
Amapiano prägt in Südafrika seit Jahren Clubs und Charts – ein Sound zwischen Deep House, Kwaito und warmen Lounge-Elementen, getragen von rollenden Logdrums und hypnotischem Groove. In Deutschland hingegen bewegt sich das Genre bislang eher unter dem Radar. Der Münchner Produzent Felix Flavour will das ändern. Zusammen mit Künstlern aus Südafrika arbeitet er an seinem Projekt „The Amapiano Alphabet”: 26 Tracks, ein Release pro Buchstabe im Alphabet. Im Gespräch mit FAZEmag spricht er über Kultur, Studiosessions in Johannesburg und die Geschichte hinter dem Amapiano Alphabet.
Du hast früher Techno und Hip-Hop produziert – warum ist es am Ende Amapiano geworden?
Als Teenager habe ich mit Techno und Trance angefangen. Später hörte ich fast nur noch Hip-Hop und habe Beats für Rapper-Freunde produziert. Vor vier Jahren war ich als Besucher auf einem Afrobeats-Festival, wo es eine eigene Amapiano-Stage gab. Da habe ich es zum ersten Mal als eigenständiges Genre wahrgenommen. Ich habe es sofort gefühlt und alle drei Festivaltage an dieser Stage verbracht. Aber es hat noch zwei Jahre gedauert, bis ich das Gefühl hatte, die Sprache dieses Genres wirklich zu verstehen und meinen eigenen Beitrag leisten zu können.
„The Amapiano Alphabet“ ist ein klares Konzept: 26 Tracks, ein Buchstabe pro Release. Ist das Konzeptkunst, Disziplin-Tool oder Strategie?
Die Idee entstand ganz pragmatisch. Ich wollte zunächst nur Instrumentals veröffentlichen, und passende Namen für Songs ohne Text zu finden ist nicht immer einfach. Also beschloss ich: Jeder Track bekommt einfach einen Buchstaben. Meine neueren Tracks sind inzwischen zwar meist mit Vocals, kriegen aber immer noch einen Buchstaben, zusätzlich zu einem sprechenden Namen. Das Alphabet vollzumachen als selbstgestecktes Ziel motiviert mich, durchzuziehen. Und neue Hörer wissen direkt: Da kommt noch mehr.
Was hast du in Amapiano gefunden, das dir in deinen früheren Produktionen gefehlt hat – musikalisch und emotional?
Es macht einfach Spaß, Leute zum Tanzen zu bringen. Im Gegensatz zu dem Kopfnicker-Rap von früher zieht Amapiano in den ganzen Körper. Die Logdrum als Hauptelement ist nicht nur Bass, sondern zugleich Rhythmus, Melodie und Identität. Viele Patterns wirken simpel, sind aber rhythmisch komplex, weil sie mit Erwartungshaltungen spielen. Diese Gags erfordern musikalisches Feingefühl, beim Produzieren wie beim Hören. Die Mischung aus Tanzbarkeit und raffinierten Details hatte ich vorher so nicht erlebt.
Amapiano ist stark in der südafrikanischen Kultur verwurzelt. Wie gehst du als deutscher Produzent damit um? Wo ist für dich die Grenze zwischen Wertschätzung und bloßer Kopie?
Ich habe großen Respekt vor der südafrikanischen Szene. Amapiano ist kulturell gewachsen. Deshalb produziere ich nicht nur aus der Distanz, sondern arbeite mit den Künstlern zusammen, die den Sound geprägt haben. Dazu bin ich letzten Oktober zum ersten Mal nach Südafrika geflogen. Ich beanspruche nichts für mich, ich liebe einfach den Sound und möchte der Szene etwas zurückgeben, die mich so inspiriert und nach einer musikalischen Pause wieder zum Produzieren gebracht hat. Die Grenze zur Kopie ist für mich dort, wo man versucht, Ursprung und Kontext auszublenden. Mein Ansatz ist kreativer Austausch, kultureller Respekt und das gemeinsame Ziel, gute Musik zu machen.
In Südafrika hast du u.a. mit Khalil Harrison und Ceeka RSA gearbeitet. Wie liefen diese Sessions ab – und was hast du dort über Authentizität und Studio-Vibe gelernt?
Definitiv anders als bei mir zuhause in München, wo ich meist alleine arbeite. In Südafrika sind Studio-Sessions soziale Events. Wenn man sich mit einem Künstler zu einer Session verabredet, sind oft viele weitere Musiker anwesend – Produzenten, Sänger, Freunde. Jeder bringt Ideen ein. Dort verstand ich, warum Amapiano-Tracks oft vier oder mehr Interpreten haben und der Output so hoch ist. Drei Tracks an einem Tag sind keine Ausnahme. Vocals entstehen oft spontan, Texte werden im Moment geschrieben und direkt aufgenommen, ohne lange Vorproduktion. Ich habe dort gelernt, dass Authentizität nicht aus Überproduktion entsteht, sondern aus Momentum und kollektivem Vibe.
Wie reagiert das Publikum hierzulande bisher auf Amapiano? Ist Deutschland bereit für diesen Groove?
In Deutschland ist Amapiano noch eine Nische. Auf Afrobeats-Partys darf man „ein paar Tracks reinmischen“, aber selten ein komplettes Amapiano-Set spielen. Bei den Veranstaltern besteht die Annahme, das Publikum halte das nicht durch. Reine Amapiano-Events sind entsprechend selten. Komplette Sets spiele ich daher eher bei kleineren, afro-elektronischen Kollektiven. Ich bin überzeugt, das wird sich ändern, denn der Sound wird weltweit immer beliebter.
Wenn das Amapiano Alphabet abgeschlossen ist: Ist das Projekt dann beendet – oder ist es nur der Anfang einer größeren Vision?
Aktuell sind acht von 26 Tracks veröffentlicht. An den restlichen Tracks werde ich voraussichtlich noch etwa eineinhalb Jahre arbeiten. Nach Abschluss möchte ich das Alphabet als Set-Konzept auf Festivals spielen. Langfristig sehe ich mich verstärkt in internationalen Kollaborationen, etwa bei Singles etablierter Amapiano-Artists. Für mich ist das Amapiano-Alphabet kein Endpunkt, sondern das Fundament für alles, was danach kommt.
Weitere Informationen sowie Content findet ihr in seinem Instagram-Kanal, bei youTube und auf seiner Seite.
Aus dem FAZEmag 169/03.2026
Text: Triple P
www.felixflavour.com