die festangestellten Mitarbeiter aber komplett bezahlt werden. Ich ging davon aus, dass die Arbeitsagentur nach ordnungsgemäß angemeldeter Kurzarbeit dem Antrag auf Erstattung des Kurzarbeitergelds zustimmen würde – wie überall. Der größte Schock war, dass der Erstattungsantrag mit der Begründung abgelehnt wurde, dass die gesetzlich vorgeschriebene Quote der Kurzarbeitergeld-Berechtigten nicht erreicht sei, da die Aushilfen einerseits ebenfalls zur Quotenermittlung zählen würden, andererseits nicht KUG-berechtigt seien. Nun muss ich mit anwaltlicher Hilfe den Rechtsweg beschreiten. Dass ich seit vier Monaten des totalen Nullumsatzes die Mitarbeiter zu 100 Prozent bezahle und natürlich auch Lohnsteuern und Sozialabgaben entrichte, ist der Arbeitsagentur egal. Die enthaltenen Arbeitslosigkeits-Versicherungsbeiträge werden gerne kassiert, geleistet wird nicht.

Susanne Leonhard: Der größte Schock war für mich, dass in Deutschland kritisches Denken nicht mehr akzeptiert wird. Es traut sich keiner mehr, seine Meinung zu sagen. Kritisches Denken und Meinungsfreiheit werden in diesem Staat nicht mehr geschätzt. Tanzen ist für mich ein Grundbedürfnis.

Marcel Janovsky: Meinen persönlichen Schock hatte ich an dem Abend, als das Robert Koch-Institut im Fernsehen verkündet hat, worauf sich die Krankenhäuser in Deutschland einstellen müssen. Das verlängerte Tanzverbot hingegen, das hat mich nicht überrascht.

Wie ist die Situation jetzt bei euch? Was macht ihr, um zu überleben? Welche Ideen habt ihr schon umgesetzt?

Alex Flach: Es ist ein Hin und Her. Die erste Lockerung in der Schweiz war wohl zu großzügig, jetzt wird gerade zurückbuchstabiert. Was ich sehr befremdlich finde, ist, dass das Nachtleben nicht in den Maßnahmenprozess eingebunden wird: Bund und Kantone hauen dem Nachtleben Maßnahmen um die Ohren, ohne vorher gefragt zu haben, ob die in der Realität ökonomisch überhaupt umsetzbar sind.

Klaus Unkelbach: Wir nutzen alle Unterstützungsmöglichkeiten aus: staatliche Coronahilfe, Stundungsvereinbarungen, kommunale Hilfen, Spendenkampagne, Steuererstattungen aller Art.

Susanne Leonhard: Wir entwickeln gerade ein verrücktes Barkonzept für die Wochenenden, das soll ab dem 1. August umgesetzt werden. Wichtig ist dabei, dass wir, unsere Veranstalter und Künstler wieder Kontakt zu unserem Publikum bekommen, damit keine Entwöhnung stattfindet.

Marcel Janovsky: Am Gewölbe haben wir eine kleine Outdoor Bar etabliert. Das wird gut angenommen, ist aber wirtschaftlich keine wirkliche Hilfe, um den Laden über Wasser zu halten. Das Projekt ist gut für den Teamspirit und unsere Gäste haben wieder Kontakt zur Basis. 

Wie schätzt ihr persönlich die dramatische Situation ein, in der sich die Szene momentan befindet?

Lutz Leichsenring: Es fühlt sich ein bisschen an wie in einer Wiederholungsschleife. Die Situation hält sich nur, weil die Rettungspakete zum richtigen Zeitpunkt kommen. Aber das können auch nicht alle Clubs behaupten. Besonders die Berliner Clubs werden sehr stark unterstützt von der politischen Seite. Aber das ist ja auch kein Blankoscheck, den man bekommt, egal, wie lange die Krise anhält. Erstens fallen viele auch noch durchs Raster, weil diese Hilfspakete teilweise nicht greifen, aus welchen Gründen auch immer. Zum anderen dauert es auch sehr lange, bis diese Pakete ausgezahlt werden. Da kommen also auch viele in Schieflage, weil sie zum Beispiel die Mitarbeiter vorbezahlen und dann erst Kurzarbeitergeld bekommen. Diese Dramaturgie erleben wir sozusagen immer wieder in Intervallen. Also ist das definitiv keine schöne Situation für Clubs, die ja sonst schon sehr stark auf ihre Unabhängigkeit achten und niemals in diese Abhängigkeit rutschen wollten. Das ist also kein Szenario, das sich irgendein Clubbetreiber hätte vorstellen können. 

