
Das Beatpatrol Festival in Wien sorgte am Freitag für massive Kritik: Statt des geplanten Einlasses um 14 Uhr mussten Besucher:innen teilweise bis in den Abend hinein vor den Toren warten. Der Festivalbetrieb startete mit erheblicher Verspätung, Auftritte fielen aus und auch bei einigen Acts herrschte offenbar Unklarheit über die Abläufe. Was sich hinter den Kulissen und vor Ort tatsächlich abspielte, lässt sich nun auch aus erster Hand nachvollziehen. Augenzeugen des INTO Tattoo Studios haben sich nun bei uns gemeldet und im Interview von ihren Erlebnissen, dem Chaos vor Ort und der Stimmung unter den Festivalbesucher:innen berichtet.
Du hattest ursprünglich geplant, am 4. und 5. September mit deinem Tattoo-Stand beim Beatpatrol Festival zu arbeiten. Wie genau kam es überhaupt zu der Vereinbarung mit den Veranstalter:innen und was wurde dir im Vorfeld zugesichert?
Eine Bekannte von Bekannten hat uns vorgeschlagen, beim Beatpatrol Festival mit einem Tattoo-Stand dabei zu sein. Soweit ich verstanden habe, wollte sie ein zusätzliches Entertainment-Angebot auf dem Festival schaffen. Wir waren grundsätzlich offen dafür und haben uns über diese Möglichkeit gefreut.
Im Vorfeld wurde uns gesagt, dass es sich um ein großes Festival mit ungefähr 20.000 Besucher:innen an zwei Tagen handeln würde und dass alles sehr professionell und gut organisiert sei. Deshalb waren wir froh, diese Gelegenheit zu bekommen und dort arbeiten zu können.
Was hat man dir konkret gesagt, als klar wurde, dass du deinen Stand doch nicht betreiben darfst? Hattest du das Gefühl, dass die Verantwortlichen selbst überrascht waren, oder wirkte es auf dich eher so, als wäre ihnen das Problem bereits bekannt?
Ich hatte den Eindruck, dass die Verantwortlichen selbst nicht genau wussten, was eigentlich passiert. Es wirkte nicht so, als hätten sie einen klaren Plan oder eine fertige Lösung. Vielmehr schien es, als hätten sie erst in diesem Moment bemerkt, dass wichtige behördliche und organisatorische Voraussetzungen noch nicht erfüllt waren.
Ein Stand war zwar vorgesehen und teilweise aufgebaut, aber die gesamte bürokratische und behördliche Vorbereitung schien nicht abgeschlossen worden zu sein. Ich kann nicht beurteilen, ob das Problem bewusst verschwiegen wurde. Für mich sah es eher so aus, als hätten die Verantwortlichen die notwendigen Schritte nicht ausreichend geplant oder unterschätzt.
Wie würdest du die Stimmung unter den Menschen beschreiben, die zu diesem Zeitpunkt für den Aufbau, die Gastronomie, die Stände oder andere Bereiche verantwortlich waren? War das eher normale Festival-Hektik oder hast du eine außergewöhnliche Form von Chaos erlebt?
Das war eindeutig mehr als normale Festival-Hektik. Ich habe ein außergewöhnliches Ausmaß an Chaos erlebt. Viele Menschen waren mit ihren Zelten, Gastronomieständen oder anderen Aufbauten vor Ort, aber gleichzeitig waren wichtige Voraussetzungen noch nicht erfüllt.
Es gab ständig neue Probleme. Mal hieß es, dass die Stromversorgung nicht funktioniere und das Festival deshalb nicht öffnen könne. Dann gab es Probleme mit den Toiletten oder mit den Fluchtwegen. Die Verantwortlichen liefen herum, schrien sich gegenseitig an und versuchten, kurzfristig Lösungen zu finden.
Alle waren extrem gestresst. Es wurde gerufen, diskutiert und teilweise auch geweint. Für mich war das eine Situation, wie ich sie in dieser Form noch nie erlebt hatte.
