
Mit Twibbit taucht ein neues Projekt aus Ostwestfalen auf, das sich bewusst nicht an Genregrenzen hält. Hinter dem Duo aus Espelkamp stehen Marcel Klocke und Sängerin Silvia Meier, die auf ihrer Debüt-EP „Kakashi“ elektronische Clubmusik mit Einflüssen aus Rock, Pop und experimentellen Klangwelten verbinden. Heraus kommt ein Sound, der zwischen Indie-Dance, Rave-Energie und cineastischer Atmosphäre pendelt und sich eher als musikalische Reise versteht denn als klar definiertes Genre. Wir haben mit Twibbit über ihre ungewöhnliche Herangehensweise ans Songwriting, ihren späten Einstieg in die elektronische Produktion und die Geschichte hinter ihrer ersten Veröffentlichung gesprochen.
Eure Debüt-EP „Kakashi“ vereint laut eigener Aussage ein Dutzend Genres – von DnB über Disco bis Brass-House. Was hält diesen scheinbar wilden Mix zusammen, sodass er trotzdem nach Twibbit klingt?
Denk dir sehr viel Percussion und irgendwie auch kleine Glöckchen dazu, weil sich die in den Großteil unserer Tracks schleichen, und das Ergebnis beschreibt das, was wir machen, ziemlich gut, wobei beim Brass-House mehr Symphonieorchester als Too Many Zooz herausgekommen ist.Neben verschiedenen Dance und Elektro-Genres bedienen wir uns auch an Elementen aus Punk, Pop, Folk und so weiter. Ob das funktioniert, muss jeder für sich selbst entscheiden, aber wenn, dann vermutlich, weil ich zwar identifizieren kann, was mir gerade in dieser riesigen Dance-Welt gefällt und wozu ich gerne tanze oder was mich emotional bewegt, ich aber, was Songstruktur betrifft, doch eher vom Rock und vor allem Post- und Alternative Rock komme. Silvia kommt wieder aus einer anderen aber zumindest ähnlichen Richtung. Insofern gibt es da einige sich bei allen Twibbit Experimenten durchziehende Sachen: Zusammenspielende Melodien, komplexe und gerne im Verlauf des Tracks wachsende Beats, strukturreiche Klangteppiche, Basswände, eine kleinere und manchmal größere Spur Noise, dabei aber meistens eine gewisse Poppigkeit, auch wenn die manchmal tief vergraben ist, und ein gewisser Rock Vibe… ich glaube, Twibbit Stücke haben eine ganz bestimmte Energie, an der man uns erkennt und die das Ganze zusammenhält.
Ihr beschreibt euren Sound als weltweit einzigartig, komplex und progressiv – was unterscheidet euch konkret von klassischen Indie-Dance- oder Post-Dance-Projekten?
Es gibt so viel wildes und krasses Zeug da draußen, dass ich gar nicht weiß, wie ich diese Frage beantworten soll, ohne entweder etwas komplett Oberflächliches zu sagen oder aber zu sehr ins Detail zu gehen. Es ist die Mischung aus den verschiedenen Einflüssen, das Sounddesign, wenn dies Wort das bedeutet, was ich glaube, die Strukturen der Songs und eben die erwähnte Energie und unsere Art von Drive. Twibbit bedeutet nicht hier ein DnB Stück und hier ein Track aus dem Industrial Bereich. Wir packen die Elemente und andere in einem Stück zusammen, nehmen die Hörer mit auf eine kleine Reise und schaffen es hoffentlich dabei, nicht zu kompliziert, verkopft oder gar langatmig zu sein sondern immer das Tanzbein zucken zu lassen. Nimm das zusammen und du findest einfach niemanden, der ähnlich klingt, auch wenn es natürlich einige Projekte gibt, die von der Herangehensweise her Gemeinsamkeiten mit uns haben. Und außerdem, um dann doch noch oberflächlich zu werden, haben wir Silvia mit ihrer wunderschönen Stimme und ganz einfach die besten Beats.
Viele eurer Tracks wirken wie kleine Dramaturgien mit Wendungen, Tempowechseln und überraschenden Momenten. Wie entsteht euer Songwriting – eher intuitiv oder konzeptionell gedacht?
