Seine Vorfahren lebten als sogenannte Sudetendeutsche in der heutigen Tschechischen Republik und führten dort eine Tuchhandelsfirma. Ein Vermächtnis, das mehr als 100 Jahre lang Bestand hatte. Die Umstände des Zweiten Weltkriegs zwangen sie zur Flucht – ihr Eigentum verschwand und früher oder später auch die Erinnerung daran. Jetzt macht es sich Ferdinand Hübl zur Aufgabe, diese Erinnerungen wieder aufleben zu lassen. Der Geist der Vorfahren offenbart sich in seiner Musik und gibt ihm Kraft. Ferdinand Hübl passte das Emblem des Unternehmens an seine Person an; der modische Ansatz bleibt dabei erhalten und so verbringt Ferdinand Hübl die meiste Zeit in seinem Trenchcoat. Seine Diskografie weist einige Veröffentlichungen auf, darunter auch auf internationalem Parkett. Zeitgleich zur Erscheinung seines Debütlangspielers gründete der 1995 in Wien geborene Ferdinand mit Huebl Records sein eigenes Imprint. Dort geht es, wie er sagt, um „Techno abseits von Konventionen und Trends“. Um Kritik und Geschichten, vor deren Erzählung er nicht zurückschreckt.


Und so wurde sein Name zu einem festen Bestandteil der österreichischen Club-Landschaft. Er gilt als Avantgardist in der Szene und teilt in regelmäßigen Abständen die Bühne mit den ganz Großen. Doch eins nach dem anderen. „Den ersten Kontakt zu Musik hatte ich bereits im Mutterleib. Selbst am prognostizierten Geburtstermin hat meine Mutter getanzt. Ab dann sind quasi rund um die Uhr Platten gelaufen. Von Jean-Michel Jarre, Kraftwerk, Mike Oldfeld bis hin zu Kruder & Dorfmeister, George Michael oder Prince.“ Die Kunst und Kultur in seiner Heimat haben ihn in seinem Schaffen stets beeinflusst. „Sofern sie nicht zu laut oder zu kritisch ist. Gefangen zwischen Sudern [Anm. d. Red.: Jammern] und Veränderung. Mit Techno lässt sich die Wiener Gleichgültigkeit brechen. Es geht um Emotion, gemeinsames Tanzen, sexuelle Freiheit und eine Prise Kritik.“ Und so forciert er mit seinen eigenen Stücken die Idee, den Zuhörer gleichermaßen zum Tanzen wie zum Nachdenken zu bewegen. „Als Basis dienen tiefe Kickdrums, treibende Basslines und geerdete Drums, die sich in atmosphärischen Synthesizer-Sounds verlieren. Aber auch vor experimentelleren Herangehensweisen schrecke ich nicht zurück. In jedem Objekt steckt ein vermeintlicher Sound, den ich als Ergänzung heranziehe. Die Basis ist und bleibt geradliniger Techno. Immer ein wenig anders und doch aus einem Guss. Meine Sets basieren auf demselben Ansatz.“

Ein Konzept, das auch für sein Album „A Mind Called Galaxy“ gilt. Ein Album, das zugleich als zwischenmenschlicher Aufruf angesehen werden kann. „Für eine tolerante Welt einzustehen und aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Die Einleitung macht der Song ,No Place‘, der mit Gastartist Kollmann entstanden ist. Die Geschichte wiederholt sich. Kriege werden geführt, Hass dominiert. Die Flucht in höhere Sphären scheint Freiheit zu versprechen. Plötzlich ist die eigene Heimat so weit entfernt wie nie zuvor. Die Bindung zu den Wurzeln bleibt jedoch unangetastet. Und da setzt ,Faded Memories‘ an. Meine Großeltern haben eine Message zu übermitteln. Sie erinnern an das, was war, und bestätigen, dass diese Flucht notwendig wurde. Hierfür habe ich ein persönliches Gespräch aufgenommen und es dann in einen experimentellen Ambient-Techno-Song eingearbeitet.“ Eine ebenfalls große Rolle in Ferdinand Hübls Welt spielen Musikvideos, die er mit dem Regisseur Benno M. Hanke produziert. „Die Videos bieten mir die Möglichkeit, abseits der Musik Aussagen zu treffen. Wir treffen uns und überlegen uns gemeinsam ein Konzept. Bei ,No Place‘ orientierten wir uns an der Geschichte meiner Großmutter und sind auf die Idee gekommen, diese im Rahmen einer dystopischen Parallelwelt zu erzählen. Während der Flucht hat ihr ein Soldat ihr letztes Hab und Gut genommen, ihre Puppe. Was bleibt, ist die Erinnerung, und die erzählen wir. Generell freut es mich enorm, dass immer mehr Menschen meine Musik unterstützen und sich bei mir melden.“

 


Aus dem FAZEmag 094/12.2019
Foto: Christine Qiu
Text: Triple P
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