Zu einer liebgewonnenen Tradition gehören Interviews mit Dominik Eulberg in seiner Heimat – im Westerwald. Abtauchen in die Landschaft aus Wald, Feld, Wiese und der Westerwälder Seenplatte. Vor knapp zwei Jahren gab es das letzte Interview, damals startete er sein eigenes Label Apus apus und kündigte auch vorsichtig schon sein neues Album an. Nun ist es – endlich – so weit: Mehr als acht Jahre nach „Diorama“ kommt nun „Mannigfaltig“ raus. Und wie man es von Dominik Eulberg kennt, ist es nicht nur einfach ein Album, es ist eine Hommage an die Natur und ihre Vielfalt. Ein Thema, das dem Produzenten und Biologen bekanntermaßen sehr am Herzen liegt und mit dem er sich in den letzten Jahren immer intensiver beschäftigt hat.

„Die Natur ist der einfachste, gesündeste und kostengünstigste Schlüssel zum Glück. Sie gibt einem die Freiheit, mutiger zu sein und mehr zu dem zu stehen, was man ist und verfechtet.“


Ein Interview mit ihm nur über seine Musik zu führen, ist schlicht unmöglich, denn im Gespräch führen die Wege immer wieder zur Natur, der Achtsamkeit und dazu, wie er mit diesem Herzensthema die Menschen und deren Aufmerksamkeit erreichen möchte. Das passiert auf vielen Ebenen – die Musik ist oft das Vehikel dafür, aber nicht immer. So hat er im letzten Jahr das Vogelquartett „Fliegende Edelsteine“ herausgebracht, die Erlöse daraus fließen in den Naturschutz. Zusammen mit dem Filmkomponisten Sebastian Schmidt hat er für Jan Haft die Soundtracks für die Dokumentationen „Magisches Island“ (2018) und „Die Wiese – ein Paradies nebenan“ (2019) produziert. Haft wiederum hat auch den Clip für die erste Albumauskopplung „Goldene Acht“ gedreht.

Die Idee zum Konzept für „Mannigfaltig“ entstand vor gut vier Jahren, als er bei einer Wanderung Begegnungen mit einem Falter namens Goldene Acht, einem Vogel namens Neuntöter und dem mausähnlichen Nagetier Siebenschläfer hatte. Acht, Neun, Sieben! Er nahm diesen Faden auf und ihm fiel zu jeder Zahl von eins bis zwölf eine heimische Tierart ein – zwölf Tracks sollte das Album bekommen.

 

Zwischen 2004 und 2011 gab es vier Alben, dann kam eine achtjährige Pause, die nun endlich beendet wurde. Wie kam es zu der langen Albumabstinenz?

Die Jahre verflogen, weil ich in dieser Periode immer mehr aufgelegt habe. Meist kommt man sonntags nach Hause, ist gerädert, möchte sich Montag und Dienstag ausruhen und dann sind ja auch meine Aktivitäten im Naturschutz mehr und mehr geworden. Donnerstag werden wieder die Koffer gepackt und dann kommt natürlich auch hinzu, dass ich keine halben Sachen machen möchte, wenn ich ein Album mache. Nicht irgendwas hinrotzen, nur damit man was hat, um eine Tour zu machen – drei, vier gute Stücke und der Rest Lückenfüller. Ich wollte ein Konzept entwickeln, das rund ist und auch ein holistisches Album ergibt, das mein ganzes Klangspektrum abdeckt. Und das ist eben wahnsinnig zeitintensiv, das ist nichts, was man eben durchproduzieren kann. In den letzten zweieinhalb bis drei Jahren habe ich Skizzen und Ideen gesammelt; von Januar bis zur Abgabe im Mai habe ich dann fast täglich daran gearbeitet.

Wie hat sich das Konzept, wie es jetzt ist, entwickelt nach der Begegnung mit Acht, Neun und Sieben?

