extrawelt

Mit ihren einzigartigen Produktionen zählen Extrawelt nicht nur zu den Hauptfiguren der elektronischen Musik, sie gehören auch zu den meist gebuchten Live-Acts und bringen dafür kistenweise Synthesizer, Drum-Machines und allerlei Equipment auf die Bühne. Ihre Tracks stehen für eine ganz eigene Spielart des Techno und heben sich eindrucksvoll von der Masse ab. Sie schaffen es scheinbar spielend, sich immer wieder neu zu erfinden und sich dennoch stets treu zu bleiben. Der besondere Charakter und Geist, der ihnen zu eigen ist, ist in jedem einzelnen Moment hör- und spürbar.

Wayan Raabe und Arne Schaffhausen suchen nicht das Scheinwerferlicht, sondern bedienen lieber gekonnt ihre Gerätschaften, denen sie ihre volle Konzentration widmen. Genau diese sichtbar gelebte Leidenschaft, die filigrane Liebe fürs Detail, macht die beiden Hamburger so glaubwürdig und kreiert eine Faszination um sie selbst, aber auch um ihren einzigartigen musikalischen Stil. Nach etlichen Klassikern wie „Soopertrack“, „Dark Side Of My Room“ oder „Titelheld“ und den heute in der Szene als ikonisch geltenden Alben „Schöne Neue Extrawelt“ und „In Aufruhr“ erscheint nun ihr lang ersehntes drittes Studioalbum: „Fear Of An Extra Planet“.

Mit eurem dritten Album komplettiert ihr eure Trilogie auf Cocoon Recordings, sechs Jahre nach eurem letzten Album „In Aufruhr”. Lasst uns gleich zu der wohl offensichtlichsten Frage kommen: Wieso hat es so lange gedauert?

Arne: Das Leben dazwischen wollte einfach auch noch gelebt werden. Es ist tatsächlich eine Menge passiert, wir sind beide privat umgezogen, mussten zweimal mit unserem Studio umziehen und waren natürlich auch wie immer sehr viel auf Tour. Diese sechs Jahre vergingen wirklich verdammt schnell, allerdings waren sie auch reichlich gefüllt. Das Musikmachen kam dann nach Jahrzehnten, die wir fast ausschließlich im Dunkeln des Studios verbracht haben, mal etwas kürzer. Als wir uns dann bewusst dazu entschieden, das Album in Angriff zu nehmen, haben wir uns auch einfach die nötige Zeit genommen, die so ein Album nun mal braucht.

Es gab ja auch ein paar kritische Stimmen, die verlauten ließen, dass von euch wenig neues Material komme, und wissen wollten, wann denn jetzt endlich mal ein neues Album erscheine. Hat euch das sehr unter Druck gesetzt?

Arne: Nein, nicht wirklich. Es kam zwar weniger als in den Jahren davor, aber trotzdem gab’s konstant Veröffentlichungen. Ein Album zieht deutlich mehr Aufmerksamkeit auf sich als ein Remix oder eine Single, die selbst, wenn’s gutes Feedback gibt, nach einigen Wochen oder Monaten wieder in Vergessenheit gerät. Es war uns ja auch immer bewusst, dass es Zeit für ein neues Album ist, nur gab es eben andere Dinge, denen wir unsere Zeit und Kraft widmen wollten. Diese Zeitknappheit hatte in kreativer Hinsicht sogar einen positiven Nebeneffekt, denn immer, wenn wir dann ins Studio konnten, war es ein bisschen wie bei einem Rennpferd, das endlich auf die Stecke darf. An Ideen und Tatendrang hat es uns jedenfalls nicht gemangelt. Seltener und dafür bewusster und reflektierter an einem Track zu arbeiten, hat unserer Musik sogar gutgetan.

Wie lange habt ihr nun an eurem Album gearbeitet?

Arne: Mit dem Album konkret beschäftigt haben wir uns erst seit Mitte 2016. Ab da haben wir uns voll auf das Album konzentriert. Es war das Ziel, deutlich mehr Tracks zu haben, als letztlich auf dem Album landen sollten, um auswählen zu können, was am besten zusammenpasst. Die Tracks, die es nicht auf das Album geschafft haben, verschwinden jetzt erst mal in der Schublade. Aber da sind durchaus ein paar Sachen dabei, die wir lieb gewonnen haben – vielleicht sieht der ein oder andere Track noch mal das Tageslicht.