Bei den meisten, wahrscheinlich sogar allen Tracks, war der Beginn des ganzen Prozesses bislang ein intuitiver. Wenn ich mit einem festen Plan und einer klaren Vision an die Sache herangehe, kann ich sicher sein, dass das alles nach wenigen Minuten vergessen ist und das Stück in eine ganze andere Richtung geht. Kann sein, dass es mir einfach zu langweilig ist, schon zu Beginn des Prozesses zu wissen, was am Ende herauskommt. Ich liebe es, wenn sich das Musikmachen anfühlt, als ob man als Bildhauer etwas aus dem Stein haut, was schon die ganze Zeit darin versteckt war und einfach freigelegt werden muss. Manchmal fängt es mit einer Melodie an, die mir einfällt, manchmal entsteht beim Herumspielen mit einem virtuellen Synth ein interessanter Sound. Manchmal sind es einfach Emotionen, geweckt durch Filme, Bücher, Games oder Erlebnisse mit anderen Menschen oder auch einfach durch andere Musik. Auf jeden Fall entsteht ein erstes musikalisches Bild im Kopf, meist für ein oder zwei Takte, das ich dann umzusetzen versuche. Daraus wächst dann mehr, zuerst noch sehr stark vom Herzen und weniger vom Kopf gelenkt. Und irgendwann kommt immer mehr Kopf dazu, genau wie dann auch Silvias Kopf und ihre Einschätzungen dazu kommen und in den besten Fällen dann auch ihr Gesang. Wir möchten, dass die Stücke spannend sind, einen hier und da emotional packen, möchten mit den Tracks aber „kompakt“ bleiben und nicht ausufern. Wir möchten treiben, durchaus hart sein, die Hörer aber auch mal träumen oder fliegen lassen und dabei aber weder zu krass noch zu kitschig werden. Da braucht es dann irgendwann einen Plan.
Auf „Spring“ und „Kakashi“ tritt Silvias Stimme besonders in den Vordergrund. Was verändert sich im kreativen Prozess, wenn ein Track vokal getragen ist im Vergleich zu euren instrumentalen Stücken?
Bei den instrumentalen Tracks ist Silvias Rolle eher eine indirekte. Sie warnt mich, wenn ich zu sehr in die Richtung „zamonische Kakophonie“ abdrifte oder wenn z.B. ein tranciger Part droht, langweilig zu werden, sagt, was ihr gefällt und so weiter. Bei den Stücken, auf denen sie singt, ist Silvia früher und direkter im Songwriting Prozess involviert. Und dann ist da natürlich ihr Gesang selbst und ihre Stimme, auf die ich dann wieder musikalisch reagieren kann. Das Ganze ähnelt bei diesen Stücken mehr dem gemeinsamen Songschreiben einer Band im Proberaum und macht noch einmal mehr Spaß. Es ist ein großes Glück, dass sie mit dabei ist, und ich glaube, der Umstand pusht mich auch bei den rein instrumentalen Tracks.
Zwischen Dance-Pop, Underground-Rave und Post-Core-Attitüde: Wo seht ihr euch selbst – eher als Clubprojekt, als Band im elektronischen Gewand oder bewusst zwischen allen Stühlen?
Twibbit machen Musik, die du zu Hause hören und dabei immer wieder Neues entdecken kannst, zu der du aber auch tanzen und gerne springen kannst, wenn sie laut im Club oder auf einem Festival gespielt wird. Solange du offen für Musik bist, die du so vielleicht noch nicht kennst, nehmen wir dich gerne mit auf die Reise, egal ob du primär Rave, Hardcore, Jazz oder Pop hörst. Ich denke, sowohl Band im elektronischen Gewand als auch das Sitzen zwischen den Stühlen passen ganz gut, glaube aber eh nicht, dass wir fähig wären, uns musikalisch einzuschränken. Es wäre sicherlich in mancher Hinsicht hilfreich, in eine Schublade zu passen und sich auf ein bestimmtes Genre zu fokussieren, aber das können andere viel besser. Insofern spielt die Einstufung bzw. Einschätzung durch uns selbst letztendlich keine Rolle. Wir machen das, was wir können und lieben, einordnen können uns andere.
Marcel, du bist in der zweiten Hälfte deiner 40er noch einmal komplett neu in die elektronische Musik eingestiegen. Was hat dieser späte Neubeginn mit deiner Herangehensweise gemacht – vielleicht sogar im Vergleich zu jüngeren Produzenten?