Gab es Situationen, in denen du mitbekommen hast, dass Verantwortliche untereinander widersprüchliche Informationen weitergegeben haben? Falls ja: Was wurde gesagt und von wem?
Ja, es gab ständig unterschiedliche Informationen. Einerseits wurde gesagt, dass die Stromversorgung nicht funktioniere. Dann hieß es, dass wegen der fehlenden Toiletten keine Besucher:innen eingelassen werden könnten. Zusätzlich wurden die nicht freigegebenen oder blockierten Fluchtwege als Grund genannt.
Die Informationen änderten sich laufend, und niemand konnte eine klare Auskunft geben, wann und unter welchen Bedingungen das Festival tatsächlich öffnen würde. Auch die Verantwortlichen schienen untereinander nicht ausreichend informiert zu sein.
Ich erinnere mich außerdem daran, dass die Leiterin von Galoppenbahn sehr aufgebracht war und laut darüber sprach, dass das Festival dringend abgesagt werden müsse. Sie befürchtete offenbar, dass die Situation völlig außer Kontrolle geraten könnte.
Gab es aus deiner Sicht einen bestimmten Zeitpunkt, an dem die Situation gekippt ist und aus organisatorischen Problemen ein richtiges Krisenszenario wurde?
Für mich wurde die Situation spätestens gegen 13:30 Uhr zu einer echten Krise. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch immer keine Toiletten, und vom Magistrat wurde offenbar klargemacht, dass das Festival ohne diese Voraussetzungen nicht geöffnet werden dürfe.
Gleichzeitig begannen sich die Besucher:innen bereits vor dem Gelände zu versammeln. Gegen 15:00 Uhr kamen dann die Toiletten an. Für die wartenden Menschen sah es dadurch so aus, als würde erst in diesem Moment versucht, eine grundlegende Voraussetzung für die Öffnung zu schaffen.
Die Menschen wollten auf das Festival, durften aber nicht hinein. Ab diesem Zeitpunkt herrschte draußen und innerhalb des Geländes vollständiges Chaos.
Hast du erlebt, wie Besucher:innen, Mitarbeiter:innen oder Standbetreiber:innen auf die Verzögerungen reagiert haben? Gab es Situationen, die dir besonders in Erinnerung geblieben sind?
Ja. Die Besucher:innen waren sehr frustriert und konnten nicht verstehen, warum sie nicht eingelassen wurden. Viele warteten bereits seit längerer Zeit und sahen gleichzeitig, dass noch Toiletten und andere notwendige Dinge angeliefert wurden.
Auch die Mitarbeiter:innen und Standbetreiber:innen waren völlig überfordert. Viele schrien, diskutierten oder versuchten, telefonisch Informationen zu bekommen. Einige Menschen weinten. Die Stimmung war sehr aggressiv und gleichzeitig verzweifelt.
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir, dass die Besucher:innen draußen standen und immer ungeduldiger wurden, während innerhalb des Geländes niemand eine klare Antwort geben konnte.
Auch das Programm war betroffen. Ich habe mitbekommen, dass Acts wie Miss Monique nicht auftreten konnten. Sie kam offenbar kurz vor Ort, machte noch Fotos mit den Menschen, lächelte und fuhr anschließend wieder weiter, weil ihr Auftritt nicht stattfinden konnte.
Wie wurde innerhalb des Festivalgeländes mit den Problemen umgegangen? Wurden die Standbetreiber:innen und andere Beteiligten ausreichend informiert oder mussten sich viele Informationen selbst zusammensuchen?
Die Informationen waren meiner Wahrnehmung nach völlig unzureichend. Bis ungefähr 18:00 Uhr gab es keine klare und verlässliche Information darüber, was genau passiert und wann das Festival öffnen würde.
Den Beteiligten wurde teilweise nur mitgeteilt, dass es irgendwelche Verzögerungen beim Transport gebe. Das erklärte aber nicht, warum grundlegende Dinge wie Toiletten, Stromversorgung oder Fluchtwege noch nicht geregelt waren.
