
Es war ein kleiner Hype, der in den vergangenen Wochen um die Kleinstadt Ballenstedt im Landkreis Harz in Sachsen-Anhalt entstand. Das ländliche Idyll blickt auf die prestigeträchtige Adelsgeschichte der Askanier zurück, wird auch als „Wiege Anhalts“ bezeichnet. Für mediale Aufmerksamkeit sorgte allerdings etwas gänzlich anderes, das wohl eher konträr zur Ballenstedter Schöngeistigkeit steht: die örtliche, stillgelegte Fleischerei. Mit dem Feinkost Club hat auf dem Gelände kürzlich ein DIY-Technoclub eröffnet, der dem heruntergekommenen Areal nicht nur einen neuen Charme verleiht, sondern auch zum subkulturellen Hoffnungsträger einer ganzen Region avanciert. Wir haben mit den Initiatoren Kai Mente und Hannes Herrmann gesprochen.
Die Venue in einer alten Fleischerei ist mit einem außergewöhnlichen Charme aufgeladen. Was hat euch ursprünglich an diesem speziellen Gebäude gereizt? Eben jener Charme oder die Funktionalität und die Nutzfläche des Gebäudes? Oder beides?
Letztlich ist uns die alte Fleischerei ins Visier gekommen, da hier ziemlich gute Grundvoraussetzungen gegeben waren: eine Lage am Stadtrand in einem Industriegebiet, mehrere Etagen, satter schallschluckender Stahlbeton, umringt von einem großen Grundstück, und das alles in einer Region, wo es fast keine Clubs mehr gibt. Durch den 20-jährigen Leerstand und den in diesem Fall extremen Vandalismus ist der ursprüngliche Charme zwar etwas verblasst, wir versuchen aber trotzdem, den Industrial Style nicht zu verlieren.
Bleiben einzelne „Gimmicks“ aus der Ära erhalten oder sind es lediglich die Floor-Namen, die an die alten Fleischerei-Zeiten erinnern sollen?
Bei uns finden sowohl manche originalen Einrichtungen, wie alte Gegensprechtelefone aus den ehemaligen Kühlzellen, als auch nachträglich platzierte Stilemente ihren Platz. Beispielsweise wurden alte explosionsgeschützte Industrielampen aufgearbeitet und installiert oder eine funktionierende Tresortür am Eingang eingebaut. Wir wollen uns auf jeden Fall durch die Liebe zum Detail von dem Standard-Club abgrenzen. Auf einem alten Elektrokasten hatten wir mal die Beschriftung „Zerlegung“ gelesen. Vielleicht wäre das auch ein interessanter Name für einen zukünftigen Floor.
Der Club ist ein DIY-Projekt, entstand ohne externe Firmen. Wie viel Wissen, Mut und Wahnsinn braucht es dafür?
Solche Bau- und Bastelprozesse werden natürlich deutlich erleichtert, wenn man Leute mit an Bord hat, die Fähigkeiten aus verschiedensten Bereichen haben. Wenn Maler, Metallbauer, Zimmerer, Ton- und Lichttechniker, Mechaniker und Elektriker sich auf einem Spielplatz für Erwachsene ausleben können, kommt definitiv eine interessante Symbiose zustande. Es ist aber wichtig, genügend Ausdauer gegenüber den Behörden und Auflagen zu bewahren.
Ihr plant, nur vereinzelte Veranstaltungen im Jahr zu organisieren. Wie kommt’s? Zu viel Risiko für einen Technoclub im Harz?
Wir planen aktuell mit sechs Veranstaltungen im Jahr – mehr geben unsere Kapazitäten nicht her. Als außenstehende Gäste hätten wir früher auch gedacht, man setzt sich einen Abend mal zusammen, plant einen Abend durch und dann steht das Ding. Die Realität sieht leider etwas zeitintensiver aus, zumal wir alle Vollzeitjobs haben. Da ist es schon gut, sich nicht zu übernehmen und dem Ganzen durch Stress keinen negativen zwanghaften Charakter beizugeben.
Was sind eure Träume oder Pläne für die nächsten Jahre mit dem Feinkost Club?
Unsere bisherige Linie fahren wir erstmal so weiter wie bisher. Die Entwicklung der Location ist aber ein stetiger Prozess, und so ist in naher Zukunft erst einmal die Schaffung eines gemütlichen Außenbereichs geplant, für den gerade schon erste Maßnahmen stattfinden. Eventuell wollen wir auch noch mehr Bereiche des Hauptgebäudes miteinbeziehen. Unsere Vision ist, dass noch weitere Bastler und Künstler auf das Projekt aufmerksam werden und Lust haben, ihre eigenen Ideen umzusetzen.
Aus dem FAZEmag 163/09.2025
Credit: Future Fotografiks
www.feinkost-club.de