Unser gesamtes Leben ist in diesem Jahr „out of control“. Unser gesellschaftliches und unser kulturelles. Da passt es ganz gut, dass die erste Single-Auskopplung aus DJ Hells neuem Album „House Music Box (Past, Present, No Future)“, das dieser Tage erscheint, genau diesen Titel trägt. Natürlich war das nicht der einzige Grund für uns, mit Helmut Geier ein Interview zu führen.

 

Dein neues Album ist weit mehr als „nur“ ein neues Album. Indem du dich auf die Ursprünge von Housemusik und Leute wie Ron Hardy, Frankie Knuckles, Lil‘ Louis, The Electrifying Mojo oder auch Larry Levan beziehst, gibst du ein Statement ab. Warum dieses Album und warum jetzt?

Mein gesamtes künstlerisches Leben und Tun basiert auf Formeln und Entdeckungen aus dieser Epoche. Clubs und Chicago, NYC oder Detroit fungierten hier als Pate für einen neuen Sound, ein neues Lebensgefühl, eine neue Welt. Housemusik entspringt ja einer schwarzen Gay-Nightlife-Community, die mein Leben maßgebend beeinflusste als DJ und Produzent und Label-Inhaber. Es gibt viele alte Mixtapes und Aufnahmen aus der Anfangszeit Mitte der 1980er-Jahre. Der roughe, beatorientierte Sound aus Chicago, später dann in Acid-House, Detroit-House oder Electro, hatte einen entscheidenden Einfluss auf meine DJ-Welt. Ron Hardy spielte Prince oder B52s, gefolgt von Kraftwerk, Grace Jones und ersten Releases von Jesse Saunders oder Charivari. Auf International Deejay Gigolo Records hört man klar den Einfluss dieser Zeit, auf allen 340 Releases, obwohl ich vor allem auch versucht habe, den Sound weiterzuentwickeln und in eine neue Zeit zu transportieren.

Gib es besondere Geschichten zu der Entstehung der einzelnen Tracks? Haben einzelne Tracks eine besondere Message?

Musik sollte von dem Produzenten oder der Produzentin nicht detailliert definiert oder erklärt werden. Die Message waren hier immer der Klang, der Sound und die Konzepte, gerne auch visuell umgesetzt in Bild und Ton, wie Videos und Cover oder Pressefotos zum Release. Ich habe mich hier immer sehr deutlich positioniert und ausgedrückt, sodass eine Wegbeschreibung oder Bedienungsanleitung nicht nötig ist. 

Wieso ist gerade „Out Of Control“ in den Genuss eines Videos gekommen und was für eine Geschichte gibt es zu dem Video? Bezieht sich der Titel auf die Pandemie?

Untertitel des Albums ist ja „Past, Present, No Future“. Die Aussage wurde bereits 2019 festgelegt, also vor der Pandemie und dem Berufsverbot: „Nobody is at the wheel, its so surreal, the world is ‚out of control‘.“ Auf meinem letzten Album „Zukunftsmusik“ hatte ich ja schon eine klare Nachricht vermittelt: „Wir reiten durch die Nacht und reißen die Menschen aus dem Schlaf“ – leider gab es dazu kaum konstruktives Feedback. Im Video wird eine mögliche Zukunft thematisiert, in der es nur noch Hell-Clones oder Hell-Avatars geben wird, männliche und weibliche.

Deshalb auch dieses Video?

Genau. Auch hier gilt die künstlerische Freiheit. Stacy Ant aus Kanada, die in Berlin lebt, hat über ein Jahr mit mir an der Entwicklung und Konzeption des Videos gearbeitet. Hier tauche ich in eine virtuelle Welt in HD ein, was auch meine zukünftige Performance als DJ bereichern wird. Geplant sind rein virtuelle Sets und Auftritte meines Avatars für Festivals und Streamings im kommenden Jahr. Musik, Bild und Ton werden von mir vorab hergestellt und den Veranstalter*innen gesendet. Das heißt aber auch, dass ich nicht mehr vor Ort sein muss und die Reiseverbote dadurch keine Einschränkung darstellen.

Dein Label International Deejay Gigolo Records ist seit 1997 stilprägend. Wieso releast du das neue Album auf deinem neuen Imprint The DJ Hell Experience?

Neues Label, neues Glück. Es gab hier unüberbrückbare Differenzen mit meinem alten Vertrieb; jetzt bei Word and Sound läuft alles perfekt und die Kommunikation stimmt wieder.