Meine Konzepte entwickle ich ganz früh – so habe ich jetzt auch schon das Konzept für mein nächstes Album fertig; ich weiß, wie das Cover aussehen wird und die Titel heißen werden. Das fällt mir nicht so schwer, diese Konzepte zu entwickeln, weil ich das gerne mache. Es gibt zwei Gründe, warum ich gerne konzeptionell arbeite. Zum einen ist das ein pragmatischer, egoistischer Grund, weil Musik machen nichts anderes ist als die Selektion von unendlich vielen Optionen. So kann ich diese Note mit diesem Synthesizer spielen, danach diese und diese etc. – darin kann man sich auch schnell verlieren. Wenn ich aber ein Konzept habe, habe ich schon mal einen roten Faden, an dem ich mich entlang hangeln kann, der mir zeigt, wohin es gehen soll. Bei „Mannigfaltig“ habe ich die Lieder zu den einzelnen Tieren gemacht und die Tiere habe ich mir dann phänotypisch und in ihrem Habitus vorgestellt und visualisiert – und wie ein Maler, der ein Bild malt, habe ich dann versucht, das akustisch umzusetzen. Das ist zwar sehr subjektiv, aber es hat mir sehr geholfen bei den Fragen „Wo ist der Anfang, wo ist das Ende, wo geht es hin?“.

Der andere Punkt ist der, dass ich auf einer Metaebene Menschen noch etwas mitgeben möchte und Gedankengänge anstoßen möchte – das gibt mir noch mehr Sinnhaftigkeit. Ich bin ja von Beruf eigentlich kein Musiker, sondern Naturschützer und Umweltpädagoge, das habe ich studiert, auch als solcher gearbeitet und ich bin ja eher zufällig zu einem Techno-Fuzzi geworden. Der Kern meines Herzens schlägt daher für die Natur und den Naturschutz, das ist mir auch wichtiger als der musikalische Weg. Wenn die Leute nach einem Gig klatschen, weil sie es toll fanden, dann freue ich mich natürlich. Aber wenn ich zum Beispiel eine Fledermaus-Führung mache oder einen Vortrag halte, um Menschen für die Schönheit der Natur zu sensibilisieren – das mache ich ja mittlerweile auch im Rahmen von Gigs und Festivals –, und ich merke, dass ich ihnen damit ein wenig den Schleier von ihren Sinnen genommen habe, sodass sie wieder etwas klarer sehen, wer wir überhaupt sind, warum wir überhaupt hier sind, wie unser Verhältnis zur Natur ist und warum wir die Natur brauchen, dann befriedigt mich das sehr.

Warum ist dir dieses Thema so wichtig?

Jeder Mensch hat ja eine intrinsische Verbindung zur Natur. Die neolithische Revolution ist mit 10 000 Jahren noch nicht so lange her, ab da ist der Mensch erst sesshaft geworden, das muss man sich mal vorstellen. Humanoide gibt es seit zwei Millionen Jahren, in der ganzen Zeit war die Natur unsere Heimat und heutzutage sitzen wir in viereckigen Kisten, starren auf viereckige Kisten und fahren mit viereckigen Kisten in viereckige Kisten, um da auch auf viereckige Kisten zu starren. Das ist ja schon grotesk. Und dann wundern wir uns darüber, dass uns ein Spaziergang am Sonntag guttut. Unsere Sinne so vernebelt, dass wir gar nicht verstehen, was wichtig und was unwichtig ist im Leben. Wir sind da Gefangene im kapitalistischen System, wenn wir denken, wir brauchen das neue iPhone, sonst fallen wir tot um. Oder ein 5-Sterne-Hotel und ein fettes Auto, um glücklich zu sein.

Was brauchst du, um glücklich zu sein?