Ihr habt ja auch eine EP vorangestellt. Anfang Oktober, zwei Wochen vor Release des Albums, erschien „Blackout“ als Vorgeschmack auf „Fear Of An Extra Planet“. War die Idee von Anfang an da oder ist das dem massiven Output geschuldet, den du gerade angesprochen hast?

Arne: Die beiden Tracks, die auf der EP erschienen sind, standen für Wayan und mich eigentlich als sichere Albumtracks fest. Nachdem wir uns dann aber für die Tracklist des Albums entschieden hatten, passten sie vom Ablauf einfach nicht mehr hinein. Daher haben wir uns relativ spontan dazu entschieden, eine Single voranzustellen, weil die Tracks eben doch irgendwie dazugehören.
Wie anfangs erwähnt, komplettiert ihr mit diesem Album die Trilogie auf Cocoon, so liest sich zumindest die Ankündigung zum Album. Bedeutet das, dass ein eventuell erscheinendes viertes Album nicht mehr auf Cocoon Recordings zu finden sein wird?

Wayan: Darüber haben wir bis jetzt noch nicht nachgedacht, aber das hat ja auch noch etwas Zeit.

Arne: Sechs Jahre wollen wir uns aber nicht noch mal Zeit lassen. Die Trilogie war von vornherein zwar nicht als solche angelegt, aber jetzt ist es eine. Darauf sind auch alle Beteiligten ein wenig stolz und vielleicht wird’s ja auch noch eine Tetralogie.

Lasst uns ein wenig zu den Anfängen zurückkehren. Ihr seid nun über 20 Jahre in der elektronischen Musikszene unterwegs und habt beide damals in den Neunzigern mit dem DJing begonnen. Heute spielt ihr ausschließlich live. Warum ist es nie etwas mit der langfristigen DJ-Karriere geworden?

Wayan: Ich habe mit ca. 18 Jahren innerlich mit dem Auflegen abgeschlossen. Ich dachte zu dem Zeitpunkt, ich sollte vielleicht mal etwas Vernünftiges machen, Pilot werden oder so. Es sollte je-denfalls viele Knöpfe haben und ordentlich blinken.

Deswegen bist du Toningenieur geworden …

Wayan: Richtig! Und dann habe ich Arne getroffen und wir haben unsere erste Platte gemacht, die jedoch nie das Licht der Welt gesehen hat, da die Plattenfirma noch vor der Veröffentlichung pleitegegangen ist. Ich weiß einfach, dass ich als DJ nicht gut genug bin, um meinem eigenen Anspruch zu genügen.

Arne (lachend): Das schaffen wir doch als Produzenten auch nicht. Das stimmt auch alles gar nicht, du warst ein sehr guter DJ!

Wayan: Die Faszination für das Nachtleben kam auch nach den ersten gemeinsamen Live-Gigs wieder. Aber ehrlich gesagt sitze ich am liebsten mit meinen ganzen blinkenden Gerätschaften im Studio.

Arne: Es gab auch gar nicht diesen einen Moment, wo wir beide entschieden haben, dass wir keine DJs mehr sind. Bei den ersten Live-Gigs war das für uns einfach so neu und aufregend, dass es so viel Energie in uns freigesetzt hat, die uns das DJ-Dasein einfach vernachlässigen ließ. Ganz heimlich bin ich zu Hause auch noch DJ und kaufe Musik, als wäre ich ein DJ.

Das erklärt, warum du dich ab und an auch noch mal zu einem DJ-Set überreden lässt.

Arne: Ja, so einmal im Jahr ungefähr. Es macht dann auch total Spaß, aber ist auch immer von großer Anspannung und Chaos geprägt. Allein den Wust an Musik zu sortieren, die meisten Tracks zum ersten Mal in voller Lautstärke zu spielen, rechtzeitig den nächsten passenden Track zu finden – wenn man nicht im Training ist, ist das eine große Herausforderung.

Es kommt mir die ganze Zeit so vor, als ob ihr sehr selbstkritisch mit euch umgeht.

Wayan: Ich glaube, das können Außenstehende besser beurteilen als wir selbst. Bei uns ist es wie bei fast allen Leuten, die kreativ tätig sind. Da denkst du an einem Tag: „Das hab’ ich aber gut gemacht!“ Und am nächsten Tag stellst du fest: „Das lösch’ ich jetzt mal ganz schnell wieder …“

Ihr benutzt eure Auftritte auch gerne als Testgelände, um neue Tracks oder Edits von euch vor Publikum auszuprobieren. Kam es auch schon mal vor, dass ihr nach einem Gig eine Idee komplett verworfen habt?

