Bekannt ist: DJs, er wie sie, entwickeln zu ihren Tools zumeist eine innige, manche behaupten gar erotische Beziehung. Und ist er wie sie mit dem System der Wahl erst einmal halbwegs zufrieden, hält diese Liaison meist jahrelang. Sausäcke die wir nun mal sind, haben wir uns entsprechend gefragt, wie viel technisch frischer Sex Appeal wohl nötig ist, um eine bestehende Liebe zu gefährden. Was also wiegt stärker: Die Macht des Vertrauten oder der Reiz des Neuen? Reichen im Zweifelsfalle bereits ein paar Nippel mehr oder die Kabelpeitsche XXL aus, um Herrn oder Frau DJ nachhaltig den Kopf zu verdrehen?


So schickten wir für die erste Folge unserer Reihe „Fremdgänger“ das knackige Topmodel Rane Sixty-Two mit Serato los, um DJ Frank Sonic zu bezirzen. Ist der sonst NI Traktor-Hörige Rheinländer den Verlockungen des blutjungen High End-Tools erlegen? Wir stellten den jungen Mann nach einer ersten, durchfummelten Nacht zur Rede.

„Mit DJ-Equipment ist es wie mit gutem Essen. Man kann zwar nie genug bekommen. Trotzdem hat „
jeder seinen ganz eigenen Geschmack. So war mein Anfangsgedanke bei diesem Test eine Mischung aus Neugier, Vorfreude, aber auch Vorbehalt. Denn als zufriedener User von NI Traktor und Allen & Heath X:ONE mag man ja kaum mehr glauben, dass dem eigenen Setup ein anderes das Wasser reichen kann.

Was beim Öffnen des Paketes sofort auffällt, ist die wirklich hervorragende Verarbeitung des Zweikanalers. Die Qualität des Chassis, der griffigen Potis, beleuchteten Buttons sowie alle anderen Details lassen nur eine Bewertung zu: Top – Solid as a rock! Auch das geometrisch strenge Layout mit weitläufiger Bewegungsfreiheit im Faderbereich macht deutlich, warum Rane-Mixer vor allem bei anspruchsvollen Hip-Hop-DJs derart hoch im Kurs stehen. Speziell der Sixty-Two bringt als moderner Digital-Battler sogar gleich USB-Anschlüsse mit, was die Arbeit für DJs, die gemeinsam oder gegeneinander performen möchten, enorm erleichtert. Da der Sixty-Two eine integrierte High Quality-Soundkarte hat, fällt zudem sämtlicher Kabelsalat beim DJ-Gig flach. „All-In-One“-Konsolen kenne ich zwar bereits einige. Jedoch habe ich beim Sixty-Two wie sonst selten sofort das Gefühl, nicht an einem Campingkocher stehen.

Um das Teil jetzt auch endlich live zu testen, mache ich mich an die Installation der Software. Tatsächlich muss ich dafür zunächst meine Turntables entstauben, die ich seit meiner NI Traktor-Nutzung etwas vernachlässigt dastehen. Download und Installation der zugehörigen SERATO-Software verliefen problemlos, so dass sich innerhalb kürzester Zeit der virtuelle Teller auf meinem Laptop drehte. Die Integration und Kalibrierung der Timecode-Vinyls klappt ebenfalls reibungslos. Neben den Vinyls werden im Normalfall auch zwei Timecode-CDs mitgeliefert, die aber jetzt wohl der Vortester sein Eigen nennt. In jedem Fall ist das Vinyl-Feeling einer echten Platte tatsächlich 1:1 nachempfunden. Ich bin überrascht und begeistert, denn das System funktioniert meiner Erinnerung nach weitaus stabiler als das letzte von mir getestete.

Kommen wir zur MIDI-Controller-Sektion. An den Außenseiten des Sixty-Two befinden sich Bedienelemente z.B. zur Steuerung von Loops. Über eine Shift-Funktion können die beiden Steuereinheiten auf die jeweiligen USB-Ports geroutet werden. Sind also zwei Rechner angeschlossen, kann jeder DJ über die SHIFT-Funktion seine eigenen Loops setzen und bearbiten. Über den Select-Encoder kann man sehr leicht in seiner Playlist scrollen und über einen sanften Druck auf denselbigen den ausgewählten Track in das jeweilige Deck laden. Vorbildlich

Sehr gut gefallen mir ferner die Sample-Deck Funktionen. Hier kann man bis zu sechs Samples entweder als One-Shot abfeuern oder im Loop abspielen. Leider nicht Track-synchronisiert, so dass softwareseitig mit dem Pitch nachgebessert werden muss. Unkomfortabel Old-School – hier hätte ich mir auf jeden Fall eine automatische Sync-Funktion gewünscht. Ansonsten funktioniert die Handhabung der Sample-Decks intuitiv und selbsterklärend. Wer schon mal was von einem Hot Cue gehört hat, wird seine helle Freude haben.