Ein Track heißt „Jimi Hendrix“, da denkt man gleich auch an „The Jimi Hendrix Experience“. Inwiefern fühlst du dich mit dem Künstler verbunden?

Jimi Hendrix ist einer der größten Visionäre und Gitarristen aller Zeiten. Hier transportiere ich seine Gedanken am letzten Tag vor seinem Tod. Die Aufnahmen wurden in einem Londoner Hotel beim Teetrinken nachmittags im Garten gemacht.

Wie soll sich die Ausrichtung des neuen Imprints von der von International Deejay Gigolo Records unterscheiden?

Auf dem Label wurde ja bereits der Soundtrack zum Berliner Film „Yung“ releast, bei dem ich die Musik zusammengestellt habe und großartige Künstler wie Vegas By Night oder MCNZI entdeckte. Ich glaube, dass ich über die Jahre schon eine klare Handschrift, einen Hell-Sound definiert habe als DJ und Produzent oder Labelbetreiber. Hier gab es kaum Regeln oder Einschränkungen, was die Kunst betrifft. Alles ist möglich, auch eine Zusammenarbeit mit Puff Daddy oder Jonathan Meese, mit dem ich 2021 ein gemeinsames Album auf Buback Records releasen werde.

Seit 1985 legst du selbst Housemusik auf, warst quasi von Anfang an dabei, wenn auch am anderen Ende des Atlantiks. Wie hat sich die „neue Musik“ damals durch DJs wie dich hierzulande verbreitet? Wie hast du die neue Musik gefunden und wie empfunden?

Durch Kraftwerk war die Musikwelt ja schon auf einiges vorbereitet worden, was Jahre später dann umgesetzt und als eine musikalische Utopie verwirklicht wurde. Musik aus Maschinen von Musikarbeiter*innen hergestellt. Roland-Drumcomputer und bezahlbare Roland-Synthesizer waren hier der Durchbruch für House und Techno oder Electro. Mitte der 1980er-Jahre wurden die ersten Technics der 1210er-Baureihe in den Clubs installiert und zum ersten Mal experimentierte man dann mit zwei gleichen Maxis, später kam dann das Beatmatching, also Mixen/Pitchen dazu. Um den Pionieren auf die Finger zu schauen und neue bahnbrechende Musik zu bekommen, bin ich dann nach New York und sehr viel auch nach London zu den Acid-House-Partys gereist. Tony Humphries’ Mixtapes auf dem Sender Kiss FM aus NYC waren die innovativsten Live-Mixe. In Chicago ging ich dann ins Grammophon, um alte Kassetten von Ron Hardy zu kaufen. Housemusik in ihren Ursprüngen war fast religiös und hatte einen spirituellen magischen Touch. Durch meine ersten DJ-Auftritte im Ausland hatte ich dann auch Kontakt zu den großen DJ-Pionieren.

Viele kennen dich hauptsächlich als Techno-DJ. Früher jedoch hat man keine großen Unterschiede zwischen House und Techno gemacht – der DJ hat alles gespielt am Abend. Wann hat sich das geändert?

Vieles ist vorhersehbar und berechenbar. Wenn du für David Guetta oder Fiesta bezahlst und auf ein Festival gehst, willst du auch deren aktuelle und vergangene Hits hören. Meine Art aufzulegen ist vom Aussterben bedroht und wird nur noch von wenigen DJs wie Derrick May oder DJ Koze praktiziert. Viele Techno-DJs liefern nur eine limitierte Formel des Genres ab und fahren hier kein Risiko mehr.

Das Album ist ja fast zu 100 Prozent House. Wo ziehst du für dich die Grenze, und spielt die überhaupt eine Rolle?

Auf vielen Plattformen läuft es unter Indie-Dance oder Melodic House/Techno oder auch Deep House oder Oldschool House. Das spielt jedoch für mich keine große Rolle. Wichtiger ist, ob die DJs damit arbeiten und auch Techno-DJs Tracks aus dem Album in ihre Sets aufnehmen. Am besten finde ich es immer, wenn Musik nicht klar eingeordnet werden kann und alle DJs sie ins Programm einbauen.

Wie kommt es, dass du nach längerer Zeit wieder mit Richard Bartz zusammengekommen bist, und wie kamt ihr darauf, euch direkt einen Klassiker wie „Tainted Love“ zur Brust zu nehmen?

Rich hat ein neues Studio und wir waren immer in Kontakt. Es gab eine Anfrage von Soft Cell und deren US-Label für eine Neubearbeitung. Seit Monaten versuche ich die Formel des Songs zu entschlüsseln und bin mit der jetzigen Disko-Version sehr glücklich. Wichtig ist hier für mich: Was wird Marc Almond zu den neuen Mixen sagen, und wie findet er die Dub- und Techno-Versionen?