Ich habe als Kind nach Blockflöte und Glockenspiel mit dem Schlagzeug angefangen und hab später in Indie- und Post-Rock Bands gespielt. Hatte ein riesiges Set, inspiriert von Herb Alexander von Primus. Auch wenn das eine Weile her ist, hat mich das natürlich ganz extrem geprägt, was man sehr leicht an unseren Beats heraushören kann. Aber durch das Alter kommt logischerweise mehr Lebenszeit, um Musik gehört zu haben. Ich war bei einigen sehr interessanten Entwicklungen im Metal, Alternative aber vor allem auch Dance und Elektrobereich auf der Welt und habe die musikalische Pubertät in den sehr spannenden 90er Jahren gehabt. Zum anderen bin ich jetzt deutlich gelassener als ich es in früheren Jahren war. Der Hunger, sich mit Musik zu etablieren, und diese Verzweiflung und der Zorn, die ich als junger Mensch beim Musizieren oder auf der Tanzfläche gefühlt habe, sind so nicht mehr oder zumindest nicht mehr in dem Ausmaß da. Aber der Hunger und die Neugier, die Musik an sich betreffend, sind jetzt eher größer als sie es damals waren.
Die EP zeigt nur einen Ausschnitt eures Sounds, gleichzeitig liegen offenbar schon zwei, vielleicht sogar drei Alben fertig in der Schublade. Wie sehen eure konkreten Release-Pläne aus – und wie viel Twibbit-Welt wartet da noch?
Zwei Alben sind im Prinzip fertig. Dann haben wir noch weitere Tracks, die teilweise noch mehr undergroundy sind und die teilweise Samples enthalten, für die wir noch das Okay einholen müssen. Neues kommt dazu, manche Sachen fallen weg, weil sie uns nicht mehr gut genug vorkommen, aber ausreichend Material für ein drittes Album ist auf jeden Fall vorhanden. Ich habe lange gebraucht, zu lernen, den Sound am Ende richtig hinzubekommen, daher hat sich in der Zwischenzeit ein wenig was angesammelt. Außerdem brauchten wir eine ganze Weile, um zu entscheiden, dass wir die Musik veröffentlichen möchten und welcher Weg dabei der geeignetste für uns ist. Wir wollen jetzt möglichst schnell mit den ersten beiden Alben raus, weil wir sehr stolz auf die Scheiben sind und finden, dass unsere Musik so am meisten Spaß macht, zumindest solange Twibbit noch nicht live passieren. Aber wir sind eben zumindest für die Öffentlichkeit brandneu und nicht unbedingt Mainstream. Deswegen möchten wir erst ein paar Leute auf uns aufmerksam machen, bringen jetzt die Kakashi EP und dann noch eine oder zwei Singles, bevor wir etwas später unser Debütalbum veröffentlichen und im nächsten Jahr mit dem zweiten nachlegen. Wenn sich allerdings abzeichnet, dass es irgendwie Sinn macht, die Scheiben früher zu releasen, weil ein paar Leute Twibbit entdeckt haben und gerne mehr hören möchten, dann tun wir das lieber heute als morgen. Es steckt sehr viel Arbeit in den Tracks und, auch wenn es albern klingt, sehr viel Liebe, und jetzt sollen die Leute die Stücke endlich hören.
Mit „Espelkamp“ widmet ihr eurer Heimatstadt einen eigenen Track. Welche Rolle spielt der Ort für eure Kreativität – ist er Rückzugsraum, Kontrastprogramm oder unterschätzte Inspirationsquelle?
Espelkamp ist eine kleine, junge, manchmal schroff und dann wieder bunt und grün wirkende Stadt mit einer besonderen Entstehungsgeschichte und einer gewissen russischen Seele. Religion spielt eine große Rolle, die AFD wird viel gewählt, es gibt viel Altes aber daneben auch viel Neues, beeindruckendes soziales Engagement und einfach viel Initiative, interessante Menschen und Kreativität. Eine Stadt mit großen Gegensätzen und einem ganz eigenen Flow, den man erst einmal erkennen muss. Silvia ist hier geboren. Ich lebe seit einem guten Dutzend Jahren hier und brauchte eine Weile, um mit Espelkamp warm zu werden. Aber irgendwann hat es geklickt und ja, ich denke, diese Stadt ist ganz sicher einer der Gründe, warum Twibbit so klingen wie wir es tun. Kontrast und Inspiration gleichermaßen, wobei ich Kontraste eh sehr inspirierend finde.
Und hier könnt ihr in die EP hineinhören: