Gerade mal ein Jahr nach ihrem letzten Album „Fear Of An Extra Planet“ kehren Extrawelt mit neuem Material im Langspielformat zurück. „Unknown“ ist das vierte Album des Duos, das wie seine drei Vorgänger auf Cocoon Recordings erscheinen wird. Aber anders als seine Vorgänger ist es kein typisches Extrawelt-Album für den Techno-Dancefloor, Wayan Raabe und Arne Schaffhausen toben sich hier zwischen Electronica, Breakbeats, Electro und Hip-Hop-Beats aus. Wie das Album entstanden ist und wie sie generell zu zweit im Studio arbeiten, das erzählen sie uns hier.
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Was sind die Vorteile, zu zweit im Studio zu arbeiten?

Wayan: Vier Ohren hören mehr als zwei. Außerdem sagt einer dem anderen Bescheid, wenn dieser gerade dabei ist, mit viel Mühe musikalischen Dünnpfiff zu verzapfen.

Und die Nachteile?

Wayan: Wenn man gesagt bekommt, dass man gerade musikalischen Dünnpfiff verzapft, leidet das Ego!

Habt ihr feste Rollen im Studio?

Arne: Nö. Wir machen beide alles. Natürlich gibt es hier und da Stärken und Schwächen, aber es ist nicht so, dass einer nur am Rechner sitzt, während der andere die Geräte bedient oder dass die Basslines immer vom Gleichen kommen.

Wie sieht die Rollenverteilung bei euren Gigs aus?

Wayan: Arne steht rechts und sieht sehr gut aus. Ich stehe links und bin mittlerweile ein bisschen dick … Nein ernsthaft: Vereinfacht könnte man sagen, dass Arne für Bass und Melodien zuständig ist, während ich mich um Rhythmus, Arrangement und den Sound kümmere.

Wie oft seid ihr zusammen im Studio, wo ihr doch mittlerweile nicht mehr in einer Stadt wohnt und immerhin 700 Kilometer Luftlinie zwischen euch liegen?

Wayan: Viel zu selten. Wir haben aber mittlerweile Wege gefunden, damit umzugehen und haben ein kleines Zweitstudio in Zürich. Allerdings ist nicht die Entfernung der größte Faktor, sondern ganz allgemein die Zeit, die einem neben den Auftritten, deren Planung, der ganzen Administration und nicht zuletzt wegen Social Media und Netflixen zum Musikmachen bleibt.

Womit beginnt ein klassischer Studiotag?

Arne: Mit Kaffee. Und dummen Sprüchen.

Gibt es ein gemeinsames Ritual, das ihr vor den Gigs zelebriert?

Wayan: Ja. Einer fragt: „Und? Hasse Bock?“ Sollten wir beide diese Frage irgendwann mit Nein beantworten, hören wir auf.

Welche Angewohnheit des anderen – wenn ihr gemeinsam im Studio seid – empfindet ihr eher als suboptimal?

Wayan: Arne benutzt viel zu viel die Maus, anstatt sich endlich alle Tastaturbefehle zu merken.

Arne: Wayan fummelt zu oft am Sound, obwohl der schon gut eingestellt war und verschlimmbessert ständig alles.

Wie habt ihr euch kennengelernt, wie ist Extrawelt entstanden

Wayan: Wir waren Mitte der 90er-Jahre beide sehr, sehr junge DJs. Wir haben uns damals wahlweise bei Container Records oder Delirium in Hamburg um die besten Platten geprügelt. 1998 haben wir aus Jux und Dollerei ein bisschen geliehenes Equipment in Arnes Zimmer zusammengestöpselt und sind seitdem extrem studiosüchtig. 2005 hatten wir dann unsere erste Platte auf Border Community und haben uns dafür den Bandnamen Extrawelt ausgedacht. Und das war offenbar ganz gut so.

Wie kam es dazu, dieses Mal kein klassisches Techno/4-to-the-floor-Album zu machen? Eine Art Herzensprojekt?

Arne: Das kann man so sagen, ja. Die Idee, ein reines „Nicht-Techno“-Album zu machen, schwelt bei uns schon seit vielen Jahren im Hinterkopf. Wir haben allerdings schon immer auch Tracks gemacht, die in verschiedene Richtungen gehen. Die Grenzen zwischen den Stilen verschwimmen bei uns oftmals und vielleicht macht es unseren Sound sogar ein stückweit aus. So war z. B. „Zu Fuss“, die B-Seite unserer ersten Extrawelt-12Inch, schon kein Techno. Oft sind diese Tracks aber eben nur auf B-Seiten, als Versionen oder auch in einer Minderheit auf unseren Alben erschienen – was wir immer etwas schade fanden, weil es ihnen unserer Meinung nach nicht die gebührende Aufmerksamkeit verschafft hat. Drei Tracks auf diesem Album hatten wir viele Jahre auf irgendeiner alten Festplatte weggelegt und nie wirklich dran gedacht, dass wir sie jemals veröffentlichen. Im Rahmen dieses Albums passen sie aber perfekt und sind sogar so etwas wie der Grundstein zu „Unknown“. Andere Tracks haben sich in den letzten Jahren angesammelt und gut die Hälfte sind brandneu und extra für dieses Album produziert.

Wird es dazu evt. auch eine Tour geben oder werden die Tracks in eure Sets eingebaut?

Wayan: Eine richtige Albumtour wird’s zu diesem Album nicht geben. Wir spielen aber natürlich einige Tracks in unseren Live-Sets. Entweder da, wo es gut passt oder auch mal da, wo wir es unbedingt wollen. Einige Tracks wie „Ort&Impuls“ oder auch „Die Zitrone Der Schöpfung“ sind da eher unproblematisch, weil sie auch ohne gerade Bassdrum ganz gut anschieben. Von anderen Tracks haben wir Club-Versionen oder extra angefertigte Live-Versionen die wir leichter eingebaut kriegen. Allerdings zermartern wir uns noch den Kopf, ob wir es nicht ausprobieren sollten, dieses Album in einem anderen Format und mit einem neuen Live-Konzept – z. B. als Konzert –, mit einigen befreundeten Musikern, an einem Donnerstagabend, an einem dafür angemessenen Ort auf die Bühne zu bringen.

Welche Einflüsse haben da eine Rolle gespielt, das „Unknown“ entstanden ist, das Album ist ja musikalisch sehr breit gefächert.

Arne: Die Einflüsse genau zu verorten, ist oftmals gar nicht so einfach, aber wir waren schon immer Fans von Leuten wie Two Lone Swordsmen, Carl Finlow, I-F, Anthony Rother, Andrea Parker und vielen anderen. Unsere Vorliebe für Sachen aus Hip-Hop, UK-Garage, Breakbeat, Soundtracks oder Electronica machen sich sicherlich bei diesem Album noch mehr bemerkbar als sonst. Wir hoffen aber, dass es uns gelungen ist, nicht wie irgendjemand zu klingen, sondern nach wie vor wie wir selbst. Quasi ein Electro-Amphibienfahrzeug in einer auffälligen Extrawelt-Legierung.

 

 

Aus dem FAZEmag 081/10.2018 
Foto: Linus Dessecker
www.extrawelt.com