Sobald man sich in der Welt der Subkultur befindet, neigt man auch mal ganz gerne dazu, den Bezug zur Realität mit Hilfe von gewissen Aufputschmitteln zu verdrängen. Die einen bevorzugen hierfür die natürliche, pflanzliche Variante, das allseits bekannte Tütchen – andere greifen lieber auf chemische Hilfsmittel zurück oder beides. Letztendlich kann aber jede dieser Drogen zum Knockout führen. Eines der größten Risiken zieht Lysergsäurediethylamid, kurz auch LSD mit sich. Wie schädlich diese Droge eigentlich ist, werde ich euch anhand kleiner Kurzgeschichten verbildlichen, die aus dem Leben einer Freundin von mir stammen, die die Notbremse noch rechtzeitig ziehen konnte.

Alles begann mit der Liebe, der Klassiker schlechthin. Verliebt durch ACID finde ich aber in diesem Fall passender. Kennt der ein oder andere von euch bestimmt auch. Alles passierte in unserer wilden Hauptstadt, wo für viele Menschen Drogen zum Alltag dazugehören. Irgendwie verständlich, bei so vielen Partys und was es nicht noch alles dort gibt. Nein-Sagen will geübt sein, denn an einem Ort, wo alles möglich zu sein scheint, ist ein „Ja“ dann doch die bequemere Alternative. Nach dem Motto lebte auch mein Girl. Und ganz ehrlich, es macht auch einfach nur Bock. Absagen tuen nur Verlierer. In einer Welt, in der Durchgeknallte und Verballerte das Sagen haben.

„Du bist verrückt mein Kind, du musst nach Berlin.“ – Franz von Suppé

Ein Sprichwort, dass sich auch meine Freundin sehr zu Herzen nahm, als sie ihre Sachen in ihrem Elternhaus packte und ihrer ehemaligen Heimat den Rücken kehrte. Zwei deutsche Kulturen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Von einem Ort voller Regeln ab in die Freiheit. Der Umzug nach Berlin machte ihr Leben jedoch nicht gerade besser. Wie so viele Menschen kam sie nach Berlin, um ihren Traum als Künstlerin zu verwirklichen. Kontakte in einer Stadt, mit 3,5 Millionen Einwohnern zu knüpfen, hört sich manchmal leichter an, als es ist. Deshalb kam es ihr sehr gelegen, als sie einen Typen kennenlernte, mit dem sich alles richtig anfühlte. Mit ihm kamen dann auch die Partys.

Doch in diesem Kapitel geht es nicht wirklich um die Liebe. Vielmehr um das, was die Liebe mit einem machen kann. Als mein Mädl, ich nenne sie mal Mia, wie Mia Wallace aus „Pulp Fiction“, was ich persönlich sehr passend finde, mir von ihren drei verrücktesten Trips berichtete, ratterte es nur so in meinem Kopf. Einfach nur durch. Mehr fällt mir dazu auf Anhieb nicht ein. Zwei davon fanden in Berlin statt und eine Story passierte in Kolumbien. Seid gespannt, es wird krank.

Story 1 ist mit Abstand die Pussystory unter diesen dreien und hatte seine Premiere vor ungefähr einem Jahr, an einem Sonntagnachmittag, als das Paar im Berghain an der Tür abgewiesen wurde. Es lag nicht daran, dass die beiden nicht dem ursprünglichen Klientel entsprachen, im Gegenteil, beide waren extrem zerstört, tagelang wach und durchtrieben as fuck. Passt perfekt, warum dann das Nein? Mias Lover, sein Nickname ist Raoul, wie Johnny Depp in „Fear and Loathing in Las Vegas“, gehörte leider nicht zu den hellsten Leuchten dieses Universums, wenn es darum ging, den Partyspaß sicher zu verstauen. Zu dumm, denn die strengste Tür der Welt, mag das überhaupt nicht, wenn leichtsinnige Druffys auftauchen. Dass dort jeder im Rausch ist, ist kein Geheimnis. Doch Diskretion wird hier großgeschrieben. Tja und wenn es dann mal soweit ist und sich einer nicht genug Mühe gibt, ist das Resultat ne richtig miese Strafe: drei Monate Hausverbot, ohne Wenn und Aber. Schnell noch das Foto gesavet, um auch ja den Wiedereinlass zu bremsen und Ende der Debatte. Blöd ist nur, wenn man bereits drei Monate Verbot bekommen hat, die Wartezeit endlich überstanden hat und sich dann zum ersten Mal nach geraumer Zeit hinter den Türen des ehemaligen Heizungskraftwerks verlieren möchte, aber Mann erneut einfach viel zu vercheckt ist, seinen Stuff ordentlich zu verstauen. Demnach, Hausverbot die zweite. Wie sagte Kurt Cobain doch einst: „Sie lachen über mich, weil ich anders bin. Ich lache über sie, weil sie alle gleich sind.“ Und wenn du jetzt mal ganz ehrlich zu dir selbst bist, hast du dir das bereits nicht nur einmal gedacht oder?