Wo wir gerade bei Vocals sind: Auch der Nutzung von Vocals bist du auf dem Album treu geblieben. Wie stehst du zu der Verbindung von elektronischer Musik und Vocals allgemein? Sind sie ein Überbleibsel aus der prägenden New-Wave-/Punk-/NDW-Phase?

Stimmen sind ein wichtiger Bestandteil eines Songs oder Tracks; vor allem im House-Bereich. „We Are Phuture“, der erste historische Acid-Track, gibt hier schon alles vor: Gesang und Instrumental-Parts über 11 Minuten, absolut zeitlose, bahnbrechende experimentelle Acid-House-Musik. Auf der anderen Seite habe ich in 40 Jahren als DJ zu einem Großteil instrumentale Musik aufgelegt.

Du hast immer wieder gezeigt, dass Musik, Kunst und Mode für dich zusammengehören. Sind im Zuge des „House Music Box“-Albums andere künstlerische Ausdrucksformen geplant, ähnlich der Kollektion mit BON TON nach dem „Zukunftsmusik“-Album und anderen zuvor?

Dieses Jahr gab es eine Kooperation mit Balenciaga in Paris und jetzt gerade eine Zusammenarbeit mit Reebok und Misbhv aus Polen für eine 90er-Sportwear-Aerobic-Mode-Linie. Das „Meese x Hell“-Album ist fertig und 2021 plane ich ein Rework für eine der wichtigsten Deutsch-Rock-Bands aus Düsseldorf. Ein Vorwort für das neue Kraftwerk-Buch von Uwe Schütte mit dem Titel „Mensch-Maschinen-Musik“ wurde gerade fertiggestellt.

Wie schaffst du es, nach all den Klassikern und mit deinem – trotz der nicht abbrechenden Experimentierfreude – schon sehr einprägsamen „Hell-Sound“ immer wieder aus der Routine auszubrechen?

Routine lässt im künstlerischen Bereich keinen Fortschritt mehr zu, es ging immer um eine Weiterentwicklung, auch deiner eigenen Grenzen und Ideen. Social Media oder Promotion/Vermarktung, Live-Auftritte, Bühnenkleidung, das Experimentieren waren immer das wichtigste Gebot für Künstler*innen. Es wird immer weitergehen – Musik als Träger von Ideen.

Wie hat sich die ganze Corona-Lage auf deine Arbeit am Album ausgewirkt?

Das Release-Date wurde hier immer weiter verschoben und das Album wird aufgrund der Situation auch mit Sicherheit weniger Aufmerksamkeit bekommen. Auf die Musik hatte das Ganze aber keine Auswirkung, da ich im Studio frei sein muss und alles ausblende.

Was hast du anstelle deiner sonst regulären Gigs gemacht, um diese schwere Zeit zu überstehen?

Elektronische Musik-Kultur erfährt hier in Deutschland geringe bis gar keine Wertschätzung, was wirklich schwer zu ertragen ist. Trotz positiver Tendenzen und Corona-Impfstoff-Zulassung in Europa werden Clubs und Festivals bis 2021 keine Möglichkeiten bekommen, neu zu starten. Das heißt, noch mehr Clubs werden Insolvenz anmelden müssen. Viele Leute aus dem Nachtleben und dem Sektor Kultur werden arbeitslos sein oder andere Berufe ergreifen. Seit März gab es viele Ups & Downs und aktuell versuche ich auch neue Wege zu beschreiten. So werde ich zum Beispiel meine Bio schreiben.

Du bist bekanntermaßen großer FC-Bayern-München-Fan. Wie lautet dein Fazit zum ersten Jahr Hansi Flick?

Hansi Flick verkörpert alle positiven Tugenden, die ein Top-Trainer haben sollte. Er wirkt in seinem Handeln und dem persönlichen Umgang mit den Spielern und Medien oft wie der große Jupp Heynckes. Der Umbruch ist perfekt geglückt und mit Sané und Gnabry, Coman, Kimmich und Goretzka steht eine gute Mannschaft auf dem Platz. Wichtig wird sein, was passiert, wenn Karl-Heinz Rummenigge nächstes Jahr ausscheidet und Oliver Kahn übernimmt.

 

Aus dem FAZEmag 106/12.2020
Fragen: Malte Scheibe & Sven Schäfer
Text: Sven Schäfer
Fotos: Stacie Ant