Über zwei Jahrzehnte hat er viel erlebt, viel selbst in die Hand genommen und viele andere damit geprägt. Die Bar25 und sein Label Katermukke gehören zu seinen wichtigsten Stationen. Nun hat es Velten Döring geschafft, sein Debütalbum „Euch die Uhren uns die Zeit“ zu veröffentlichen. Wir wollten von ihm mehr über sein Konzept erfahren und haben nachgefragt.

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Du bist seit Jahren ein sehr gefragter DJ, bist weltweit vernetzt und präsent. Verglichen mit vielen anderen Menschen, verbringst du viel Zeit damit, von A nach B zu reisen und vor allem Zeitpläne einzuhalten, ob auf der Bühne oder bei deinem Label. Man könnte also annehmen, dass wenn es dir an etwas fehle, es wohl die Zeit sein müsse. Wie viel Utopie steckt hinter dem Albumtitel und welchen tiefen Wunsch offenbart dieses Konzept, das weltweit und seit jeher auf offene Ohren stößt?

„Euch die Uhren, uns die Zeit“ ist ja letztendlich eine Utopie. Eigentlich gehören sie ja zusammen, Uhren und Zeit, aber bei dieser Aussage wird das infrage gestellt. Uhren geben immer die Zeit an und vor, bei unserer inneren Uhr ist das anders. Da kann die Zeit beinahe zum Stillstand kommen oder wie im Flug vergehen. Somit ist Zeit eine persönliche und ganz individuelle Empfindung. Für die einen geht das DJ-Set ewig, die anderen fanden es viel zu kurz.

Und wie steht es hier um dein persönliches Empfinden?

Je älter ich werde, desto mehr hab ich das Gefühl, dass die Zeit verfliegt.
Manchmal denke ich auch, je mehr ich zu tun habe, desto schneller verfliegt die Zeit. Alles hängt mit dem inneren Gefühl zusammen. Es ist jedoch ein schöner Gedanke – wir haben Zeit und brauchen dafür keine Uhren. Umgekehrt ist es ja so, dass wir immer mehr von der Uhr abhängig sind. Der ganze Alltag richtet sich nach einem Zeitplan, nur unsere eigene Uhr macht, was sie will. Die Partys gehen viel zu schnell vorbei, doch wehe wir müssen mal fünf Minuten auf den Bus warten, eine gefühlte Ewigkeit.

Du bist in einer Branche tätig, die dafür bekannt ist, die Zeit „anzuhalten“, einen Ausstieg anzubieten aus genau diesem Planungsstress, der scheinbar „optimalen“ Nutzung der Zeit. Die Bar25 lieferte hier einen weiteren Aufhänger. Endlose DJ-Sets. Endlose Party. Es scheint, als wandelst du zwischen den Welten, zwischen der des professionellen Zeitmanagers, des Planers, der die Zukunft gestalten möchte, und der des Aussteigers, der nichts von dem wissen möchte, was weiter in der Zukunft liegt als die kommenden vier Takte. Wie erlebst du diesen Spagat von Wochenende zu Wochenende?

Das ist wirklich ein Spagat. Ein Spagat zwischen lost und wasted, gestrandet auf der Afterparty, im Hotel, im Flughafen – und dann in der Realität unter der Woche. Doch letztendlich ist auch die Zeit am Wochenende extrem durchgetaktet: vom Fahrer zur Playtime über das Boarding, Dinner, Meeting bis hin zum Check-out im Hotel. Das ist sehr anstrengend, klar, wird aber oft belohnt von den Leuten, die zu meinen Sets kommen. Die Veranstalter und auch mein Booking-Team geben sich große Mühe, alles so angenehm wie möglich zu gestalten. Trotzdem gehen Sachen schief, für die niemand etwas kann, und das kann dann auch sehr zermürbend sein. Ich erlebe manchmal alles an einem Wochenende und dann auch noch während der Woche mit den anderen beruflichen Aufgaben. Man muss also lernen, damit umzugehen, das erfordert viel Geduld – und Zeit.

Wie würdest du die optimale Nutzung der Zeit definieren?

Es ist so: Wenn alles optimal läuft, vergeht die Zeit meistens schneller, als wenn nichts optimal läuft. Somit ist es immer schwer, die Zeit optimal zu nutzen. Bei gewissen Sachen funktioniert das, bei vielen auch nicht. That’s life! Immer dann, wenn mir keiner vorschreibt, was ich zu machen habe, ist das die optimale Nutzung der Zeit.

Was würdest du gerne in deinem Alltag ändern, um mehr Zeit zu haben? Oder anders gefragt: Wofür hättest du gerne mehr Zeit?

Weniger Zeit mit Reisen verbringen, mehr Zeit für Freunde, Freizeit, Sport, Hobbys und Quality-Time. Es ist zum Beispiel sehr schwer, Sachen zu unternehmen, die eine gewisse Regelmäßigkeit erfordern. Bei meinem Kalender kann ich einfach nicht jeden Mittwoch im Sommer um 18 Uhr, das heißt, viele Sachen, die ich nebenbei in meiner Freizeit unternehme, muss ich flexibel gestalten können.

Was verstehst du unter Zeitverschwendung?