Wayan: Klar, das kommt auch mal vor. Wenn man neue Tracks zum falschen Moment am falschen Ort spielt, liegt’s aber auch nicht immer am Track, sondern eben an der falschen Auswahl. Genauso gab es auch Situationen, in denen wir Unveröffentlichtes gespielt haben und die Leute es toll fanden. Also dachten wir uns: „Den haben wir aber geil reingeschraubt!“, haben uns gefreut und beim nächsten Gig floppte derselbe Track komplett. Wir nutzen die Auftritte zwar auch zum Testen, die Ergebnisse sind aber immer mit Vorsicht zu genießen.

Bei euren unzähligen Auftritten gab es bestimmt nicht nur einzelne Tracks, die danebengingen, sondern auch sicherlich ganze Auftritte. Ist euch da einer ganz besonders in Erinnerung geblieben?

Wayan: Das erste Mal New York. Das war glaube ich 1999. Der erste Auftritt als Live-Act außerhalb Europas. Schon die Abholung vom Flughafen machte Probleme und das Hotel war sehr unangenehm. Der Veranstalter meinte dann, die Party sei in der Bronx, und die Bronx kannte man damals nur aus fiesen Filmen. Wir haben uns aber nichts dabei gedacht und wollten ein Taxi nehmen. Aber keiner wollte uns fahren, wenn er hörte, es gehe in die Bronx. Als wir es dank eines netten Inders doch noch schafften, rechtzeitig zum Soundcheck anzukommen, stellte sich heraus, dass die Location eine Rollschuh-Halle war. Der Veranstalter hatte nicht mal Kabel von der Bühne zur Anlage, die übrigens auch nur die Hausanlage dieser Halle war und gerade gut genug, um eine Durchsage zu machen. Zum Schluss wollte er uns nicht bezahlen! Zum Glück gab es den Besitzer dieser Halle, der sich daraufhin den Veranstalter vorknöpfte. Und ganz ehrlich, der hätte in jedem Hollywoodstreifen den Gangster spielen können: kräftig, Goldkettchen, Sonnenbrille, schwere Jungs in schwarzen Jacken um sich rum – das totale Klischee der Bronx. Sein einziger Satz zum Promoter war: „You gotta pay these guys!“ Dann ging das ganz schnell und wir hatten unser Geld.

In eurer Geschichte gab es ja auch noch einen weiteren Gig, der auf eine ganz andere und tragische Weise sehr pikant war, das war im November 2015*. Erinnert ihr euch an diesen Abend? [Anm. d. Red.: Am Abend des 13. November 2015, als an verschiedenen Orten in Paris Terroranschläge verübt worden sind, sollten Extrawelt einen Gig im Rex Club spielen.]

Wayan: So einen Abend vergisst man nicht. Beim Abendessen hieß es, da sei irgendwas beim Länderspiel passiert. Aber so richtig Gedanken hat sich darum keiner von uns gemacht, selbst als die Gerüchte rumgingen, es handele sich um eine Bombe. Das Stadion war schließlich weit weg. Als wir dann zu Fuß zum Soundcheck gingen, fragte Arne den Veranstalter, warum die Straßen so leer seien, denn normalerweise ist diese Gegend am Wochenende sehr belebt. Als uns der Nachtleiter am Club empfing, teilte er uns mit, dass es nicht sicher sei, ob die Party stattfinden könne. Kurze Zeit später im Club fingen wir trotzdem erst mal ganz normal mit dem Aufbau an. Dann kam die Nachricht, einige andere Clubs würden nicht öffnen. Daraufhin fand eine Abstimmung unter allen Anwesenden statt und wir alle stimmten dafür, den Club aufzumachen. Also ging der Veranstalter hoch, um die Tür zu informieren, und kam ganz schnell wieder runter, weil die Security meinte, es sei zu gefährlich auf der Straße. Dann hieß es, die öffentlichen Verkehrsmittel führen nicht mehr und die Straßen würden sich mit Polizisten und Sondereinsatzkommandos füllen. Da war irgendwie klar, dass die Veranstaltung nicht stattfinden konnte. Wir haben eingepackt und wollten zum Hotel. Allerdings kamen wir nicht mehr weg, da unweit der Tür geschossen wurde. Also saßen wir mit der kompletten Belegschaft im Club fest. Wir wussten uns dann alle nicht anders zu helfen, als uns komplett die Kante zu geben. Wir haben Pastis getrunken, „Viva la France“ gerufen und „I Will Survive“ gesungen. Im Nachhinein war es vielleicht nicht so eine tolle Idee, sich in dieser Situation komplett zu betrinken, aber in dem Moment war’s erst mal das Nächstliegende. Unser alter Techniker vom Rex war im Bataclan, der kam zum Glück heil raus, die Freundin des Veranstalters wurde angeschossen – und plötzlich war die Situation sehr nah.

