Baukasten DJane5

Marc DePulse – aus dem Leben eines DJs: Baukasten DJane


„Jenny Villalobos hat dich eingeladen, ihre neue Seite DJane Jenny Villalobos mit „Gefällt mir“ zu markieren.“ Der Name ist natürlich fiktiv, aber sinnbildlich für das, was seit etlichen Jahren in der Szene passiert: Bekannte DJs machen ihre Freundin oder Frau plötzlich zur DJane. Pünktlich zur neuen Social-Media-Präsenz gibt es auch gleich das erste Release. Nanu, auf dem Label, wo der Göttergatte ja auch veröffentlicht. Vom Sound her klingt die Single auch genauso. Huch, in der gleichen Booking-Agentur ist sie jetzt auch schon gelistet. Verrückt, was es für Zufälle gibt.
Zynismus beiseite. Auflegen kann jeder und jede. Eine spontane Taschenkontrolle im Club würde anno 2017 vermutlich mehr USB-Sticks als Drogen zum Vorschein bringen. Jeder will plötzlich DJ sein, jeder kann die paar Knöpfchen am Pult drehen und natürlich möchte jeder mit der Masse schwimmen und auf den Zug aufspringen. Der Zug des Ruhms, im Mittelpunkt zu stehen, sich feiern zu lassen, zu reisen, die Welt zu sehen und dabei auch noch Geld zu verdienen.

Doch es mutet schon ein wenig seltsam an, wenn ein mehr oder minder erfolgreicher DJ/Produzent seine Lebensabschnittsgefährtin aus dem eigenen Schlafzimmer heraus über Nacht zum neuen Star am DJ-Himmel befördert. Mädels, die es aus Eigenantrieb heraus vermutlich nie für möglich hielten, sind plötzlich dick im Geschäft. Denn sie werden sprichwörtlich in den Markt hinein „installiert“, um einmal die komplette Marketingmaschinerie Punkt für Punkt drüber laufen zu lassen: hübsches Äußeres, gute Mixtapes (versehen mit einer Unmenge starker Reposts des Gatten, um sofort viele Plays, Likes und Fans zu generieren), dazu direkt ein amtliches Release auf einem angesagten Label (freilich produziert von Selbigem). Radiointerviews, Magazinbeiträge und unzählige DJ-Referenzen sind natürlich längst vorhanden, notfalls werden ein paar ultra-underground klingende Clubs dazu erfunden – wer will es denn bei der Masse noch nachvollziehen? Hauptsache es liest sich von Beginn an wichtig. Dazu noch ein paar geheimnisvolle Pressebilder und fertig ist es, das Kunstprodukt. Was mit Kunst in etwa so viel zu tun hat, wie Red Bull mit traditionsreichem Fußball. Ich verwende diesen Vergleich bewusst als Anhänger von RB Leipzig, denn man sollte trotz aller Kritik auch immer die Kehrseite beleuchten, die im Auge des Betrachters vielleicht sogar viel schöner sein kann.

Worauf ich hinaus will: Natürlich will ich niemandem die Qualität absprechen, aber es sieht von außen so aus, als würde man einen völlig talentfreien Menschen ins Haifischbecken der Musik werfen, um das Produkt jetzt einfach mal richtig auszuschlachten, um noch mehr Kohle in den eigenen Haushalt zu wirtschaften, um für die eigenen Gigs immer öfter das Warm-up aus dem eigenen Bedroom zu stellen. Nur entsteht dadurch halt ein ziemlich kunstfreier Raum.

Jeder musikinteressierte Mensch hat einen eigenen Geschmack, geht gerne feiern. Aber ist man dadurch gleich ein erfolgreicher DJ? Nein, natürlich nicht. Erfolg ist die Summe aus dem ganzen Entertainment-Paket, was hier von Beginn an jedoch auf sehr gesunden Füßen steht. Der Weg ist also frei in eine steile und erfolgreiche Karriere, kann man doch sein erlerntes Wissen wunderbar einsetzen, kennt die Kniffe des Business und weiß Fehler aus der eigenen Vergangenheit zu vermeiden. Eine Karriere, die vermutlich dann endet, wenn die Beziehung in die Brüche geht.
Doch das ist dem Endnutzer natürlich egal. Man will schließlich gute Musik hören. Woher sie kommt, ist ja erst einmal zweitens. Namen sind sowieso Schall und Rauch und der Blick hinter die Kulissen ist nicht für jeden so interessant. Hauptsache der Output stimmt.

Liebe Mädels! Ist es wirklich das, was ihr wollt? Dann tut es. Aber lasst euch nicht durch eine Schnapsidee instrumentalisieren und ins raue Business hineinwerfen. Man kann im Endeffekt dazu stehen wie man will. Für mich lege ich fest: Miss DePulse wird keine DJane.

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www.marc-depulse.com 
Bild: ZOVV