Dieses Jahr haben irgendwie fast alle Flüge Verspätung, sinnlose Zeitverschwendung in meinem Fall. Es geht Zeit verloren, die mir dann irgendwo fehlt, beim Set zum Beispiel. Oder wenn man extra früher zum Flughafen fährt, weil man noch etwas essen möchte, und dann kommt man wegen Stau doch erst kurz vor knapp an. Da geht der Reisetag schon gut los.
Im Nachhinein hätte man sich das dann sparen können. Auch warten ist in meinen Augen immer reine Zeitverschwendung.

Lass uns wieder zum eigentlichen Thema, zu deinem neuen Album, zurückkehren. Wie lange hast du für „Euch die Uhren uns die Zeit“ gebraucht?

Das Album entstand über einen Zeitraum von ungefähr sechs Monaten. Ich wollte ein Album aus einem Guss, keine alten, angefangenen Tracks oder bisher unveröffentlichte Nummern, sondern komplett neu und einem einzigen Zeitfenster entsprungen.

Wo entstand das Album oder dessen Tracks? Spielten diese Orte eine übergeordnete Rolle bei der Produktion?

Das Album entstand in Berlin und Kapstadt, wobei die Ideen immer unterwegs aufkamen und in Berlin fertig produziert wurden.

Wie wichtig war es dir, ein Konzeptalbum zu produzieren, das nicht nur einem roten Faden folgt, sondern auch mehr hergibt als funktionale Clubmusik? Welche Vorteile oder welchen Mehrwert siehst du darin als Club-DJ?

Ein reines Club-Album kam für mich nicht infrage, denn ich wollte ein Album produzieren, das man ganz durchhört, von Anfang bis Ende. Ich glaube, dass jeder DJ und Produzent irgendwann mal ein Album machen sollte. Bei mir hat es eine ganze Weile gedauert, doch nach 20 Jahren Auflegen habe ich es geschafft. Natürlich war auch hier die Zeit ein wichtiger Faktor.

20 Jahre sind eine lange Zeit. Geschmäcker, Ansichten und Interessen wandeln sich mit der Zeit. Ist dieses Album auch gleichzeitig der Beginn einer neuen musikalischen Ausrichtung oder bleibt der Fokus auf dem Dancefloor?

Der Fokus bleibt weiterhin auf dem Dancefloor. Für mich stand jedoch fest: Falls ich mich auf ein Album einlasse, dann sollte es sich nicht wie vier zusammengeschusterte EPs anhören, sondern vielschichtiger und aus einem Guss sein, ähnlich wie ein Mixtape. Man sollte es von vorn bis hinten durchhören und die Zeit dabei vergessen können.

Auf Katermukke hast du bereits mehrmals mit Bands zusammengearbeitet und auch im Album kommen klassische Instrumente zum Einsatz. Wirst du uns „Euch die Uhren uns die Zeit“ auch live präsentieren?

Die Idee dazu gibt es bereits und am liebsten würde ich das natürlich mit einem Orchester umsetzen. Das wäre wirklich mega! Um so etwas zu realisieren, braucht man aber eine ganze Menge Zeit – und die habe ich gerade nicht. (lacht)

Nach einem sehr heißen, trockenen und natürlich ereignisreichen Sommer beginnt so langsam auch wieder die Clubsaison. Wohin führt dich dein Weg in den kommenden Wochen? Wo freust du dich auf ein Wiedersehen, wo auf ein Debüt?

Dieses Jahr spiele ich das erste Mal in Hongkong. Darauf freue ich mich riesig. Ich war noch nie im Land der aufgehenden Sonne. Da sollen ja die Uhren auch anders gehen. Bezüglich der Clubsaison: Ich freue mich, wenn es hier wieder losgeht, denn das bedeutet in der Regel, dass man alte und langjährige Partner sowie Freunde wieder trifft. Besonders freue ich mich natürlich auf die Katermukke-Showcases in ganz Europa. Es wird wieder dunkel!

Wohin wird es euch verschlagen?

Labelnächte stehen unter anderem an in Berlin, Hamburg, Zürich, Frankfurt, Amsterdam, Leipzig, München und Basel. Auch in Kairo und Kapstadt werden wir mit Katermukke am Start sein.

Und bis dahin versorgt uns das Label sicherlich mit dem ein oder anderen neuen Release, oder?

Mit einer Menge sogar! Diese kommen von Britta Unders, Chris Schwarzwälder, Midas 104, Pauli Pocket & Daniel Jaeger & Foolik, Kostakis, Jan Mir, Animal Trainer sowie Roderic.

Wird auch von dir schon etwas Neues kommen oder gibst du deinem Album erst mal Zeit, sich zu entfalten?

In diesem Jahr wird es kein neues Release mehr von mir geben, ich bin jedoch gerade mit der Planung einer Remix-EP für das nächste Frühjahr beschäftigt. Wer und wie, das ist noch nicht sicher, aber bis dahin haben wir ja noch ein bisschen Zeit – und da ist sie wieder, die Zeit!

 

 

Aus dem FAZEmag 079/09.2018
Text: Julian Haußmann
Foto: Marcus Höhn
www.dirtydoering.info

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