
Eine neue Untersuchung zur deutschen Festivallandschaft zeigt ein überraschend stabiles Bild.
Trotz prominenter Absagen wie beim Melt im vergangenen Jahr ist vom vielbeschworenen Festivalsterben keine Rede. Die repräsentative Studie „Musikfestivals in Deutschland. Vielfalt, Strukturen und Herausforderungen“ liefert erstmals fundierte Zahlen und Einblicke.
Von den 1764 erfassten Festivals beteiligten sich 638 an der vom Institut für Demoskopie Allensbach durchgeführten Befragung. Nur ein Prozent der Veranstalter gab an, den Betrieb im nächsten Jahr einzustellen, während neun Prozent Zweifel an der Zukunft äußerten.
Eine deutliche Mehrheit von 68 Prozent blickt optimistisch nach vorn und rechnet mit einer Fortführung ihrer Veranstaltungen. Die Daten verdeutlichen zudem, dass 18 Prozent aller Festivals in den letzten fünf Jahren neu gegründet wurden.
Besonders dynamisch zeigt sich die elektronische Musik, die mit einem Anteil von 36 Prozent bei den Neugründungen herausragt. Insgesamt gehört elektronische Musik mit 42 Prozent zu den meistvertretenen Genres, gefolgt von Rock mit 40 und Pop mit 39 Prozent.
Auch die regionale Verteilung überrascht: 60 Prozent aller Festivals finden in Städten mit weniger als 100.000 Einwohnern statt. Metropolen wie Berlin, wo 62 Festivals gezählt wurden, vereinen nur 17 Prozent des gesamten Aufkommens.
Katja Lucker von der Initiative Musik betonte daher die gesellschaftliche Funktion solcher Veranstaltungen: „Dafür muss es nicht immer das riesige Festival mit großen Bühnen sein.“ Ein zentraler Baustein ist das Ehrenamt.
Bei 79 Prozent der Festivals sind freiwillige Helfer unverzichtbar, in kleineren Orten sogar bei 97 Prozent. Ohne dieses Engagement könnten viele Events nicht stattfinden. Die Studie zeigt außerdem, dass sich nur 18 Prozent der Veranstalter als kommerziell orientiert bezeichnen, während 82 Prozent kulturelle oder gemeinnützige Ziele verfolgen.
Finanziell bleibt die Situation fragil: Nur 15 Prozent der Festivals arbeiten profitabel, während 30 Prozent Verluste verzeichnen. Durchschnittlich kommen Einnahmen von 313.000 Euro auf Ausgaben von 296.000 Euro.
Genreunterschiede sind deutlich: Klassikfestivals erzielen 40 Prozent ihrer Einnahmen durch öffentliche Zuschüsse, während Popfestivals stärker auf Ticketverkäufe und Gastronomie setzen.
Ein Großteil der Ausgaben entfällt auf Künstlergagen. Im Schnitt machen sie 38 Prozent des Budgets aus. Klassikfestivals investieren fast die Hälfte ihrer Mittel in Honorare, während Pop-Events mit 34 Prozent etwas günstiger kalkulieren.
Jazz liegt mit 41 Prozent dazwischen, was auf die genretypischen Strukturen zurückzuführen ist. Neben Finanzen widmet sich die Studie auch Themen wie Diversität. 60 Prozent der Popularmusik-Festivalmacher gaben an, auf eine geschlechtergerechte Programmgestaltung zu achten. In der Klassik liegt dieser Anteil bei 32 Prozent.
Hinter den Kulissen zeigt sich jedoch ein Ungleichgewicht: „In sämtlichen abgefragten Leitungsfunktionen sind Männer signifikant häufiger vertreten als Frauen oder nicht-binäre Personen“, heißt es in den Ergebnissen.
Trotz wirtschaftlicher Risiken und struktureller Herausforderungen ist die Festivallandschaft in Deutschland vielfältig und lebendig. Getragen von ehrenamtlichem Einsatz und kulturellem Anspruch dominieren unkommerzielle Events – und sichern so eine Zukunft, die über das reine Geschäft hinausweist.
Quellen: Initiative Musik / Tagesspiegel
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