Für Bi-Jockeys – also die DJs, die neben Timecode-Vinyls auch gerne mal eine echte Rille spielen wollen – werden beim Sixty-Two auch hardwareseitig Effekte angeboten. Filter, Flanger, Phaser, Echo, Reverb und Robot stehen zur Auswahl. Zunächst hatte ich mit dem Kanal-Routing noch kleine Probleme, hat man das Prinzip aber durchschaut, ist es ganz einfach: den Effekt auswählen, mit dem „On“-Button scharfschalten und ab geht’s! Für alle, die sich nicht ganz sicher sind, ob sie gerade den richtigen Effekt am richtigen Ort und zur richtigen Zeit ausgewählt haben, kann man über die CUE-Taste im Kopfhörer vorhören. Ein kleines, zentrales Display gibt zusätzlich visuellen Aufschluss über die Effektwahl. Über die Endlosdrehregler „Time“, „Beat“ & „Depth“ kann man schließlich noch weiter ins FX-Detail einsteigen. Zwar klingen die Effekte durchweg grandios (hervorzuheben sind besonders die Filter), ein wenig zurück in die Zukunft scheint allerdings, dass man immer nur einen Effekt auswählen kann. Die Fähigkeit des Multitaskings, also der Effektkombination, sollte man bei einem Gerät in dieser Preisklasse eigentlich erwarten dürfen. Relativiert wird diese Einschränkung dadurch, dass über das Feature FlexFxSoftware– mit Hardware-Effekten kombiniert werden können. Möchte man diese Effekte allerdings mit dem Mixer steuern, muss wiederum das voreingestellte Mapping verändert werden. Es empfiehlt sich also, einen kleinen, externen MIDI-Controller einzusetzen, will man auf die Mixer-Hauptsteuerung nicht verzichten.

Kommen wir zu dem, was mich bei meinem Test dann doch am Meisten beeindruckt hat: Die sagenhaft gute Soundqualität des Rane Sixty-Two. Das Multitalent klingt bei mir im Studio sehr sauber und ungeheuerlich druckvoll. Absolut vergleichbar mit meinem Allen & Heath X:ONE 92. So hat mir mein kurzer, aber heftiger Flirt nicht nur äußerst viel Spaß gemacht. Er hat mir auch klar gemacht, warum die Kombination Rane Mixer & Serato Software inzwischen derart viele Anhänger gefunden hat. Vor allem Hardcore-Turntablisten, die ohne das Werkzeug Vinyl noch weniger auskommen können und wollen, als klassische Club-DJ, werden die Vorzüge speziell des Sixty-Two plus SSL mit Sicherheit zu schätzen wissen. Was den Ein- oder Umstieg oder auch die Nutzung als Zweitsystem erschwert, ist sicherlich der Preis. Jenseits der 2.000 Euro ist eben selbst für einen kleinen Soundgiganten auch für einen Profi-DJ die Schmerzgrenze erreicht. So hänge ich wohl nach sechs Jahren treuer Traktor-Ehe noch ein siebentes dran. Sollte es aber ein verflixtes werden, weiß ich jetzt, wohin ich mich wenden kann…“

irgendwo hübsch einbauen: Kasten mit Mixer-Abbildung „Rane Z“ und folgender BU:
Als Alternative zur Standardversion bietet Rane die von Shepard Fairey gestaltete Sonderedition Sixty-Two „Z“ an. Hierbei verlieh der bekannte Straßenkünstler, der unter anderem 2008 das „Hope“-Wahlkampfplakat für Barack Obama entwarf, dem Mixer einen violetten Touch mit „Z-Trip“-Logo auf der Deckplatte. Der US-Turntablist DJ Z-Trip wiederum war an der Entwicklung des Sixty-Two maßgeblich beteiligt. Im Lieferumfang des „Z“ enthalten sind als zusätzliches Gimmick Purple-farbene Audiokabel.

www.djztrip.com
www.obeygiant.com

Rane Sixty-Two (Z)
High End Battle-Mixer inkl. SSL-Audio Interface

4 Phono-/Line-Eingänge (umschaltbar)
1 Mic-/Line-Eingang (XLR, Klinke)
2 USB-Ports, je 6 Aufnahme- / 4 Wiedergabe-Kanäle (Stereo)
32-Bit / 48kHz Auflösung
Serato Scratch Live-Control (40 Funktionen, Sampler SP-6)
HP/LP Filter pro Kanal
Interner Effektprozessor (Filter, Flanger, Phaser, Echo, Robot, Reverb)
Einschleifweg FX extern
FlexFx Insert, USB-Insert
Kontaktlose Magnet-Cross- und Line-Fader
2 Kopfhörerausgänge
3 Hauptausgänge (XLR, Klinke, Booth)
UVP: 2.095 Euro (2.195 Euro ltd. Edition “Z”)
www.rane-dj.de