FAZEmag-Jahrespoll 2025: Club National – GOTEC Club

27 Jahre Clubgeschichte, ein Ausnahmejahr mit nahezu durchgehend ausverkauften Nächten und nun die Wahl zum „Best Club National 2025“ im Jahrespoll: Der GOTEC Club in Karlsruhe steht exemplarisch für Kontinuität und kompromisslose Clubkultur. Doch statt sich auf Zahlen oder Mythen auszuruhen, spricht das Team emotional über Community, Verantwortung, harte Entscheidungen und den täglichen Einsatz hinter den Kulissen. Im Interview wird deutlich, dass dieser Erfolg weniger mit Trends als mit Vertrauen, Teamarbeit und einer tiefen Verbindung zur eigenen Community zu tun hat.

Der GOTEC Club wurde in unserem Jahrespoll zum „Best Club“ gewählt – was bedeutet diese Auszeichnung für euch nach 27 Jahren Clubgeschichte ganz persönlich?
Mir sind die Tränen gekommen, und das hält an, sogar wenn ich hier schreibe. Euer Anruf kam, da habe ich das erst einmal sehr emotionslos aufgenommen; entschuldige dafür! Ich habe einen Moment gebraucht, um zu realisieren, dass wir es wirklich geschafft haben. Der Lohn für wirklich harte Arbeit. Mir bedeutet das unheimlich viel, dass unsere Community uns so wertschätzt. Unser Team hat sich aufgeopfert, und natürlich ist das hier auch die Bestätigung, dass es sich ausgezahlt hat. Hammergeil.

Seit 1999 durchgehend aktiv zu sein, ist im Clubkontext alles andere als selbstverständlich – was war rückblickend der wichtigste Faktor, um so konstant zu bleiben?
Durchhaltevermögen, Disziplin und immer wieder positive Motivation finden. Diese Szene oder auch Branche hat immer mit vielen negativen Belastungen zu kämpfen. Am Ende tue ich es immer noch aus den gleichen Gründen wie vor 27 Jahren: mit Techno die Menschen an einem Ort zu vereinen, einen Raum zu schaffen, wo all der daily Bullshit vor der Tür bleibt. Diese Orte sind selten, und es ist meine Lebensaufgabe, diesen mit meinem Team zu schützen. Und wir haben dem Abgrund schon oft genug ins Auge geblickt, aber niemals aufgehört, an die Vision zu glauben. Das, was hier passiert ist, berührt mich tief und rechtfertigt jede Schweißperle. Danke an alle!

2025 war mit 67 Shows und 57 ausverkauften Nächten ein Ausnahmejahr – gab es einen Moment, in dem ihr selbst gemerkt habt: Gerade passiert hier etwas Besonderes?
Wir haben 2023 und 2024 super gearbeitet, aber da hat einfach noch der Spirit für die Aufopferung gefehlt. Diese letzten ein, zwei Schritte zu gehen, die richtig wehtun. Unangenehmen Themen sind wir nicht aus dem Weg gegangen. Wir haben immer wieder detailliert in den Teammeetings die vergangenen vier Wochen analysiert und uns auf die kommenden vier Wochen eingestimmt. Ob interne oder externe Themen – alles kam auf den Tisch. Irgendwann waren wir in einem Drive, das hat alle bis zum Schluss mitgerissen.

Euer musikalisches Zuhause ist klar definiert – warum ist es euch so wichtig, hier eine klare Haltung zu zeigen?
Unsere musikalische Ausrichtung ist für uns kein Konzept, sondern ein Gefühl. Die Community gibt den Takt vor, wir hören zu und setzen ihn um. Trends kommen und gehen, aber unsere Identität bleibt: industrial, hart, Schranz, trancy, bouncy, groovy, Hard-House – das sind wir. Jedes dieser Genres hat Seele. Und weil unsere Leute darin ihr Zuhause finden, stehen wir dazu mit voller Haltung. Nicht gegen andere, sondern für das, was uns ausmacht. Haltung heißt für uns: treu bleiben, aber offen bleiben. Weiterentwickeln, ohne sich zu verbiegen. Und Räume schaffen, in denen Menschen merken: Hier bin ich richtig.

