Wenn man mit Ela Minus auch nur ansatzweise etwas Negatives in Verbindung bringen will, dann ist das wohl das „Minus“ in ihrem Künstlernamen – aber eben auch nur aus mathematischer Sicht. Ansonsten löst die gebürtige Kolumbianerin nämlich ausschließlich positive Emotionen bei uns aus, was sich etwa durch ihr exzellentes Debütalbum „Acts Of Rebellion“ oder ihre offene, freundliche Art begründen lässt. Wir haben die bekennende Anhängerin der analogen Musikproduktion zum großen Interview eingeladen und mit ihr über das Album und andere relevante Themen gesprochen.

 

Hallo, Ela. Es freut mich, dich kennenlernen zu dürfen! Fangen wir mit etwas Lapidarem an: Worauf bezieht sich eigentlich das „Minus“ in deinem Künstlernamen?

Vielen Dank, die Freude ist ganz meinerseits. Ich bin eine große Anhängerin von Minimalismus und vertrete oftmals den Standpunkt „Weniger ist mehr“. Außerdem mag ich das Wort einfach. (lacht) In Kombination mit meinem Vornamen „Gabriela“ ist mein Künstlername Ela Minus entstanden.

Wie erlebst du die Corona-Krise bisher?

Mir geht es damit erstaunlich gut und ich muss gestehen, dass ich dem Ganzen sogar eine Menge Positives abgewinnen kann. Die letzten Monate haben gezeigt, dass in unserer Szene ein unglaublich starker Zusammenhalt besteht. Man setzt sich füreinander ein und viele Leute begreifen mittlerweile wichtige Dinge, auf die es im Leben ankommt. Außerdem kann ich die aktuelle Zeit nutzen, um mich gänzlich meinem Album zu widmen. Nichtsdestotrotz ist Corona unter dem Strich natürlich keine angenehme Sache für die Musikkultur und die Menschen im Allgemeinen.

Dass du der Krise auch positive Aspekte abgewinnen kannst, freut uns. Dennoch gehen wir davon aus, dass du als Künstlerin aktuell viele Sachen vermisst – allen voran die Live-Auftritte vor Publikum. Wann und wo hat dein letzter Gig vor einem „echten“ Publikum stattgefunden?

Das stimmt. Ich vermisse die Auftritte ungeheuerlich – sie sind schließlich mein Leben. Mein letzter Gig vor einer Crowd war im Februar beim By:Larm Festival in Oslo, und das war gleichzeitig mein erstes und bisher letztes Konzert vor Publikum im Jahr 2020. Auch wenn ich meiner Meinung nach noch besser hätte performen können, war es ein großartiges und einmaliges Erlebnis.

In den letzten Wochen und Monaten gab es vielerorts immer wieder kritische Stimmen, die sich negativ gegenüber der Behandlung des Musik- und Kultursektors durch die Regierung(en) äußerten. Auch weltbekannte Stars wie Carl Cox oder Calvin Harris ließen ihrem Unmut freien Lauf. Wie siehst du das?

Damit stimme ich voll und ganz überein. Seien wir mal ehrlich: Es ist keine Überraschung, dass sich die verantwortlichen Politiker wie A… aufführen, aber es ist schon überraschend, wie schamlos und ignorant sie gegenüber der Szene auftreten. Es liegt deshalb jetzt an uns, aufzustehen und uns gegenseitig stark zu machen. Es gab wohl noch nie einen besseren Zeitpunkt dafür.

Wie geht denn die Regierung in deinem Heimatland Kolumbien mit der Situation um? Gibt es dort irgendwelche Maßnahmen, die darauf abzielen, die Musik- und Kultur-Branche zu schützen?

Die Regierung hat noch nie etwas für uns getan, und das wird sich mit der Corona-Krise auch nicht ändern. Unabhängige Künstler*innen mussten hier schon immer für sich selbst kämpfen, wodurch es umso beachtenswerter ist, wenn jemand den Durchbruch schafft. Man muss sich vor Augen führen, dass es in Kolumbien weitaus schwerwiegendere Probleme gibt, die von der Politik ebenfalls keine Beachtung erfahren. Warum sollte sie sich also um ein paar „unbedeutende“ Künstler*innen scheren?

Widmen wir uns lieber den erfreulicheren Dingen. Am 23. Oktober erschien dein Debütalbum „Acts Of Rebellion“ via Domino. Erzähl uns doch etwas darüber.

„Acts Of Rebellion“ ist ein Album, das die Menschen zum Tanzen animieren soll – nicht nur im Club, sondern auch zu Hause, ganz für sich allein. Gleichzeitig soll es eine Einladung zu einer alternativen Lebensweise sein. Ich möchte den Leuten meine Hand reichen, um ihnen unentdeckte, neuartige Dinge im Leben zu zeigen, die sie vorher womöglich noch nicht kannten.

Wie würdest du „Acts Of Rebellion“ in einem Satz beschreiben?

Das ist gar nicht so leicht. Ich würde sagen, dass das Album die richtige Musik für düstere bzw. schwere Zeiten liefert.

Du warst schon immer eine große Verfechterin der analogen Musikproduktion. Digital produzierte Sounds sucht man bei dir vergeblich. Wie kommt es dazu, dass du die digitale Musikproduktion strikt ablehnst?

„Ablehnen“ ist vielleicht das falsche Wort dafür. Ich fühle mich von digitaler Musikproduktion einfach nicht so sehr angezogen wie von analoger Hardware und Synthesizern. Ich folge in dieser Hinsicht meinem Herzen und dem, was mir am meisten Spaß bereitet.

