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Bald zwei Jahre ist es her, dass ich Elliot John Gleave anlässlich der Veröffentlichung seines Albums „Playing In The Shadows“ zum ersten Mal traf. Zunächst bei einem seiner Konzerte im Ibiza Rocks Hotel in San Antonio, am Folgetag dann zum Interview im legendären At Pikes Hotel in der Inselmitte. Seither ist viel passiert. Songs wie „Changed The Way You Kiss Me“ und „Stay Awake“ haben sich auch bei uns zu echten Radiodauerbrennern etabliert, Example ist einmal rund um die Welt getourt, ich arbeite heute für ein anderes Magazin und er ist inzwischen verlobt. Allerdings nicht mit der Frau, von der er mir damals erzählte. „Ich werde im Mai heiraten“, ist eine der ersten Informationen, die er mir zukommen lässt, als wir uns im Keller der Essigfabrik in Köln-Deutz begrüßen. Zugegeben, das Surrounding bei unserem ersten Aufeinandertreffen hat mir besser gefallen, und hier stimmt mir Elliot zu, als er sich auf das brandlöcherige Ledersofa im Neonlicht des kalten und tristen Backstageraums der Location fallen lässt. Grund unserer erneuten Zusammenkunft ist sein viertes Album „The Evolution Of Man“, das am 19. April auf Embassy One erschienen ist.
An diesem Abend, es ist der 19. März, wird Elliot das letzte von insgesamt vier Deutschlandkonzerten spielen. Auch wenn das Album zu diesem Zeitpunkt noch nicht in den Läden steht, gut besucht sind seine Konzerte trotzdem. „Und ich freue mich, dass die
Leute die Songs vom neuen Album schon mitsingen können. Es ist dennoch schade, dass es so lange gedauert hat, bis es auch hier erscheint. Ministry of Sound UK konnte zunächst keinen Partner für Deutschland finden, was ärgerlich war. Immerhin konnten die Leute auf Twitter und Co. schon sehen, dass es etwas Neues gibt, aber sie konnten es nicht kaufen. Ich hoffe, bei meinem nächsten Album, an dem ich natürlich schon arbeite, läuft es runder.“ Die Konzerte sind also gut besucht, jedoch nichts im Vergleich zu den Events, bei denen Example in den letzten zwei Jahren in UK als Headliner zu Gast war, das sei erwähnt. In seiner Heimat ist Elliot längst auf den ganz großen Bühnen zu Gast und hat seinen 2011 geäußerten Plan, bald in den Stadien zu spielen, tatsächlich umsetzen können. Doch sieht er seine Rückkehr auf die kleineren Bühnen durchaus positiv. „Es hilft mir, auf dem Boden zu bleiben. Viele meiner Kollegen hatten ihre Zweifel angesichts dieser Tour, wegen des noch nicht veröffentlichten Albums und Verkäufen von ‚nur‘ 600 bis 700 Tickets. Ich aber fand das großartig. Ich stehe gern auf der Bühne, mir ist es egal, ob vor 60.000 oder nur 60 Fans. Das macht für mich keinen Unterschied. Wenn ich im nächsten Jahr wiederkomme, dann sind aber es ja vielleicht 2.000 oder 3.000. Wer weiß?!“

Und dass er wiederkommt, um sein fünftes Album vorzustellen, ist schon jetzt klar,
denn geschrieben wird daran bereits mit Hochdruck. „Ich schreibe, wann immer ich Zeit habe. Vornehmlich im Tourbus …“ So war es schon 2011, als wir uns erstmalig über seine Gepflogenheiten unterhielten. Neu aber sind die privaten Entwicklungen in Elliots Leben seither, denn seine heutige Verlobte traf er erst nach dem Release von „Playing In The Shadows“. „Ich mag plötzlich dieses Pärchending. Ich mag es, neben ihr aufzuwachen, und ich mag es, wenn sie mich auf Tour besuchen kommt. Ich gehe nicht mehr so viel aus, um Party zu machen. Vorher bin ich nach jedem Gig noch in irgendeinen Club gegangen. Mädchen, Alkohol, Drogen. Das volle Programm. Jetzt komme ich von der Bühne, trinke noch ein Glas Wein, esse ein gutes Stück Käse dazu und schaue einen Film. Das hat sich geändert, aber sonst bin ich der Selbe geblieben. Ach, und ich habe eine neue Frisur …“ Ja, das sehe ich. Ein Problem bringt ein glückliches Beziehungsleben für einen Künstler allerdings schon mit sich, denn wie heißt es so schön? „Art never comes from hapiness“ und es lassen sich die besten Songs unter den schwierigsten Gefühlsbedingungen schreiben. Worüber aber schreibt man, wenn man das Glück gepachtet hat? „Meine zuletzt erschienenen Songs handeln noch von mir und meiner Ex. Und tatsächlich sind meine Stücke bestens ausgestattet mit melancholischen Lyrics. Ich bin jetzt das erste Mal in einer Beziehung absolut ehrlich und treu – für mich etwas Besonderes. Wenn ich jetzt Songs schreibe, versuche ich, über andere Leute zu texten, nicht mehr so viel über mich selbst.“