Für 2026 plant ihr erstmals auch gezielte Ausflüge in Richtung Drum & Bass – was hat euch dazu bewogen?
Bestes Beispiel: Wir sind der verlängerte Arm der Community. Wir kommunizieren, starten Umfragen, führen Gespräche – und D’n’B wünscht man sich. Deshalb zünden wir diesen Versuch.

Die neue VOID-Anlage für den Mainfloor ist eine maßgeschneiderte Spezialanfertigung – warum war euch dieser extrem aufwendige Prozess wichtiger als eine Standardlösung?
Diese Frage liebe ich. Wir als Inhaber müssen es vormachen. Nicht einfach eine Anlage kaufen und reinhängen. Das sind diese ein, zwei Schritte mehr, die wehtun. Akustikmessungen, Visualisierungen, Angebote einholen, abwägen, mit Profis sprechen, recherchieren – und dann entscheiden: für die individuelle beste und anspruchsvollste Lösung.

Was muss ein Club heute technisch und emotional leisten, um ein europaweites Aushängeschild zu sein?
Die beste Werbung für Sound sind die DJs und Künstler, die bei dir ein und aus gehen. Flüsterpost ist schneller als jede FedEx-Lieferung. Emotional musst du alles geben. Du musst diesen Club leben und lieben. Das beginnt am Eingang, geht über Garderobe, Bar, Sauberkeit, Technik – alles zählt. Vertrauen entsteht nicht durch Worte, sondern durch gute Erinnerungen.

Mit den ersten Drops für 2026 habt ihr früh eine klare Richtung vorgegeben – warum ist das wichtig?
Unser Anspruch ist es, immer einen draufzusetzen, zu überraschen, flexibel zu sein. Nach so einem Jahr brauchst du ein richtiges Brett, um wieder Euphorie auszulösen.

Das GOTEC-Label gewinnt an Bedeutung – nach welchen Kriterien wählt ihr eure Artists aus?
Wir wollten ein weiteres Sprachrohr schaffen. Für etablierte, aber auch für unentdeckte Produzenten. Die Einsendungen sind immens, deshalb filtert ein dreiköpfiges Team regelmäßig und sortiert gemeinsam mit erfahrenen Labelleuten aus.

Talentförderung gehört zu eurer DNA – woran erkennt ihr Potenzial?
Am Ende entscheiden Disziplin und Mindset. Das Gesamtpaket zählt: Gefühl, Technik, Ausstrahlung, Attitüde. Diese Branche ist knüppelhart, und viele scheitern am Druck.

Eure Community gilt als euer größtes Aushängeschild – wie bewahrt ihr diesen besonderen Vibe?
Sie ist unser Kern. Dieser Award gehört ihnen. Zuhören, ehrlich sein, geben statt nur nehmen – so entsteht Vertrauen. Du musst beim Team anfangen. „TILL I DIE“ ist kein Spruch, das leben wir in der G11. Hier entsteht ein Mythos, der durch Rituale immer wieder atmet.

Mit der Kaufzusage für die Immobilie wird der „KULTURPARK West“ Realität – was bedeutet das für euch?
Club ist für uns Kultur. Deshalb wollen wir im Kulturpark auch Tanz, Kunst, Fotografie, Bands und Ateliers ein Zuhause geben. Ein funktionierender kultureller Organismus, in dem Synergien entstehen. Für das Team bedeutet das Wachstum und neue Verantwortung. Wir werden die Fahne der Kultur hissen – und sie leben.

Aus dem FAZEmag 168/02.2026
Fotos: shotbyse7en
www.instagram.com/gotec_club