Einen Kleiderschrank voller Klamotten5

Marc DePulse – aus dem Leben eines DJs: ein Kleiderschrank voller Klamotten


 

 

Es sind wohl die Dateien mit der häufigsten Endung auf der Festplatte von DJs: .wav oder .mp3 – ein Repertoire aus zehntausenden Tracks, mit denen man wochenlang Raves bespielen könnte, aber schon geht der Blick ins Leere und schürt die Panik, obwohl ein absolutes Überangebot vorhanden ist: „Ich habe keine Ahnung, was ich heute Nacht spielen soll!“ Ein Prozess, der auch immer wieder während eines Sets eintritt: Man hat Tonnen an Material, aber weiß schon manchmal nach einer Stunde nicht mehr, was man heute noch spielen soll. Ergo: ein Kleiderschrank voller Klamotten und nichts zum Anziehen? Keine Sorge, Ladys, ihr seid mit diesem Problem nicht mehr allein.

Das Dilemma erklärt sich jedoch von selbst. Möchte man doch immer etwas Innovatives machen, etwas noch nie Dagewesenes performen, der breiten Masse ein Stück voraus sein und sich freilich von selbiger abheben. Außerdem hat man gerade den Mitschnitt von letzter Woche hochgeladen und will natürlich heute nicht schon wieder das gleiche spielen. Schließlich ist man ja outside the box, also stellt man genau diese Erwartung an seine Auswahl: Etwas Frisches und Unverbrauchtes muss ran, egal wie gut das alte auch sein mag. Die Ansprüche an sich selbst sind sowieso die höchsten.

Also ran an die Perlensuche und Musik finden, die den eigenen Style so gut widerspiegelt. Nur wo fängt man an? Mal wieder andere Genres durchstöbern? Nachwuchskünstlern zuhören, um ein wenig frischen Wind reinzubringen? Macht Sinn, denn die letzten Promos waren Grütze und beim Plattendealer um die Ecke kennt man schon jede überflüssige B-Seite. Auch stundenlanges Scrollen in der SoundCloud-Timeline bringt keinen Durchbruch. Ein paar Spotify-Playlists studieren fördert vielleicht neues Podcast-Material, aber immer noch nix für die Primetime heute Nacht. Also am Ende doch wieder nur die eigenen Sachen spielen? Jein. Natürlich keine zwei Stunden lang. Notgedrungen hört man also wieder mal die Charts durch, auch wenn man sich beim letzten Mal geschworen hat, das nicht mehr zu tun. Schließlich ist man ja kein Hitparaden-DJ und spielt nicht, was alle spielen oder jeder Gast schon bis zum Erbrechen kennt.

Jeder DJ hat seine eigene Herangehensweise, um an neue und gute Musik zu kommen. Nach vielen Jahren der Musikforschung bin ich zugegebenermaßen müde geworden, Promos zu hören. Gerade weil man ungefiltert auf verschiedenste Qualitätsstufen der Produktion trifft, um es mal dezent auszudrücken. Lieber gehe ich selber auf Entdeckungsreisen und da ist es doch wie bei den Pfadfindern. Schätze, die man selber findet, sind die schönsten Errungenschaften. Nicht die Perlen, die zuhauf im Briefkasten liegen. Wobei es schon einmal vorkommt, dass ich mich in Tracks verliebe, die ich vorher als Promo eiskalt gelöscht habe.

Es gibt diese Phasen, wo einfach nix Brauchbares dabei ist. Die klassische Nullrunde, bei der alles an einem vorbeizieht und man sich fragt, ob man irgendwo stehengeblieben ist oder ob der Groschen noch fällt. Zeiten, in denen man schon mit Shazam im Anschlag Sets von Kollegen hört und partout nichts brauchbares findet, was wenigstens annähernd gut genug sein könnte. Zeiten, in denen selbst die Lieblingskünstler- und Labels offensichtlich ein Stinktier nach dem anderen gefrühstückt haben. Und doch ist und bleibt dies nur die eigene Wahrnehmung. Vielleicht will man sich gerade selbst neu erfinden, den Sound der Zukunft suchen und dabei alle bisherigen Sachen über den Haufen hauen. Doch am Ende weiß man ganz genau, dass man im Laufe des Sets vermutlich eh wieder das spielt, was schon seit Wochen oder gar Monaten super funktioniert. Und das ist auch nicht schlimm, denn schließlich gibt es doch nichts Schöneres, als seine Lieblingsplatten mal richtig laut zu hören. Denn bei allen inneren Konflikten, sollte man sich immer wieder vor Augen führen, dass das Publikum einfach nur zu guter Musik feiern möchte. Also machen wir mal keine Wissenschaft aus dem Kleiderschrank.

 

 

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www.marc-depulse.com
Foto:
 Jörg Singer/Studio Leipzig