Viele Standbetreiber:innen mussten selbst herausfinden, was los war. Auch ich musste mich um Dinge kümmern, die eigentlich von der Organisation hätten vorbereitet werden müssen. Zum Beispiel musste ich selbst versuchen, unseren Stand an die Stromversorgung anzuschließen. Glücklicherweise hatte ich eigene Kabel dabei, und ein Elektriker von einem beteiligten Unternehmen zeigte mir, wo ich mich anschließen konnte.
Außerdem hatte ich zufällig eine Etikettiermaschine dabei. Damit habe ich ungefähr 60 Hinweise für die Toiletten mit einem Codewort für medizinische Notfälle angebracht. Ohne diese Maschine wäre das in diesem Moment wahrscheinlich noch schwieriger gewesen.
Später sprach ich auch mit Mitarbeiter:innen des Magistrats, die zu unserem Zelt kamen und die Situation kontrollierten. Sie überprüften unseren Stand und sagten uns, dass bei uns alles den Vorschriften entspreche. Nach meinem Verständnis hätten sie uns problemlos zugelassen, wenn wir rechtzeitig ordnungsgemäß angemeldet worden wären und der Magistrat im Vorfeld gewusst hätte, dass wir dort arbeiten würden.
Die Mitarbeiter:innen des Magistrats wirkten auf mich sehr freundlich und selbst stark unter Druck. Sie mussten mit einer extrem schwierigen Situation umgehen, weil sich mehr als 2.000 Menschen vor Ort versammelt hatten und unbedingt auf das Festivalgelände wollten.
Hast du inzwischen eine Erklärung dafür bekommen, was mit deinem Zelt und deiner Ausrüstung passiert ist? Gibt es Personen oder Dienstleister:innen, die dir gegenüber Verantwortung übernommen haben?
Wir waren mit einem ganzen Bus voller Ausrüstung angereist. Dazu gehörten unter anderem Liegen, Beleuchtung, Armbänder, Verbrauchsmaterialien, Werbematerialien und vieles mehr. Der Wert der gesamten Ausstattung lag meiner Einschätzung nach bei mehreren tausend Euro, vermutlich ungefähr bei 5.000 Euro.
Zusätzlich hatte ich zum Beispiel eine mobile Klimaanlage im Wert von etwa 1.000 Euro dabei, damit es für unsere Kund:innen während der Tattoos angenehm ist. Wir hatten sehr viel Aufwand und erhebliche Kosten, um den Stand professionell auszustatten.
Als wir am Montag unsere Sachen abholen wollten, habe ich einen Mitarbeiter namens Frank, dessen Nachnamen ich nicht kenne, gefragt, wo sich unsere Ausrüstung befindet. Er sagte zu mir, dass wir nicht am Sonntag gekommen seien, um sie abzuholen, und dass er deshalb alles in eine Müllpresse geben und entsorgen habe lassen.
Er erklärte, dass er meine Telefonnummer nicht gehabt habe, nicht gewusst habe, ob wir überhaupt noch kommen würden, und von anderen Vertreter:innen des Festivals keine Antwort bekommen habe. Ich habe anschließend noch versucht, bei der Müllpresse einzelne Teile unserer Ausrüstung zu finden und zumindest etwas zu retten, zum Beispiel Lampen. Leider war bereits alles zerstört worden.
Dadurch haben wir Ausrüstung im Wert von mehreren tausend Euro verloren. Eine klare Verantwortungsübernahme oder eine konkrete Lösung wurde uns gegenüber nicht angeboten. Für mich war völlig unverständlich, wie man fremde Ausrüstung einfach entsorgen kann, ohne vorher zuverlässig Kontakt mit den Eigentümer:innen aufzunehmen.
Wenn du das gesamte Wochenende heute noch einmal chronologisch durchgehst: Was war für dich der Moment, an dem du dachtest: „Hier läuft grundsätzlich etwas schief“?
Der erste deutliche Moment war bereits am Donnerstag, als ich angekommen bin und feststellen musste, dass unser vereinbartes Zelt nicht vorhanden war. Stattdessen wollte man kurzfristig eine kleine Übergangslösung organisieren, die für unseren Stand nicht geeignet war.