Ich brauche nur ein Fernglas und eine Lupe. Das sind Hilfsmittel, die es einem ermöglichen, die Natur noch besser zu erfahren. Die Natur ist dann dein Entertainment-System, das dich glücklich machen kann. Das geht aber nur dann, wenn man die Leute vorher sensibilisiert, da der Mensch nur das sieht, was er kennt. Natursensibilisierung ist sehr wichtig und der Anfang von allem, weil der Mensch das dann sieht und es schätzt und der Mensch eben schützt, was er schätzt – das ist eine kausale Kette. Die Natur ist der einfachste, gesündeste und kostengünstigste Schlüssel zum Glück. Sie gibt einem die Freiheit, mutiger zu sein und mehr zu dem zu stehen, was man ist und verfechtet.

Dieser Mut wird belohnt und ich versuche, den Leuten Mut zu geben, authentisch zu sein, intrinsisch zu sein, transzendental zu sein. Dann sind sie glücklicher und beschwingter – so lebt es sich einfach besser. Denn viele Konflikte entstehen auch, weil Menschen Angst haben. Angst, dass sie nicht genug Geld haben, nicht toll genug sind, nicht groß genug, nicht jung genug sind oder was auch immer. Und das ist immer der Motor von Hass. Hass ist immer angstmotiviert und je weniger Angst die Menschen haben, desto besser geht es unserer Gesellschaft – und da ist die Natur ein großer Schlüssel. Sie ist eine Überlebensversicherung für uns und die Zukunft. Das vergessen die Menschen immer wieder; das ist diese anthropozentrische Hybris, dieser menschliche Übermut, dass wir denken, wir sind das Maß aller Dinge.

Du erreichst als Techno-Fuzzi ja wahrscheinlich auch Leute, die sich normalerweise nicht so intensiv mit diesen Themen auseinandersetzen.

Es gibt ein großes Problem, das wir in unserer heutigen Zeit haben. Wir haben viele wunderbare Wissenschafter und wir haben eigentlich auf alles eine Antwort. Wir wissen, wie wir den Klimawandel aufhalten können, wir wissen, wie wir das Artensterben aufhalten können, wie wir die Energiewende schaffen können. Es liegt alles in der Schublade. Das große Problem: Wir bekommen die Inhalte nicht an die große Masse vermittelt. Ich denke, da sind dann Menschen wie ich auch sehr nützlich, die diese Inhalte den Menschen vermitteln können, die sich von selbst eher weniger mit diesem Thema beschäftigen, eher zufällig darauf stoßen, weil sie mein Album kaufen und sehen, dass es mir um mehr als nur um Musik geht.

Dann machen sie im Rahmen eines Gigs von mir auch mal eine ornithologische Führung mit, denken anfangs vielleicht, dass das irgendein Quatsch ist, sind dann aber überrascht davon, wie fundiert mein Wissen ist, und werden dann ruhig, hören zu und saugen das auf. Das ist natürlich super und ich bin sehr dankbar dafür. Das ist für mich persönlich ein Weg, den ich gefunden habe, der mich zufriedenstellt und mir einen Sinn gibt. Ich habe mir schon manchmal gedacht: Wenn ich Musik so toll gefunden hätte, hätte ich Musik studiert. Das habe ich aber nicht, ich habe Natur und Umweltschutz studiert. Da kam die Frage für mich auf: Ist das der Sinn des Lebens für mich, von einer Party zur anderen? Befriedigt mich das, auch intellektuell? Da kommt man eben in eine Spirale der Sinnkrise, aber ich verbinde Musik und Natur immer mehr miteinander und gebe dem Ganzen dadurch eine eigene Sinnhaftigkeit, die mich befriedigt.

Um noch mal den Bogen zum Album zu spannen: Wie kann man sich das konkret vorstellen, die Entstehung eines Tracks? Du hast ein bestimmtes Tier – wie kommt nun die Musik dazu?