Arne: Das Betrinken war auch nur so lange lustig, bis uns bewusst wurde, was da überhaupt los war. Irgendwann wurden die Nachrichten dann auf eine Leinwand im Rex übertragen und da wurde es schlagartig ernst. Und als dann sogar Bekannte in Gefahr waren, kippte die Stimmung und es gab die ersten Tränen. Erst da dämmerte einem so langsam, wie nah man dran war. So richtig an uns rangelassen haben wir das Ganze aber erst am nächsten Tag, als wir in Stuttgart zum nächsten Gig kamen und gefragt wurden, wie der Auftritt im Rex denn gewesen sei. Der hatte das überhaupt nicht mitbekommen. Das war wie ein schlechter Traum oder ein falscher Film.

Das sind ja nun schon extreme Erlebnisse. Wie verarbeitet ihr solche Geschehnisse?

Arne: Wie bei eigentlich jeder schlechten Erfahrung hilft einem vor allem die Zeit dabei, so was zu verarbeiten, aber wir waren eben auch nur in der Nähe und nicht direkt betroffen. Als wir diese Abstimmung gemacht haben, ob wir aufmachen sollten, haben wir alle mit einem gewissen Grad an Trotz entschieden. Was sicherlich der richtige Weg ist, eben unsere Kultur und das Leben trotzdem zu feiern und sich der Angst nicht zu beugen, ob sie nun vom Terror direkt kommt oder von Teilen der Medien oder rechten Politikern geschürt wird. Im Nachhinein war es sicher hilfreich, dass wir nicht allein waren und diese surreale Nacht zusammen durchstehen konnten. Wir standen am nächsten Abend bei unserem Gig jedenfalls ganz schön neben uns und nach Feiern war uns nicht zumute.

Wayan: Es war beeindruckend, dass die Franzosen, die ja noch viel mehr betroffen waren als wir „Touristen“, einhellig der Meinung waren, dass man sich dem Terror auf keinen Fall beugen dürfe. Dass wir auf keinen Fall unser Leben großartig ändern sollten. Das ist ja auch eine sehr politische Diskussion: Wie viel Überwachung wollen wir, wie viel muss man in diesem Krieg gegen den Terror tun? Darüber reden wir auch viel und machen uns unsere Gedanken. Aber eins ist für uns klar, und zwar, dass Angst niemals das Leben bestimmen darf! Sonst ist das Leben nicht mehr lebenswert.

Arne: Die Angst darf auch nicht die Gesetze zur inneren Sicherheit bestimmen. Man muss ganz vorsichtig sein und unbedingt ein Auge darauf haben, was die Politiker da im Namen unserer Si-cherheit veranstalten.

Wayan: So sehe ich das auch. Wir haben das letztens wieder bei einem Festival in Bayern erlebt, wo die Polizei mit Maschinenpistolen das Festival beschützt hat. Das sind Dinge, die man schon mit Sorge betrachtet, und man fragt sich: „Will ich so leben?“ Die Gefahr, an einer Lebensmittelvergiftung im Restaurant zu sterben, ist statistisch 500-mal höher als die, Opfer eines Anschlags zu werden. Trotzdem gehen wir alle gerne essen.

Es fällt schwer, jetzt noch auf ein anderes Thema zurückzukommen.

Arne: Na ja, ich finde es wichtig, sich dem ganzen Nachrichtenwahnsinn zwischendurch zu entziehen, das Handy mal zu Hause zu lassen, mal in den Wald zu gehen oder vollkommen in der Musik abzutauchen, allerdings nur, wenn man dann auch wieder auftaucht.

Wayan: Es ist schön, sich ab und zu in eine Extrawelt flüchten zu können, aber in der Realität gibt es nur diese eine Welt. Und auf die sollten wir alle aufpassen.

 

Aus dem FAZEmag 069/11.2017
Text: Martin Bauer
www.extrawelt.com