Am nächsten Morgen, als wir mit einem ganzen Bus voller Ausrüstung ankamen und das Zelt immer noch nicht bereitstand, wurde mir klar, dass die Organisation grundsätzlich nicht funktionierte. Wir hatten Liegen, Licht, Stühle, Werbematerial und viele weitere Dinge für den Tattoo-Stand dabei. Eine solche Ausstattung kann man nicht einfach spontan in irgendeinem kleinen Zelt unterbringen.
Spätestens als zusätzlich die Stromversorgung, die Toiletten, die Fluchtwege und die behördliche Freigabe nicht geklärt waren, war für mich eindeutig, dass hier sehr grundlegende organisatorische Probleme bestanden.
Gibt es etwas, das öffentlich bisher völlig anders dargestellt wurde, als du es vor Ort erlebt hast?
Ich kann nicht beurteilen, welche Darstellung offiziell veröffentlicht wurde. Vor Ort wurde jedoch teilweise von Transportverzögerungen gesprochen. Das erklärte aus meiner Sicht nicht das gesamte Problem.
Wenn gegen 15:00 Uhr plötzlich eine große Anzahl an Toiletten angeliefert wird und das Festival trotzdem nicht geöffnet werden kann, zeigt das, dass die Schwierigkeiten viel grundsätzlicher waren. Es ging offenbar nicht nur um eine einzelne verspätete Lieferung, sondern um mehrere nicht rechtzeitig erledigte organisatorische und behördliche Aufgaben.
Ich möchte ausdrücklich nicht behaupten, dass der Veranstalter die Besucher:innen absichtlich täuschen oder ihnen Geld entlocken wollte. Dafür habe ich keine Beweise. Für mich sah es vielmehr nach einem sehr schweren organisatorischen Versagen aus.
Und ganz grundsätzlich: Was glaubst du, wissen die Besucher:innen des Festivals bisher noch nicht darüber, was hinter den Kulissen passiert ist?
Ich glaube, dass viele Besucher:innen nicht wissen, wie chaotisch die Situation hinter den Kulissen tatsächlich war. Von außen konnte man vielleicht nur sehen, dass sich der Einlass verzögerte. Innerhalb des Geländes herrschte jedoch stundenlang völlige Unklarheit.
Viele Verantwortliche wussten selbst nicht, was als Nächstes passieren würde. Es gab Probleme mit Strom, Toiletten, Fluchtwegen, Zelten und behördlichen Freigaben. Gleichzeitig mussten die Besucher:innen draußen warten, ohne verlässliche Informationen zu bekommen.
Was die Besucher:innen wahrscheinlich ebenfalls nicht wussten, war, wie viel Ausrüstung und Geld die Standbetreiber:innen in diese Veranstaltung investiert hatten. Wir hatten unsere komplette Ausstattung selbst mitgebracht, konnten unseren Stand aber letztlich nicht betreiben. Zusätzlich wurde unsere Ausrüstung später ohne unsere Zustimmung entsorgt und zerstört.
Für uns bedeutete das nicht nur Stress und Arbeitsausfall, sondern auch einen konkreten finanziellen Schaden von mehreren tausend Euro. Behind the scenes ging es also nicht nur um eine verspätete Festivalöffnung, sondern auch um erhebliche Folgen für die einzelnen Beteiligten.
Die folgenden Aussagen stammen von Augenzeugen und direkt Betroffenen des INTO Tattoo Studios aus Wien. Für das INTO Tattoo Studio war die Teilnahme an diesem Festival eine der ersten Erfahrungen außerhalb des eigenen Studios. Umso enttäuschender waren die Erlebnisse vor Ort und die Erfahrungen mit der Organisation. Mit den Aussagen und Bildern möchten die Betroffenen und Augenzeugen abschließend ihre Erfahrungen festhalten und zeigen, was passieren kann, wenn eine Veranstaltung nicht professionell organisiert und betreut wird. Die Berichte sollen die Geschehnisse nachvollziehbar machen und anderen Beteiligten helfen, aus diesen Erfahrungen zu lernen.
Mehr zum Studio findet ihr hier.
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