Da gibt es beispielsweise den Zwölfpunkt-Spargelkäfer, da habe ich an das Tapsige gedacht, wie er durch die Spargelfelder tapst und alles wegknabbert. Deshalb gibt es da einen wuseligen Beat und am Anfang auch Schritte. Dieses Geräusch habe ich aber tatsächlich aus einer Tennishalle – das Ploppen des Balls auf Schläger und Boden, das hat mich daran erinnert. Den Zehnpunktmarienkäfer habe ich sehr friedvoll gemacht; Marienkäfer haben was Pazifistisches, daher habe ich als Kontrapunktierung noch Schüsse vom Truppenübungsplatz im Hintergrund. (lacht) Beim Elfenbein-Flechtenbär musste ich komplett um die Ecke denken in Sachen Nummerierung. Es gibt kein Tier mit der Zahl Elf, meistens ist da ja eine Art Symmetrie vorhanden. Die Hauptmelodie des Tracks stammt aus dem Film „Magisches Island“ und in Island gibt es ja Elfen – so konnte ich zumindest einen Kreis schließen.

Zum Album-Release-Tag ist ein weiteres Video, „Die Eintagsfliege“, erschienen. Dort gibt es zahlreiche Insekten aus einer ungewöhnlichen Perspektive zu sehen.

Das Video ist übrigens auch ein offizieller Beitrag für die UN-Dekade der Biodiversität. Thorben Danke – ein Freund, der Makro-Fotograf ist – und ich haben mit der Focus- Stacking-Methode gearbeitet. Bei dieser Methode wird eine hohe Schärfentiefe durch Serienaufnahmen erzeugt. Insgesamt haben wir für das Video 35 088 Bilder verwendet. Wir haben Insekten wie Menschen porträtiert, um das Individuum abzubilden. Wir leben ja eigentlich auf einem Planten der Insekten, seit 400 Millionen Jahren bevölkern sie schon die Erde, 80 Prozent aller Tierarten sind Insekten, 90 Prozent der Biomasse sind Insekten, es gibt 143 Trillionen Insektenindividuen und wenn man alle Ameisen wiegen würde, wären die immer noch schwerer als alle Menschen zusammen. Wir sollten sehr dankbar sein, dass wir den Planeten mit ihnen teilen dürfen, aber trotzdem bekommen sie nicht den Respekt, den sie verdienen. Wir vergiften sie, wir zerhäckseln ihre Heimat, wir hauen sie morgens martialisch mit der Tageszeitung am Frühstückstisch tot. Deshalb haben wir Insekten auf Augenhöhe porträtiert, um das Individuum zu zeigen, um den Ekel zu nehmen und zu zeigen, dass Insekten anmutige und schützenswerte Lebewesen sind und der Ekel nur Ausdruck einer verschobenen Sichtweise ist.

 

„Mannigfaltig“ ist am 6. September auf !K7 Records erschienen. Neben den klassischen Formaten digital und Vinyl gibt es „Mannigfaltig“ auch als Memory-Spiel mit den zwölf Tieren und einem Downloadcode sowie als Vinyl-Rahmen-Bundle, um sich das Cover, das äußerst sehenswert ist, an die Wand zu hängen. Beide Formate sind allerdings streng limitiert.

„Die Wiese – ein Paradies nebenan“ erscheint am 11. Oktober auf Blu-ray und DVD.

 

„Mannigfaltig“-Albumtour
14.09. | Ritter Butzke, Berlin
21.09. | 013, Tilburg (Niederlande)
28.09. | Kompass Club, Gent (Belgien)
05.10. | Audio Club, Genf (Schweiz)
11.10. | Junkyard, Dortmund
26.10. | Bellona Club, Lyon (Frankreich)
01.11. | Harry Klein, München
02.11. | Uebel & Gefährlich, Hamburg
08.11. | Fusion Club, Münster
09.11. | Guggenheim-Museum, Bilbao (Spanien)
23.11. | Loft Club, Ludwigshafen

 

Aus dem FAZEmag 091/09.2019
Text: Tassilo Dicke
Foto: Natalia Luzenko
www.dominik-eulberg.de