DJ Emerson – The Return Of Kiddaz

Foto: David Ulrich

DJ Emerson ist keiner, der sich laut in den Vordergrund drängt. Seit über 30 Jahren prägt er die Techno-Szene – als DJ, Produzent und Labelbetreiber. Mit kiddaz.fm hat er einen Sound etabliert, der Groove und Funktionalität verbindet. Jetzt kehrt er mit „Moving Bass“ genau dorthin zurück – bewusst und mit klarer Haltung. Der Impuls für das Album kam nicht aus einem kurzfristigen Trend, sondern aus der eigenen Geschichte heraus. Das Werk erscheint am 5. Juni.

„Kiddaz war damals sehr erfolgreich. Das Groove Mag hat sogar von einem – für sie unverständlichen – Hype gesprochen, und viele Fans und Freunde haben mich gefragt, ob auf diesem Label noch einmal etwas kommt.“ Für Emerson war schnell klar: „Ich wollte einfach noch einmal ein richtiges Kiddaz-Album machen.“ Dabei spielt auch seine eigene Entwicklung eine Rolle. „Damals, als wir angefangen haben, 98/99 herum, konnte ich noch gar nicht selbst produzieren. Das hat mir Circuit Breaker im Laufe der Zeit beigebracht.“ Heute setzt er genau dieses Wissen eigenständig um: „Ich finde es spannend, das jetzt mit meinen eigenen Skills umzusetzen.“ Auch musikalisch versteht er das Album als Brücke. „Außerdem passt der Sound meiner Meinung nach gut zur heutigen Zeit: so ein Zwischending zwischen Tool-Techno und groovigerem, housigem Sound. Ich denke, das kann heute wieder funktionieren.“

Gleichzeitig blickt Emerson kritisch auf die aktuelle Szene, vor allem im Hard-Techno-Bereich. Für ihn hat sich der Fokus verschoben: „Es ist ein Problem, wenn narzisstische Selbstdarsteller und Influencer durch den Einsatz sozialer Medien plötzlich zu Leitfiguren einer Underground-Subkultur hochgespült werden.“ Der Vorwurf ist deutlich: „Solchen Leuten geht es nicht um die Kunst oder unsere Szene. Sie nutzen Hard-Techno als Transportmittel, um möglichst schnell an Erfolg, Geld, Aufmerksamkeit, und Auftritte zu kommen.“ Sein eigenes Verständnis von Techno ist ein anderes – geprägt von den 90ern. „Für meine Generation ist Techno eine Lebensphilosophie. Auf dem Dancefloor sind alle gleich.“ Der DJ steht dabei nicht im Mittelpunkt, sondern ist Teil des Ganzen: „Auch der DJ, er ist nur derjenige, der die frischesten Tracks selektiert und präsentiert.“

Diese Haltung zieht sich bis heute durch. „Ich will am liebsten gar nicht im Fokus stehen, sondern in einer dunklen Ecke mitten in der Crowd.“ Statt Show gehe es um das Handwerk: „Wir wollen uns nicht selbst abfeiern oder filmen, sondern drei oder vier Platten ineinander mixen, von denen keiner denkt dass sie zusammen funktionieren.“ Dass Groove dabei eine zentrale Rolle spielt, ist kein Zufall. „Das ist übrigens der Grund, warum Holgi und ich Kiddaz gestartet haben: Wir wollten mehr Groove und mehr Spaß in die Musik bringen.“ Gleichzeitig achtet Emerson bewusst darauf, sich nicht zu sehr vom aktuellen Clubsound beeinflussen zu lassen: „Ich habe irgendwann aufgehört, direkt nach meinen Auftritten zu produzieren, weil ich sonst zu sehr von den Tracks beeinflusst werde, die im Club gut ankommen.“

Sein Anspruch ist dabei über die Jahre erstaunlich konstant geblieben. „Mir geht es darum, dass sie gut klingt, im Club funktioniert und eine gewisse Zeitlosigkeit hat.“ Trends oder Schnelllebigkeit lehnt er ab: „Ich mag diese Wegwerfkultur nicht.“ Stattdessen setzt er auf düstere, langlebige Sounds: „Ich mag eher düstere Musik als fröhliche, weil sie sich nicht so schnell abnutzt.“

Der Blick zurück zeigt, wie sehr sich die Szene verändert hat. „Wir waren alle Teil einer großen Sache. Es gab nicht so einen Einheitsbrei wie heute.“ Unterschiedliche Styles und Persönlichkeiten gehörten selbstverständlich zusammen: „Es war auch nicht unüblich, mit House-Acts oder Breakbeat-DJs auf demselben Floor zu spielen.“ Auch der Umgang miteinander war ein anderer. „Nicht jeder hat versucht, sich vorzudrängeln oder Abkürzungen zum Erfolg zu nehmen. Wir waren bereit, den langen, harten Weg zu gehen.“ Eine Anekdote bringt diese Zeit auf den Punkt. Bei seinem ersten Auftritt bei Rave on Snow sprang Emerson spontan ein: „Sobald mir irgendwo ein DJ ausfällt, spielst du!“ Am Ende stand er als Ersatz für Marc Spoon vor einer vollen Tennishalle. „Ich war einfach glücklich, vor Publikum auflegen zu können.“ Heute, sagt er, wäre so etwas kaum noch denkbar.

Mit „Moving Bass“ zieht Emerson nun eine Art Zwischenfazit – auch wenn er selbst das Wort vielleicht nicht wählen würde. „Ich habe über die Hälfte meines Lebens mit dieser Musik verbracht.“ Gleichzeitig stellt er sich die Frage nach der Zukunft des Formats: „Ich weiß gerade nicht, ob so etwas wie ein Album in ein paar Jahren noch Relevanz hat.“

Ganz aufhören wird er aber nicht. „Ich werde sicher weiter elektronische Musik produzieren.“ Ob es allerdings noch einmal ein Album in diesem Kontext gibt, bleibt offen. Wenn „Moving Bass“ tatsächlich sein letztes Album wäre, dann soll es vor allem eines transportieren: „Mir geht es darum, basslastigen Techno in die Welt zu bringen.“ Und vielleicht noch etwas Grundsätzlicheres: „Dabei sollte man sich selbst nicht zu ernst nehmen und das Individuum nie über die Musik stellen.“ Sein eigener Maßstab ist dabei überraschend zeitlos formuliert: „Wenn sich eine Lebensform in 1000 Jahren dieses Album anhört und sich fragt, wie ich diese Kickdrums produziert habe, dann hab ich alles richtig gemacht!“

Aus dem FAZEmag 171/05.2026
Text: Triple P
Foto: David Ulrich
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