Wie sieht dein Studio aus? Ich stelle mir das recht beeindruckend vor hinsichtlich der Tatsache, dass du ausschließlich mit analoger Hardware arbeitest.

Wie ich anfangs schon sagte: Ich bin ein großer Fan von Minimalismus und dementsprechend abgespeckt ist auch mein Studio. Ich kenne mein Gear sehr gut und benötige nicht mehr, als notwendig ist. Es handelt sich um dasselbe Equipment, das ich auch bei meinen Live-Auftritten verwende: drei Moog-Synthesizer, eine MPC-1000-Drum-Machine und ein paar Effekte.

Begonnen hat deine musikalische Karriere in der Teenage-Hardcore-Punk-Band Ratón Pérez, in der du bis zu deinem 18. Lebensjahr aktiv warst. Inwiefern wirkt sich diese Periode auf dein heutiges musikalisches Schaffen aus?

Ich bin mit der Band groß geworden und die Punk-Szene konnte mir damals viele wichtige Werte vermitteln, die ich auch heute noch vertrete. Ich habe gelernt, dass es wichtig ist, Dinge anzupacken und sich dabei nicht von anderen, möglicherweise übergeordneten Personen irritieren oder beeinflussen zu lassen. Diese „Do-it-yourself“-Einstellung ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Es ist viel bedeutsamer, Sachen aus Überzeugung zu tun und nicht wegen der Aussicht auf Erfolg. Ich denke, meine musikalische Herangehensweise ist auch heute noch sehr von der Punk-Kultur beeinflusst.

Wie kam es dazu, dass du die Band verlassen hast?

Wir waren damals alle etwa 18 Jahre alt und hatten unseren Schulabschluss in der Tasche. Zwei von uns, darunter auch ich, erhielten ein Stipendium im Ausland, sodass sich die Band auflöste. Es war eine sehr schöne Zeit und ich blicke immer wieder darauf zurück.

Es heißt, du seist eine hingabevolle Anhängerin der Clubkultur. Gibt es eine spezielle Szene, beispielsweise in einem Land oder in einer Stadt, die es dir besonders angetan hat? Du bist ja vermutlich schon viel herumgekommen.

Pauschal würde ich sagen, dass mir die Clubszene in New York am besten gefällt. Ich lebe hier nun schon eine ganze Weile und bin nach wie vor sehr fasziniert von der hiesigen Musikkultur. Ich gehe gerne allein feiern, um ein unverfälschtes Club-Erlebnis zu haben. Gleichzeitig fühle ich mich hier zu Hause und somit auch sicher – das spielt eine wichtige Rolle. Ich denke aber, dass es auch in anderen Ländern bzw. Städten, wie beispielsweise in Berlin, einzigartige und atemberaubende Szenen gibt. Da ich aber immer nur für kurze Zeit vor Ort bin, kann ich leider kein präzises Urteil abgeben.

Kommen wir noch mal auf dein Album zurück. Gibt es Tracks, in denen wir den kolumbianischen Spirit finden, und gibt es Tracks, die eher von deinem Leben in den USA geprägt sind?

Das ist schwierig zu beantworten. Ich weiß, dass ich nicht zwanghaft versuche, die kolumbianische oder die amerikanische Lebenseinstellung in meinen Tracks unterzubringen. Ich denke, wenn man ehrliche und intuitive Musik macht, dann geschieht das alles automatisch. Meine Persönlichkeit ist von beiden Kulturen geprägt und alles, was mich ausmacht – von meinen Wurzeln bis hin zu meiner Erziehung und meiner Bildung –, fließt in meine Musik hinein.

„Acts Of Rebellion“ ist ein Soloalbum – aber nur fast, denn für den letzten Track des Albums, „Close“, hast du dir Helado Negro alias Robert Lange für ein Feature ins Boot geholt. Im vergangenen Jahr warst du wiederum auf einem seiner Stücke zu Gast. Eine Art Revanche?

Ja und nein. Seitdem ich an seinem Album mitgewirkt habe, pflegen wir eine sehr gute Beziehung zueinander. Wir wollten also in jedem Fall noch mal eine Kooperation starten, was aber nicht unbedingt für „Acts Of Rebellion“ geplant war. „Close“ war eigentlich schon im Kasten, als eine Freundin plötzlich sagte: „Der Track wäre besser als Duett.“ Der Rest der Story ist dann wohl selbsterklärend. (lacht)

Was können wir in naher Zukunft noch von dir erwarten? Für 2021 hast du eine Europa-Tour geplant, die im Februar beginnen soll. Siehst du sie aufgrund der Pandemie in Gefahr?

Wenn ich ein Projekt verfolge, dann konzentriere ich mich voll und ganz darauf. In diesem Fall ist das mein Debütalbum, das ja erst Ende letzten Monats erschienen ist. Mit dem ganzen Drumherum wird mich das wohl noch eine Weile beschäftigen. Ich hoffe, dass ich schon bald wieder Live-Auftritte haben werde, denn „Acts Of Rebellion“ ist darauf ausgelegt, live performt zu werden. Bezüglich der Tour bin ich grundsätzlich optimistisch, allerdings kann man zu diesem Zeitpunkt noch keine Vorhersagen treffen. Auch wenn sie nicht stattfindet: Ich weiß, dass ich eines Tages wieder auf der Bühne stehen werde. Wir alle werden wieder zusammenkommen, um gemeinsam zu tanzen und Spaß zu haben.

 

„Acts Of Rebellion“ ist am 23. Oktober auf dem Label Domino erschienen.

 

Aus dem FAZEmag 105/10.2020
Text: Milan Trame
Foto: Teddy Fitzhugh
www.elainus.com