Mit dieser Einstellung verließen die beiden das Gelände und hielten nach anderen Optionen Ausschau. Keine fünf Minuten später stand Plan B auf der Matte. Ein Kumpel lud das Paar ein, mit in einem Punk-Bandraum abzuchillen bzw. abzufeiern. Richtig nice eigentlich und dazu kam noch der fetzige Sound eines nicht ganz so unbekannten DJs. Der Name wurde mir leider nicht verraten …

Der DJ. Wir nennen ihn mal Kitty. Der Name ist auch hier notwendig, denn der Gute wird noch öfter vorkommen in dieser Anekdote. Also kurz zu Kitty: 29, Vollblut-DJ, völlig durch mit dem Leben, ballert die heftigsten Lines, paranoid und voll mit Komplexen und Stimmungsschwankungen. Das ist ziemlich genau die Beschreibung von Männern, vor denen uns unsere Eltern wohl immer gewarnt haben. Zudem hatte er das Sagen, in den besagten Räumlichkeiten des Hochhauses. Wer Herr über das Mischpult ist, der hat im Druffy-Haushalt einfach die Hosen an, is so. Zudem sorgte er für die chemische Aufheiterung. Ebenfalls überlebensnotwendig, wenn man nicht downen möchte.

Die zwei kommen also an, bereits als die Tür aufging und Kitty mit seinem komplett pulverüberzogenen Gesicht im Türrahmen stand, fingen die Näschen der beiden ordentlich an zu jucken. Neben Kitty war noch ein Girl anwesend, die auch richtig motiviert für die wilde Sause war. Inmitten von Zigarettengeruch, Unmengen an Alkohol und Lines – die so großzügig gelegt wurden, dass eine Rentnergruppe in null Komma nichts ein ganzes Hiking-Wochenende ohne Pause hätte absolvieren können – fingen die berauschenden Feierlichkeiten an und hielten erstmal bis drei Uhr morgens. Kitty spielte nebenbei und alle waren in Ekstase. Immer mehr Leute kamen an, doch für diese Uhrzeit und den Wochentag so üblich, war da kein Frischfleisch mit dabei. Im Gegenteil. Das Niveau sank immer mehr, anstelle entspannter Altersgenossen, die vielleicht den Sexappeal der Party hätten ankurbeln können, kam die Crème de la Crème der abgefucktesten Berliner vorbei. Durchies, wahrscheinlich auch Junkies, Eklons eben. Eine dieser Personen, war eine etwa 30-jährige Frau, ihr Haar war so fettig, dass man ein Spiegelei auf ihr hätte braten können. Nachdem sie Unmengen an Pepp intus hatte, hätte die Temperatur bestimmt auch gepasst. Ihre Nase sah der einer Hexe ähnlich, groß und buckelig. Zudem hatte sie durch die ganzen Drogen Spastiken bekommen, sie zuckte permanent. Hinter ihrem Rücken wurde sie Vibrator genannt. Um an mehr Stoff ranzukommen, versuchte sie ihr Glück bei Kitty und umgarnte ihn fleißig. Kitty mag das ja. Mit von der Partie war ein Berliner, der das Beste seiner 30er schon längst ausgefeiert hatte. Sein Wesen war deutlich angenehmer, ganz knusper in der Birne war er allerdings auch nicht. Die beiden spielen nicht wirklich eine Rolle, ich wollte euch nur das aktuelle Klientel der Party beschreiben.

Mia verging so langsam die Lust an der Feier und Langweile schlich sich ein. Raoul gab ihr den durchaus kreativen Ratschlag, dass sie sich doch selbst massieren könne, dann hätte sie ja eine Beschäftigung. Das probierte sie auch eine Zeit lang, half aber nicht. Bisher waren die beiden nur auf Amphetaminen unterwegs, merkten aber, dass da kein Hoch mehr kommen würde. Anstatt es, wie normale Menschen, einfach hinzunehmen und den Heimweg aufzusuchen, hielt Raoul Pappen für eine deutlich bessere Alternative. Das passte Mia aber nicht so, da sich bisherige ACID-Trips als sehr anstrengend erwiesen haben. Da sie aber auch nicht glückliche Besitzerin eines gesunden Durchsetzungsvermögens ist, stimmte sie dann doch zu. Damit der Flow zwischen den beiden auch stets im Gleichgewicht ist, schmissen sich gleich beide was ein. Und weil es so schön war, bekam Raoul einen feuchten Blowjob als Dankeschön. Romantische Rückzugsorte gab es nicht, also musste der Flur hinhalten. Die Kurzzeitflitterwochen hinterließen ihre Spuren und die beiden turtelten verliebt rum.

