DJ SeVa – Empathie als höchste Währung

Sie ist keine klassische Newcomerin. Und vielleicht gerade deshalb so relevant. DJ SeVa hat bereits früh Klavier gespielt, sich dann bewusst gegen eine Karriere in der Musikbranche entschieden und ist über Stationen im Buchhandel, Radio und Eventmanagement zur elektronischen Musik zurückgekehrt. Heute steht sie regelmäßig hinter den Decks, produziert wöchentlich eine Radioshow und verbindet ihren Sound mit klarer Haltung. Wir haben mit ihr ein Gespräch geführt über Wendepunkte, Oriental-House und Verantwortung.

„Meine erste feste Anstellung nach meiner Lehre war als Morgenshow-Host; Arbeitszeiten ab 3 Uhr früh. Vielleicht liebe ich darum Afterhours. Das passt in meinen biologischen Rhythmus“, sagt sie. Was zunächst wie eine Randnotiz klingt, ist bezeichnend für ihren Weg: nichts linear, aber alles organisch. Während der Corona-Pandemie beschallte sie von ihrer Terrasse aus das Quartier, „die Kids haben getanzt“. Seit knapp drei Jahren legt sie regelmäßig auf, seit neun Monaten produziert sie wöchentlich einen Mix für Radio NOITE.FM in Portugal.

Ihre ersten Cluberfahrungen machte sie mit 17 Jahren, allein unterwegs in der Schweizer Technoszene: „Ich habe mich an meinen Apfelsaft und meine Disco-Zigarette geklammert und getanzt.“ Was sie heute irritiert: weniger die Musik als deren Verpackung. „Was mir auffällt, ist, dass sich die Bezeichnungen der Genres in der elektronischen Musik verändert haben – und ich jetzt als DJ nicht weiß, welchem Genre ich mich zuordnen soll.“ Von der Szene wünscht sie sich mehr Fokus: „Mehr ,all about the music’ und weniger ,all about the DJ’.“ Einer ihrer liebsten Orte zum Spielen ist das Lokal des Vereins Sleeper in Bern, der eine Notschlafstelle betreibt. „Das Publikum dort kennt mich. Dafür bin ich sehr dankbar“, erzählt sie. Es gehe ihr um Verbindung, nicht um Pose. Der entscheidende Richtungswechsel in ihrem Leben kam spät – und bewusst. „Der entscheidende Wendepunkt war, als ich mich dazu entschieden habe, wieder zu musizieren, wieder in meine Musik zu investieren.“ Mit 44 Jahren, sagt sie selbst, „musste es schnell gehen“. Ihr Rezept ist klar: „Practice und so oft wie möglich für ein Publikum spielen. Das braucht Mut.“ Zweifel? Keine. „Ich habe mich richtig entschieden – es macht einfach so viel Freude!“

Mit einem angekündigten Remix von Slavomir Such geht sie nun den nächsten Schritt Richtung Release. Eigene Produktionen sind ihr wichtig, „da ich mich wieder hinter das Piano setzen kann.“ Gleichzeitig bleibt ihr Bild vom DJing klar definiert: „Mein Grundverständnis von DJing ist Mixing. Zwei oder mehr Tracks zu einem neuen Track zu gestalten – das mache ich am liebsten.“ Technisches Wissen hat sie sich angeeignet, doch für den finalen Schliff wünscht sie sich Unterstützung: „Ich brauche eine Person in der Produktion, die genau den besonderen Signature-Sound hervorbringt.“

Stilistisch bewegt sie sich zwischen Oriental-House, Balearic-Vibes und langen House- und Techno-Reisen. „Oriental-House ist die Nische, die ich am liebsten bediene.“ Die Rhythmusstrukturen seien oft anders aufgebaut, als westliche Ohren es gewohnt sind: „Ich versuche, diesen Beat in diesen Sets nachzubauen.“ Dark-Elemente spielen ebenfalls eine Rolle, die Bass-Keys gehen im Verlauf des Sets nach unten. „Das schafft eine unglaubliche Tiefe“ – in Kombination mit den richtigen Höhen und Keys entstehe „eine einzigartige Wirkung auf den Sound.“ Doch DJ SeVa trennt Sound nicht von Haltung: „Aus einer simplen Contest-Anmeldung entstand mit #djinresistance ein 14-tägiger Protest gegen den Genozid in Gaza. Seitdem mache ich mich unter dem Hashtag für die Einhaltung der Menschenrechte stark.“ Sie fragt sich, wie viel Aufmerksamkeit Menschenrechte haben könnten, „wenn sich auch die bekannten und berühmten DJs öffentlich dafür aussprechen würden.“ Das Schweigen der Szene trifft sie. „Die höchste Währung als Persönlichkeit und Individuum ist zurzeit Empathie. Und Authentizität.“

Mit #bethehelp verbindet sie ihr DJ-Dasein mit konkretem Engagement. „Unser höchstes Gut im Angesicht von allem, was im Moment abgeht, ist die Einhaltung von Menschenrechten.“ Veranstaltende hätten oft „Angst vor einem Backclash“. Dennoch meint sie: „Es wird besser.“ Eine Einladung zu Wake-up-Events in London kam gerade wegen ihrer klaren Präsenz zustande. Offen spricht sie auch über strukturelle Ungleichheiten, wie etwa „dass männliche DJs oft besser bezahlt sind als DJs mit einem anderen Gender. Ich würde mal da anfangen“. Und dann, halb ironisch, halb ernst: „Und – book a #djinresistance ;-)“

Zwischen Bassline und Botschaft geht es DJ SeVA nicht um Lautstärke, sondern um Substanz. Vielleicht ist genau das ihr eigentlicher Signature-Sound.

Aus dem FAZEmag 169/03.2026
Text: Triple P
Foto: Hülya Emeç
www.sarahperincioli.ch