DJ Spen – Zwischen Gospel und Dancefloor

Seit mehr als vier Jahrzehnten prägt DJ Spen die Geschichte des House mit – von The Numarx und den Basement Boys über Jasper Street Company bis zu seinem eigenen Label Quantize Recordings. Mit The Praise Party rückt der Produzent aus Baltimore nun jene Verbindung ins Zentrum, die ihn schon lange begleitet: House und Gospel. Die Idee zum Album entstand aus seinem gleichnamigen Livestream während der Pandemie und entwickelte sich Schritt für Schritt zu einem umfangreichen Projekt mit Stimmen wie Barbara Tucker, Inaya Day, Robin S, Dawn Tallman, Cleveland P. Jones und Tasha LaRae. Der Ausgangspunkt war zunächst ganz pragmatisch. Als aus einer Woche Stillstand immer weitere wurden, begann Spen für seine Streams eigene Edits von Gospelstücken anzufertigen. „Irgendwann dachte ich: Oh, mir gehen die Platten aus“, erinnert er sich. Songs wie „Help Is On The Way“ oder „I Love The Lord“ bekamen zunächst neue Versionen für die Show. Die positive Resonanz brachte ihn schließlich auf die Idee, daraus eigenständige Produktionen zu entwickeln. „Das wuchs dann zu Songs wie ‚Going Up Yonder‘ und anderen Gospel-Klassikern heran, von denen ich dachte, dass sie sehr gut zum Format der Show passen.“

Dass daraus ein vollständiges Gospel-Album wurde, hat für Spen auch eine persönliche Dimension. „Es fühlt sich persönlich an, weil Kelly die Idee hatte und wir mit The Praise Party weitergemacht haben – ausschließlich mit Gospel und Musik, die Gott die Ehre gibt.“ Seine verstorbene Frau Kelly Spencer spielte bei dem Projekt eine zentrale Rolle. „Als Christ ist auch meine Beziehung zu Gott etwas Persönliches.“ Gleichzeitig versteht Spen die stilistische Vielfalt des Albums nicht primär als Beweis für die Bandbreite von Gospel House. „Um ehrlich zu sein, geht es eher darum, wie breit House Music sein kann.“ Genau das habe ihn von Beginn an an House fasziniert: „Man kann Gospel, Country, Freestyle, Disco, R&B oder Rock hineinbringen. House Music ist wahrscheinlich das breiteste Genre, das der Mensch kennt.“ Wie anspruchsvoll die Übersetzung traditioneller Gospelmusik auf den Dancefloor sein kann, zeigt „Work For Jesus“. Die Vorlage „On The Battlefield“ kennt Spen seit seiner Kindheit, gesungen wurde sie von seiner Tante Louise. „Ich musste in meinem Kopf herausfinden, wie ich all diese beweglichen Teile verschieben kann, sodass es für Menschen Sinn ergibt, dazu zu tanzen.“ Gemeinsam mit Keyboarder Gary Hudgins entstand eine neue Version, die den ursprünglichen Charakter bewahrt und dennoch im Club funktioniert. „Das war eine ziemlich schwierige Aufgabe, aber ich denke, wir haben es geschafft.“

Besonders emotional ist „When I Needed You Most“, geschrieben von Kelly Spencer während ihrer Krebserkrankung. „Als ich den Song hörte, dachte ich sofort: Wow, das ist wirklich ein sehr, sehr guter Song.“ Für Spen war schnell klar, dass Tasha LaRae die richtige Stimme dafür sein würde. Die Produktion sollte bewusst anders klingen als typische DJ-Spen-Tracks. „Einige Produzenten haben mir sogar gesagt: Das klingt überhaupt nicht nach dir. Aber ich glaube nicht, dass es meine Absicht war, dass es unbedingt nach mir klingt. Ich wollte, dass es anders und frisch klingt.“ LaRae habe den Text schließlich zum Leben erweckt: „Ich glaube, es ist eine der besten Gesangsaufnahmen, die sie je gemacht hat.“ Auch Chöre nehmen auf The Praise Party einen ungewöhnlich großen Raum ein. „Ich liebe große Vocals, und dieses Album war eines der ersten Male, dass ich wirklich tief in diese Art von Gesangsarrangements eingestiegen bin.“ Mehrere Stimmen erzeugten eine Spannung, die mit einzelnen Vocal-Layern kaum reproduzierbar sei. „Viele verschiedene Stimmen erzeugen Reibung – und genau diese Reibung und Spannung erschafft einen völlig anderen Sound.“

Bei der Auswahl der Sänger habe oft der Song selbst die Richtung vorgegeben. Barbara Tucker überzeugte ihn beispielsweise spontan bei einer gemeinsamen Live-Performance von „Going Up Yonder“ auf Ibiza. Cleveland P. Jones wiederum wurde bewusst für einen ursprünglich von Whitney Houston gesungenen Titel ausgewählt. „Der Song hat mir im Grunde gesagt, wohin ich gehen und wen ich für die jeweilige Aufgabe auswählen musste.“ Für Spen soll The Praise Party deshalb weit über eine klassische Gospel-House-Platte hinausreichen. Er sieht Musik für den Gospelmarkt ebenso wie für Underground-Clubs, Jazz-Kontexte oder ein Mainstream-Publikum. „Es gibt sehr viele unterschiedliche Bereiche, die diese Musik abdeckt.“ Genau darin liegt für ihn die Stärke des Albums: „Ich glaube, dass es als vereinte Gruppe von Tracks ein Statement für sich selbst setzt.“ Und mit kommenden Singles und Remixen soll dieses Statement noch weiter wachsen: „Wir werden daraus ein ganz neues Projekt aufbauen, das ebenfalls für sich selbst sprechen wird.“

Aus dem FAZEmag 175/09.26
Text: Triple P
www.instagram.com/dj_spen