Die Chemie schien wieder zu stimmen und das war den beiden deutlich anzusehen. Kitty gefiel das nicht, denn seiner Meinung nach ist er der Mittelpunkt des Geschehens und sonst niemand. Allmählich schlich sich auch der Hunger bei den Party Animals ein. Also forderten die anwesenden Jungs der Party Mia dazu auf, ihnen etwas zu kochen. Haben wohl nicht bedacht, dass sie total am Hängen war, aufgrund der zuvor eingeschmissenen Pappe. Selbst ihr war das bewusst. Daher auch die Frage: „Wie soll das denn gehen Leute? Ich komm grad nicht so drauf klar.“ Daraufhin die hungernde Meute (in einem durchaus spirituellen, beruhigenden Ton): „Wenn du dich konzentrierst, dann kannst du alles schaffen.“ Motiviert durch die aufmunternden Worte, begab sich Frau an den Herd und kreierte etwas Wundervolles. Naja fast, Essen war wenigstens nur etwas angebrannt und für einen ausgehungerten Körper reichte es allemal. Mia rief alle zum Dinner und bis auf Kitty huschten alle an. Das Fehlen des DJs war für Raoul ein Zeichen von Respektlosigkeit und machte ihn verdammt sauer. Denn wenn Essen auf dem Tisch steht, wird gegessen. Und kaltes Essen sieht nicht schön aus. Raoul forderte Kitty dazu auf, mit den anderen zu speisen, daraufhin entwickelte sich Schnupfnase Kitty zum Choleriker. Er lief rot an, seine Oberlippe bebte und er spritze den Schweiß von sich als er Raoul mit den folgenden Worten rausschmiss: „Du beschissenes Arschloch. Niemand, wirklich niemand sagt mir was ich zu tun habe. Verpiss dich aus meiner Bude und nimm deine verfickte Schlampe gleich mit. Ich will euch hier nie wiedersehen!“ Es kam fast zu einer Schlägerei, aber eben nur fast. Für Mia brach eine halbe Welt zusammen, sie hatte gerade angefangen sich richtig heimisch zu fühlen in dem euphorischen Drecksloch und wollte unter keinen Umständen die Party verlassen. Mittlerweile befanden sich die beiden auch schon um die 15 Stunden in dem Raum. Druffys haben viele Eigenschaften, der Sinn für Zeit geht jedoch nach der Wirkung von Drogen verloren. Bisher ist die Geschichte eigentlich ziemlich harmlos, so manch einer von euch würde wahrscheinlich auch behaupten, es handle sich um eine ganz normale Afterparty. Worauf es mir ankommt, folgt jedoch jetzt.

Die Auseinandersetzung mit Kitty rüttelte Raoul wach und für ihn stand fest, dass die beiden so schnell wie möglich abhauen müssen. Doch Mia befand sich in einem anderen Universum, in welchem normale Gegenstände zu Freunden werden. Urplötzlich daraus rausgerissen zu werden, zerschmetterte ihre Vorstellung einer heilen Welt. Also beschloss sie, ihren klaren Menschenverstand komplett abzulegen und kindgerecht zu handeln. Sie schmiss sich auf den Boden und strampelte mit Händen und Füßen drauf herum, wie man es eben von Kleinkindern kennt. Sie fing an zu weinen, zu schreien und zu betteln. Es half alles nichts, sie mussten gehen. Mia gab Raoul an allem die Schuld und fing einen großen Streit an. Einen wirklich großen Streit. So heftig, dass sie kurz vor der Trennung standen. Sie fing an ihn zu schlagen und zu kratzen, sie konnte ihre Trauer über die verlorene Sause nicht überwinden – für sie war ihre kleine, schöne, heile Welt für immer zerstört. Vielleicht habt ihr es euch schon gedacht, aber für den Fall das es nicht so ist, ihr Trip hielt weiter an, sie war noch lange nicht am runterkommen. Auch Wochen nach dem Vorfall hatte Mia schlechte Laune und konnte nicht darüber hinwegkommen, dass sie nicht mehr mitfeiern durften.

Worauf ich hinaus will ist, dass Drogen uns zu Wesen machen, die wir nicht sein möchten. Klar, man kann auch richtig konsumieren und durchaus seinen Spaß damit haben. Allerdings in Maßen. Doch was, wenn man den Absprung nicht mehr schafft? Seine Werte und Ideale an eine Droge zu verkaufen ist meiner Meinung nach kein schönes Leben. Soweit sollte es bei niemanden kommen und falls du nun ein mulmiges Gefühl im Magen hast, dann freut mich das, denn das wollte ich damit erreichen. Es ist noch nicht zu spät.

Das war Teil 1 von „Drei Gründe, wieso ACID nicht immer eine gute Idee ist“, die weiteren folgen.

 

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