Auch musikalisch hat sich etwas getan in den letzten zwei Jahren, ist „The Evolution
Of Man“ zwar noch immer ein rein elektronisches Album, doch mit einer unüberhörbaren Rockattitüde, die zahlreiche Zitate erkennen lässt. Schon in der Vergangenheit outete sich Elliot als großer Fan von Smashing Pumpkins, Rage Against The Machine, Red Hot Chili Peppers, Blur und Nirvana. „Ich habe versucht, meine eigene Interpretation ihres Sounds zu kreieren. So habe ich zum Beispiel eine Version von Soundgardens ‚Black Hole Sun‘ gemacht, das ist ‚Crying Out For Help‘. ‚Come Taste The Rainbow‘ orientiert sich an RATM. ‚One Way Mirror‘ ist eine Hommage an die RHCP.“ Das klingt nach einem Konzept. „Ja, und das machte die Produktion vielleicht auch so einfach. Ich hatte Blur-Gitarrist Graham Coxon bei vier Songs dabei. Ich habe ihn bei einem Charity-Gig getroffen und ihn gefragt, ob er Lust habe, an meinem Album mitzuarbeiten. Er hat schlicht ja gesagt und mich zu sich nach Hause eingeladen. Blur sind in UK so groß, und ich finde, Graham ist einer der besten Gitarristen der letzten 25 Jahre weltweit.“ So einfach kann es sein, man muss sich nur trauen. Doch ist Elliot keineswegs immer so abgeklärt, wenn er im Zuge seiner eigenen Auftritte auf den großen Festivals andere bekannte Nasen des Business trifft. „Ich bin schon noch aufgeregt, wenn ich auf meine ganz großen Idole treffe. Richtig schlimm nervös war ich bei Graham, Keith Flint von The Prodigy und bei Dave Grohl. Bei ihm wusste ich tatsächlich nicht, was ich sagen soll. Ähnlich würde es mir wohl auch bei Metallica oder Jay-Z gehen.“ Der Umgang mit den weiteren Kollaborateuren auf „The Evolution Of Man“ lief dann aber eher auf Augenhöhe. Dirty South, Feed Me und Buddy Calvin Harris trugen ihren Teil bei. „Sie alle liefern nie einen fertigen Track ab, sondern immer nur einen Loop von wenigen Sekunden, aus dem ich dann den Song mache. Ich produziere meine Stücke immer mit der Idee im Hinterkopf, dass sie auf den großen Festivals, bei meinem Live-Shows funktionieren müssen.“ Doch funktionieren sie eben nicht nur auf der Bühne, sondern häufig auch in den Charts und im Radio. „Changed
The Way You Kiss Me“ hält sich beispielsweise bis heute tapfer in den Airplay-Listen der Stationen. Spuken nicht auch die Worte „Chartplatzierung“ und „Radiotauglichkeit“ beim Produzieren in jenem Hinterkopf herum? „Als ich zum ersten Mal eine #1-Hit hatte, war ich super aufgeregt, aber heute interessiert mich das nicht mehr. Ich mache die Musik, auf die ich Bock habe. Wenn ich in UK nie wieder einen #1-Hit lande, ist mir das total egal.“ Es
geht also eher um Selbstbestimmung. Ein Grund dafür, dass Elliot in Interviews wie auch in seinen Songs und im Internet sein Herz auf der Zunge trägt? „All das, worauf ich in meinem Leben nicht wirklich stolz bin, habe ich in meinen Songs verarbeitet. Example ist also ein sehr persönliches Ding. Und so lasse ich meine Fans auch via Twitter und Co. an allem teilhaben, was ich so mache. Was ich esse, was ich trinke, welchen Film ich schaue etc. Wenn ich traurig, glücklich oder sonst was bin. Das ist wichtig für mich. Es gibt sicherlich andere Künstler, die als Kunstfiguren funktionieren. Aber das bin nicht ich. So wie ich mich im normalen Leben kleide, so gehe ich auch auf die Bühne. Ich bin einfach ich
selbst …“

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