Marc DePulse – aus dem Leben eines DJs: I’m back on the road!

Es ist eine allseits bekannte Floskel, die schon fast inflationär von DJs genutzt wird, wenn die kommenden Gigs ankündigt werden: „I’m back on the road!“ In diesen Tagen ein leichter Jubelschrei, waren doch vor Kurzem noch Reisen und öffentliche Auftritte entweder moralisch nicht vertretbar oder schier unmöglich. Zu sehr hatte uns das Pandemie-Geschehen im Griff. Harter Lockdown, Lockdown light, Lockdown zero. Hmm, lecker? Nicht.

Im Juni ging es dann ganz schnell. Plötzlich bekamen wir wieder die Möglichkeit zu tanzen. Für viele DJs könnte der Spielfilmtitel der letzten Wochen lauten: „Wenn der Booker drei Mal klingelt.“ Heute hier, morgen dort. Anfragen sprossen aus dem Boden wie selten zuvor. Also los, den Reisekoffer entstauben, die Reisegutscheine des Vorjahres einlösen und überhaupt erst einmal wieder Musik konsumieren. Noch einen Schnelltest ziehen und ab ging der wilde Ritt. Gefühlt hatte ich in den letzten Wochen mehr Stäbchen in der Nase als ich Bier getrunken habe. Aber, egal wie, Hauptsache man konnte wieder ein stückweit Berufsfreiheit genießen, sei es auch nur der nächste Maskenball. Dafür war die Abstinenz zu lang. Das Verlangen nach drückenden Bässen, feiernden Leuten, kühlen Drinks und Geselligkeit ist schließlich unser Elixier. Und selbstverständlich ist es schön, wenn man nach so langer Zeit mal wieder ein paar Shows ankündigen kann, die vor Menschen stattfinden und nicht vor Kameras.

Doch irgendwie freut man sich über den Sommerkalender nur bedingt, kann man doch nach wie vor nur ungewiss planen. Während ich diese Zeilen schreibe, kann die Faktenlage urplötzlich wieder kippen. Selten waren Nachrichten so kurzlebig wie in diesen Tagen. Ist heute ein Trip ins Risikogebiet noch unmöglich, könnte selbiges morgen schon wieder eine Partyhochburg sein und umgekehrt. Vor allem Auftritte im Ausland werden tagtäglich auf den Prüfstand gestellt und können auch mal kurzfristig ausfallen. Wir haben im letzten Monat übrigens so viele Reiserücktrittsversicherungen für mich abgeschlossen wie noch nie zuvor. Es ist also gerade ein ziemlicher Eiertanz, möchte man anno Mutant Delta „part of the game“ sein.

Sommer, Sonne, so ein Schein – trügt er etwa nur? Einzig die Hoffnung auf einen besseren Ausgang piekst uns dieses Jahr in den Arm oder immunisiert sich womöglich von dannen. Trotzdem stehen wir vor den gleichen Rätseln: Wie viel Geduld müssen wir noch aufbringen? Wie lange halten wir noch durch und haben wir überhaupt noch Kraft und Mittel dazu?

Der aktuell gebremste Optimismus ist durchaus begründet, verfügt man doch nunmehr als Pandemie-Experte über große Erfahrungswerte und weiß: Der Spaß geht so lange, bis die Temperaturen wieder fallen oder uns neue Virus-Varianten und Inzidenzen einholen und das restliche Jahr vermiesen. Gibt es wirklich berechtige Hoffnungen auf ein Ende der Leidenszeit oder erleben wir alle im Herbst das nächste Déjà-vu? Für diesen Fall stellt sich die Frage: Welche Förderprogramme liegen bereits in der Schublade oder ruht sich die Regierung gerade wieder auf den niedrigen Zahlen aus? Zu viele schlechte Erfahrungen brachte das Vorjahr mit sich, wären November- oder Dezemberhilfen ohne den öffentlichen Aufschrei wohl nie gekommen. Eine Neustarthilfe wurde nur auf Nachdruck initiiert, dafür aber mit vielen Hürden versehen.

Quo vadis Kunst und Kultur? Sah man in einigen Ländern volle EM-Stadien, erlebten wir hierzulande immer noch Regionen, die wochenlangen Null-Inzidenzen nicht über den Weg trauten, denn „Wir wollen das Erreichte nicht gefährden!“ Hat der gewinnbringende Sport also einen höheren Stellenwert als die Kultur? Rhetorisch gefragt.

Wie so oft bleibt uns nix anderes übrig, als abzuwarten und Tee zu trinken. Wohin die Reise dieses Jahr noch geht? Hinterher werden wir schlauer sein. Zumindest hat sich die Anschaffung eines Terminkalenders für 2021 schon mal mehr gelohnt als noch im Vorjahr.

 

Aus dem FAZEmag 114/08.21
Text: Marc DePulse
Foto: privat
www.facebook.com/marcdepulse

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