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Wir schreiben das Jahr 1997, French House steuert auf seinen Höhepunkt zu. Daft Punk veröffentlichen ihren berühmten Erstling „Homework“, Acts wie Air, Cassius oder Mr. Oizo starten ihre erfolgreichen Karriere und ein gewisser Étienne de Crécy bringt ebenfalls sein Debütalbum raus, das Projekt „Super Discount“. Hinter den zahlreichen Pseudonymen, die das Album wie eine Compilation aussehen lassen, steckt de Crécy selbst, bzw. Projekte mit seinem Kollegen Philippe Zdar. Ergänzt wird das Ganze noch durch Alex Gopher und Air. „Super Discount“ wird auch zu einer wichtigen Säule der französischen House-Bewegung, das gelbe, ikonenhafte Artwork steuert sicherlich seinen Anteil dazu bei.


Knapp 18 Jahre später, die Zeichen stehen auf Grün, es steht der dritte Teil der Saga an. Eine gute Gelegenheit über de Crécys Farbenlehre zu reden, aber sich auch über seinen aktuellen Gemütszustand zu erkunden in Anbetracht der aktuellen Lage in Frankreich.

Nach der ersten „Super Discount“-Ausgabe 1997 hast du drei Jahre später das Album „Tempovision“ veröffentlicht, um dich danach wieder einer zweiten SD-Ausgabe zu widmen. Wie kam es zu der Entscheidung, „Super Discount“ weiterzuführen?

Ich weiß es nicht genau. Um 2003/04 herum wurde elektronische Musik billig, Rockbands waren der heiße Scheiß. Ich wollte aber mitteilen, dass ich dennoch stolz bin, Teil dieser Szene zu sein. So dachte ich mir wieder den Namen und das Logo zu nutzen und zu sagen: „Hey, hier sind wir und wir sind stärker als je zuvor!“

Wann hast erstmals über einen dritten Teil nachgedacht? Vor fast drei Jahren hast du deine Best-Of „My Contribution To The Global Warming“, gab es da schon Gedanken zu einem dritten Teil oder schon unmittelbar nach Teil Zwei?

Als ich beschloss SD 2 zu machen, wusste ich bereits, dass es einen Nachfolger geben würde. Alle guten Dinge sind drei. Tatsächlich dachte ich, dass die Zeit wieder dafür reif ist für „Super Discount“, weil der Sound, den ich gerade in meinen Sets spiele, wieder mehr House-orientierter ist. Club-Banger langweilen gerade die Leute, die spannende Musik kommt gerade aus dem House-Bereich. Ich wollte ein Album veröffentlichen, das eine große Verbindung hat zu der Musik, die ich auflegen und „Super Discount“ ist da natürlich ein guter Name für diese Art von Musik.

Wie hat sich die Art und Weise der Studioarbeit im Laufe der drei Ausgaben verändert?

Haha, sehr! So wie man heute Musik am Rechner produzieren kann, war das unmöglich. Ich benutze einen Atari 1040, der nur als MIDI-Sequenzer zu benutzen war, alles andere erledigte der Akai S3000-Sampler. Ich benutze keine Synthesizer und produzierte auf einer Fläche von einem Quadratmeter in meinem Wohnzimmer. Mittlerweile habe ich ein fast professionelles Studio und die digitale Technologie ist komplett anders. Das ist so viel einfacher heutzutage mit Plug-ins oderFunktionen wie Timestretch, Auto-Tune etc. Aber ich arbeite momentan auch mit Vintage-Synthesizern, ich nutze sozusagen das Beste aus zwei Welten.

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Wie lang hast du am Album gearbeitet?

„Super Discount“ bedeutet auch, dass es sehr schnell gemacht wird, das ist die DANN der Serie. Dieses Mal hat es insgesamt etwas länger gedauert, weil es seine zeit gebraucht hat, mit den verschiedenen Künstlern zusammenzukommen und gemeinsame Termine zu finden. Der Produktionsprozess am Rechner hingegen ging wieder sehr schnell.

Apropos. Neben bewährten Kooperationspartnern wie Gopher oder Julien Delfaud hast du dieses Mal mehr Gäste als bei den vorherigen Ausgaben an Bord.

Als ich anfing nach Produzenten für SD 3 zu suchen, fühlte sich das nicht wirklich besonders an, heutzutage gibt es eine Menge Kollaborationen zwischen Musikproduzenten. Ich dachte, es wäre evt. lustiger, etwas anderes auszuprobieren und so suchte ich die Sänger und Sängerinnen aus meinen Top Ten der meistgespielten Acts meiner Spotify-Playlist aus.

Zum Album gibt es auch eine Tour, was erwartet uns dort?

Ein Live-Act. Ich bin mit Alex Gopher und Julien Delfaud auf der Bühne – ohne Computer oder CD-Player. Nur gutes altes analoges Equipment und wir werden dann unter einen großen und leuchtenden Super Discount-Logo. Die Show wird sehr funky sein!

Was waren und sind deine wichtigsten musikalischen Einflüsse?

Davon gibt es sehr sehr viele. Ich verbringe viel Zeit damit nach neuen Tracks zu suchen, die mir was geben können – selbst beschissene Musik kann mich manchmal zu guten Ideen führen. Deswegen würde ich sagen, das die Vielfalt aller Produktionen meine stärkste Inspiration ist. Es gibt aber auch einige Künstler, die ich seit vielen Jahren sehr mag, die mich inspiriert haben und das immer noch machen: Zombie Nation, Roman Flügel, Armand Van Helden, Kraftwerk oder Morgan Geist

Alex Gopher ist ja wieder mit dabei dieses Mal. Habt ihr die ganzen Jahre über Kontakt gehabt oder hast du ihn für den dritten Teil wieder angefunkt? Und was ist mit Philippe Zdar, hast zu ihm auch noch Kontakt?

Alex hat sein Studio direkt neben meinem, wir sehen uns also fast jeden Tag. Und Philippe sehe ich auch regelmäßig. Er arbeitet an einem neuen Cassius-Album, darauf bin ich sehr gespannt.

Können wir auf einen vierten Teil hoffen?

Er wird Orange sein!

Zum Schluss würde ich gerne noch auf die schrecklichen Ereignisse der ersten Januarhälfte in Paris eingehen. Was sind deine Gedanken und was denkst du, wird die Zukunft bringen (müssen)?

Das ist alles sehr schrecklich. Ich persönlich habe jetzt keine Angst, aber zum ersten Mal in meinem Leben realisiere ich, dass Freie Rede keine Selbstverständlichkeit ist. Wir verlieren sie, wenn wir nicht darum kämpfen werden. Ich selbst würde mich als säkular bezeichnen und ich denke Religionen können Dinge nur verbieten, an die die Menschen glauben.

Es gibt zwei Seiten in dieser Tragödie. Die eine ist die französische Gesellschaft, die gespalten ist und die andere sind die radikalen Auswüchse des Islams, der auf der ganzen Welt Menschen umbringt. Ich denke, wir müssen zuallererst unser Land wieder richten, damit alle Menschen respektvoll zusammenleben. Ich bin nicht der Meinung unseres Premierministers, als er sagte, dass wir in den Krieg ziehen müssen, wir brauchen Frieden! Wir müssen Milliarden in die Bildung investieren, um Schulen zu einem Ort zu machen, an dem alle jungen Menschen sich wohlfühlen und wo sie bleiben wollen, vor allem in unseren Ghettos. / Tassilo Dicke FAZEmag 036/02.2015

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