Alex Flach: Ich denke, dass die Maskenpflicht auch in der Schweiz kommen wird. Und dann kommt es nur darauf an, wie sehr das Club-Publikum gewillt ist, das anzunehmen. Anfangs war ich sehr skeptisch, was die Maskenpflicht auf Partys anbelangt; aus vielen verschiedenen Gründen. Mittlerweile sehe ich das Ganze nicht mehr so negativ, auch wegen der positiven Erfahrungen, die die Clubs gemacht haben, die sie bereits eingeführt haben.

Klaus Unkelbach: Da ist noch ein langer, langer Weg zu gehen. Klingt zynisch, aber dennoch: Ruhe bewahren!

Marcel Janovsky: Bisher scheinen alle irgendwie durchzuhalten. Wichtig ist, dass wir Ruhe bewahren und nicht die Nerven verlieren. 

Was müsste eurer Meinung nach getan werden, um die Club- und Veranstaltungsbranche weitreichend zu unterstützen?

Alex Flach: Eines muss auf jeden Fall festgehalten werden: Ein weiterer Lockdown des Nachtlebens muss definitiv an eine angemessene finanzielle Entschädigung durch den Bund und die Kantone gekoppelt werden. Es kann doch nicht sein, dass man einem Wirtschaftszweig ein faktisches Berufsverbot erteilt und ihn dann im Regen stehen lässt.

Lutz Leichsenring: Wir müssen uns erst mal darauf einstellen, dass das noch für mehrere Monate so bleiben wird, deswegen muss da auch unbedingt noch mehr gemacht werden; allein weil sich der Zeitraum noch verlängern wird. Wir haben schon in mehreren Städten gesehen, dass sich Clubs schnell in eine Art Petrischale verwandeln können und dort die Voraussetzungen gut sind, dass sich viele Menschen infizieren. Wir können natürlich durch Lüftungssysteme, Maskenschutz und Partys in Außenbereichen versuchen, Partys wieder stattfinden zu lassen, aber auf diese Indoor-Sache müssen wir sicher noch länger verzichten. Das ist sehr schade, weil die Clubkultur natürlich davon lebt, dass sich Menschen auf engem Raum aufhalten, austauschen und Körperkontakt haben.

Klaus Unkelbach: Die Clubbranche sollte sich zuerst selbst unterstützen und ihren ausufernden Aktionismus beerdigen. Außerdem: niemals, wirklich niemals wieder einen dermaßen kontraproduktiven, überheblichen, ignoranten Quatsch wie „Schlauchbootdemos“ und ähnliche Image-Kamikazeattacken durchführen. Sodann: professionelle, zentrale Öffentlichkeitsarbeit mit zutreffender Selbsteinordnung zum Thema Clubs seien nicht systemrelevant und – bezogen auf die Infektionswahrscheinlichkeit – gefährlich. Dann punktet man bei der Öffentlichkeit und – im weiteren Verlauf – bei der auf Wählerstimmen schielenden Politik.

Susanne Leonhard: Berufsverbot beenden und das Tanzen wieder erlauben!

Marcel Janovsky: Grundsätzlich fehlt es in der Politik und in den Ämtern an Bewusstsein für unseren Wirtschaftszweig. Es gibt praktisch null Erträge, aber Fixkosten durch Mietverträge, Löhne, Instandhaltung etc. Natürlich kann man vieles trockenlegen, aber ein beachtlicher Teil bleibt, der monatlich erwirtschaftet werden muss. Stehen die Läden irgendwann leer, dürften Vermieter es schwer haben, neue Konzepte und Abnehmer für ihre Gebäude zu finden. Wer möchte schon aktuell in gastronomische Konzepte investieren? Ein ehemaliger Club lässt sich außerdem baulich nicht im Handumdrehen an die Bedürfnisse anderer Geschäfte anpassen. Daher sollte sich die Politik zügig Gedanken machen, ob sie kritische Felder wie das unsere bis zur Wiedereröffnung unterstützen oder durch Schließungen langfristig auf Steuereinnahmen aus unserer Branche verzichten möchte.

Seid ihr zufrieden mit der Unterstützung, die eure Clubs vom Staat bekommen haben? Was wurde in eurer Stadt oder Kommune getan, um den Clubs zu helfen?

Alex Flach: Nein. Die Unterstützung durch den Staat während des ersten Lockdowns war in meinen Augen nicht zufriedenstellend. Das Einzige, was zufriedenstellend war, war der Punkt Kurzarbeit. Aber ansonsten …

Klaus Unkelbach: Ja, ich bin – bis auf die Arbeitsagentur – zufrieden mit der Unterstützung staatlicher Stellen. Auch die Kommune hat getan, was sie konnte. Damit hatte ich nicht gerechnet.

Susanne Leonhard: Hamburg hat einen Rettungsschirm für Live-Clubs, leider profitiere ich davon nicht, weil ich unser für den Bau einer neuen Bühne gespartes Geld für unsere Rettung ausgeben muss. Kurzarbeit für mein Personal hilft nur bedingt.

Marcel Janovsky: Bekanntermaßen fällt die Unterstützung sehr gering aus und es ist frustrierend, mit anzusehen, wie andere Branchen gefördert werden und millionenschwere Unternehmen vom Staat Unterstützung erhalten, obwohl wir einen beachtlichen Wirtschaftszweig bilden. 

Gerade der Kommentar von Markus Söder bei der Pressekonferenz am 30. Juni – „Aber Sie können ja zum Beispiel zu Hause mit Ihrer Partnerin tanzen” – sorgte in der Szene für Empörung. Da bekommt man leicht das Gefühl, ignoriert und missachtet zu werden. Wie siehst du das? 

Alex Flach: Auch in der Schweiz hat man mittlerweile mitgekriegt, dass Markus Söder nicht die hellste Lampe im Politladen ist. Dieses Teil komplettiert das Puzzle bloß ein wenig mehr.

Lutz Leichsenring: Söder ist jetzt natürlich nicht dafür bekannt, dass er ein Advokat für Clubkultur ist, geschweige denn Ahnung davon hat. Da hat seine flapsige Aussage dann auch gezeigt, dass er das offensichtlich nicht so ernst nimmt und nicht weiß, was dahintersteckt. Wenn er wüsste, wie prägend die Szene für Groß- und Kleinstädte ist, dann hätte er das wahrscheinlich nicht gesagt. Da ist es dann auch an uns, Überzeugungsarbeit zu leisten und klar zu machen, dass es nicht darum geht, mit dem Partner zu tanzen, sondern dass da ganz viele Schicksale dran hängen. Es geht um Hunderttausende Künstler, um jeden, der vor oder hinter der Bühne tätig ist, um Barpersonal, Fotografen, Grafiker und Lichttechniker. Es ist eine große Gruppe von Menschen, die im Wesentlichen von der Bespielung von Bühnen abhängig ist. Das dann einfach abzutun mit „dann tanzen wir halt mal zu Hause“ ist ein bisschen ignorant und da kann ich auch verstehen, dass man empört ist.

Klaus Unkelbach: Wer sich ignoriert oder missachtet fühlt, nimmt sich zu wichtig. Markus Söders Aussage ist einerseits nicht ernst gemeint, andererseits vor folgendem Hintergrund verständlich: Es ist utopisch, dass sich die Politik jemals hinter die Clubszene stellen wird. Politiker wagen bloß deshalb nicht, anderen und sich selbst einzugestehen, dass Clubs für sie bedeutungslos sind, weil sie Schiss vor dem Imageverlust bei jungen Wählern haben oder befürchten, „ihre Stadt“ wäre ohne Clubs uncool. Welcher Politiker geht denn in Clubs? Keiner. Sie gehen in Restaurants, fahren Autos, wohnen in Eigentums- oder Mietwohnungen, verreisen, lassen sich von Ärzten betreuen, besitzen Bankkonten, besuchen Museen, Konzerte und Kinos und können somit all diese genannten Branchen und Leistungen gut einschätzen bzw. deren Situation in Corona-Zeiten nachvollziehen. Aber Clubs kennen sie nicht, kein bisschen. Das zeigte sich bereits vor neun Jahren im Zuge der GEMA-Tarifauseinandersetzungen.

Susanne Leonhard: Die Aussage von Söder fordert Leute wie meine Gäste leider dazu auf, wieder in den Underground gehen – also hinter verschlossener Tür zu tanzen.

Marcel Janovsky: Herr Söder tanzt für die CSU. Was ist denn mit den Menschen, die keine Partnerin oder keinen Partner haben? 

Wie schätzt ihr die Lage ein: Wann dürfen die Clubs und Festivals wieder loslegen?

Alex Flach: Ich absolviere gerade eine Ausbildung zum eidgenössisch diplomierten Hellseher. Sobald ich mein Diplom in Händen halte, kann ich dir diese Frage sicher beantworten. Ernsthaft: Wenn die Maskenpflicht kommt, wenn sie umgesetzt werden kann und wenn das Publikum diese auch annimmt, dann sehe ich keinen Grund, warum noch länger etwas geschlossen bleiben sollte.

Lutz Leichsenring: Wir hoffen erst mal, dass es nicht erst Anfang nächsten Jahres einen Impfstoff gibt, sondern schon Ende dieses Jahres – das ist eigentlich die große Hoffnung, die wir hier alle haben. Mit dem Impfstoff wäre zumindest schon mal gegeben, dass sich die schwächeren und älteren Menschen schützen könnten. Danach könnte die Bevölkerung eben nach und nach durchgeimpft werden. Ich bin natürlich kein Virologe und das ist nur mein Laienwissen, aber dann bestünde doch die Möglichkeit, Clubs wieder laufen zu lassen. Auch mit der Gefahr, dass sich die Leute infizieren, aber dann sind eben die Menschen aus den Risikogruppen geschützt. Wir wollen ja nicht in einer Gesellschaft leben, in der uns das völlig egal ist, dass Menschen ernsthaft erkranken, nur weil wir unbedingt die Clubs wieder öffnen möchten. Die wirtschaftliche Existenz der Clubs muss zwar gewahrt werden, aber man muss auch solidarisch gegenüber der gesamten Gesellschaft sein. 

Klaus Unkelbach: (Outdoor-)Festivals wird es frühestens 2021 geben, Clubs sollten erst wieder öffnen, wenn ein Impfstoff gefunden ist oder es zuverlässige Soforttests gibt. Alles andere ist Flickwerk und (lebens-)gefährlich.

Susanne Leonhard: Nach den Worten von den Politikern erst in zwei Jahren oder später.

Marcel Janovsky: Unsere Szene ist nicht COVID-19-tauglich, da kann man schimpfen, auf wen und so viel man will. Sicherlich gilt es, an Konzepten zu arbeiten, die kleine Ereignisse ermöglichen, aber ein Festival oder Clubs mit verschwitzten Dancefloors werden wir uns mindestens bis zu dem Zeitpunkt verkneifen müssen, bis eine gesunde Immunität in der Bevölkerung vorhanden ist. Diese liegt nach meinen Informationen bei mindestens 60 Prozent, und vor dem Frühjahr 2021 ist damit wohl nicht zu rechnen.

Was sagt ihr zu den illegalen Raves und Partys, die trotz Corona stattfinden? Fühlt ihr euch ungerecht behandelt, wenn man bedenkt, dass Veranstaltungen und Demos mit Tausenden Leuten stattfinden dürfen bzw. nicht untersagt werden? Denkt ihr, das ist vernünftig?

Alex Flach: Keineswegs, nein. Und ich hoffe, die Politik sieht schnell ein, dass sie diese illegalen Veranstaltungen in großer Zahl züchtet, wenn sie das Nachtleben weiterhin geschlossen hält. In Clubs und in Bars kann man ein Tracing installieren und gegebenenfalls die Umsetzung einer Maskenpflicht kontrollieren. Und die Leute wollen jetzt feiern, und das in sehr großer Zahl. Ob illegal oder legal.

Lutz Leichsenring: Na ja, also wir sollten da echt kritisch sein und den Clubbetrieb nicht wieder aufnehmen. Wir haben nach wie vor eine Pandemie und ein Virus, gegen das es keinen Impfstoff gibt. So lange das der Fall ist, müssen wir auch sehr vorsichtig sein, welche Forderungen wir stellen. Eine sofortige Öffnung der Clubs ist ein Risiko und bedeutet eine Stigmatisierung der ganzen Szene. Wir müssen da gerade sehr aufpassen. Es sind aktuell noch sehr viele Fragezeichen da. Auch wenn im Außenbereich z. B. Demonstrationen stattfinden, ist das noch mal eine andere Sache, als über mehrere Stunden hinweg einen prall gefüllten Club zu betreiben. Da muss man dann das Risiko abwägen. Am Ende trägt das Risiko der Clubbetreiber. Der hat die Verantwortung gegenüber seinen Mitarbeitern, die natürlich auch Gesundheitsschutz verlangen, und genauso gegenüber den Gästen. Man würde auch ganz schnell Schlagzeilen machen, wenn man in irgendeiner Weise daran schuld wäre, wenn eine Party in einer riesigen Infektion endet.

Klaus Unkelbach: Ich fühle mich nicht ungerecht behandelt, sondern bin froh, dass sich bei uns – in einem geschlossenen Club – niemand infizieren kann. Unterstützungsgelder sind immer Steuergelder der Bürger, wenn diese Bürger infolge maximal unvernünftiger, dreister, ignoranter Aktionen Aversionen gegen die Clubbranche entwickeln – da wird nämlich wenig hinsichtlich legal/illegal differenziert –, sieht es nicht gut aus für öffentliches Verständnis und staatlichen Finanz-Support. Insofern ist die Clubbranche gut beraten, alles Illegale abzulehnen und zu unterbinden.

Susanne Leonhard: Ich kann die Menschen verstehen, denn sie sind ihrer Grundrechte beraubt – das ist für mich ein stiller Protest. Gerade die „Black Lives Matter“-Demos im ganzen Land haben doch bewiesen, dass trotz der Nähe die Ansteckungszahlen nicht in die Höhe geschossen sind. Schöner Beweis.

Marcel Janovsky: Illegale Raves sind die logische Konsequenz in einer solchen Situation und sie müssen auch stattfinden. Was nicht geschehen darf, sind Veranstaltungen wie diese unsägliche „Gummiboot Party“ in Berlin, wo das Demonstrationsrecht missbraucht wurde, um mal wieder die Sau rauslassen zu können. 

Was können eure Supporter, Fans, Stammgäste und unsere Community tun, um euch zu unterstützen?

Alex Flach: Die Vernunft ein- und den Panikmodus ausschalten.

Lutz Leichsenring: Wir sammeln weiterhin Spenden, weil uns das eine gewisse Flexibilität gibt. Damit wir weiterhin handlungsfähig sind, wenn es eng wird, und wir nicht auf Banken vertrauen müssen, sondern uns selbst helfen können. Wenn ihr also den ein oder anderen Euro übrig habt und solche Aktionen wie „United we stream“ gut findet, dann unterstützt uns gerne. Ansonsten seid bitte vorsichtig, auch wenn ihr zu Hause oder im Park oder wo auch immer feiert – macht das bitte mit einem entsprechenden Schutz. Wir sind einfach inmitten einer Pandemie, dessen müssen wir uns bewusst sein. Wir sind zwar bisher in Deutschland ganz glimpflich davongekommen, aber wir können eine zweite Welle einfach nicht gebrauchen.

Klaus Unkelbach: Alle können gerannt, gerannt, gerannt kommen, wenn wir wieder ans Netz gehen.

Susanne Leonhard: Auf die Straße gehen und gemeinsam tanzen – bis das Verbot gekippt ist oder der Arzt kommt.

Marcel Janovsky: Kommt wieder, wenn es weitergeht! Auch wenn wir nicht mehr jedes Wochenende die tollen Headliner im Programm haben. Ich wünsche mir schon lange, dass die Szene wieder mehr lokale Acts abfeiert und nicht nur da ist, wenn der gebuchte 3000-Euro-DJ seinen Slot von 2:00 bis 4:00 Uhr spielt. Kleinere Gagen und weniger Reisen bedeuten weniger Kosten – und damit ließen sich auch die Preise zuvorkommend gestalten.

 

Aus dem FAZEmag 102/08.2020
Text; GInger Lemm
Foto Marcel Janovsky: Katja Ruge

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