Zusammengeschlossen haben sich Daniele Aprile und Mario Roberti bereits 2010. So richtig Fahrt aufgenommen hat die Karriere der beiden Italiener jedoch erst in den letzten paar Jahren, als Veröffentlichungen auf Imprints wie Truesoul, Poker Flat, Ovum, Innervisions sowie Exit Strategy und im letzten Jahr auch auf Afterlife erschienen. Ende Januar kam eine weitere EP auf Afterlife, „Endless Sacrifice“. Die Musik von Fideles ist regelrecht durchströmt von Melodien und zeitgenössischen Sound-Strukturen und zeichnet sich durch eine nicht zu verachtende Handschrift aus. Diese zeigt sich auch in ihren DJ-Sets, mit denen sie schon Lokalitäten wie Printworks und Fabric in London, Amnesia auf Ibiza, den Rex Club in Paris sowie das Watergate bespielten. Ein Interview über gestern, heute und morgen.


Daniele und Mario, wie geht es euch?

Mario: Hallo! Alles gut hier, ich sitze in meinem Studiosessel und arbeite an neuer Musik. Um genau zu sein, suche ich mal wieder nach dem perfekten Synth. Die tägliche Herausforderung …

Daniele: Ich suche nach neuen Monitoren fürs Studio. Das Soundsystem soll verbessert werden. Unser aktuelles Setup von Adam soll erweitert werden, also suche ich aktuell nach ein paar neuen Optionen. Dazu gibt es einen Primitivo di Manduria, meinen Lieblingsrotwein.

Wie waren die ersten Wochen des Jahres?

Mario: Es war ein sehr spannender Start in das Jahr. Wir haben zum ersten Mal überhaupt in London im Fabric gespielt. Es war ein großartiges Erlebnis, das Closing im Raum 1 zu spielen. Eine Woche später waren wir im Watergate mit unseren guten Freunden Agents of Time. Wir haben über sechs Stunden b2b gespielt auf dem Mainfloor und erst irgendwann gegen elf aufgehört. Damit hatten wir beim besten Willen nicht gerechnet, auch nicht der Club selbst. (lacht)

Daniele: Ich empfand den Start in das Jahr 2019 auch als sehr gut. Nach einigen großen Shows, wie Mario bereits erzählt hat, haben wir unsere zweite EP auf Afterlife veröffentlicht, die viel Support und gutes Feedback erhalten hat. Es war definitiv eine herausragende Veröffentlichung für uns! Es war aber auch eine Menge Arbeit, diese Tour für dieses Jahr auf die Beine zu stellen. Das wird in jedem Fall unser intensivstes Jahr in Sachen Reisen, denke ich. Aktuell arbeiten wir noch an sehr vielen Projekten im Studio, darunter an ein paar spannenden Remixen.

Lasst uns über den Anfang sprechen. Wie kamt ihr überhaupt zur Musik und wo liegen eure musikalischen Wurzeln?

Mario: Bei mir waren es ganz klassisch die Eltern. Meine Mutter war Pianistin – genauso wie alle ihre Brüder. Mein Großvater hatte sogar eine eigene Folk-Gruppe mit meiner Mutter und meinen Onkeln, natürlich war er der Akkordeonist. So begann ich schon früh mit dem Klavierspielen und konzentrierte mich auf klassische Musik. Ich war zwölf oder 13, als ich elektronische Musik zum ersten Mal richtig auf dem Schirm hatte. Später zog es mich in Richtung Progressive House und als ich mich mehr für das Produzieren interessierte, war ich fasziniert von Melodien und Atmosphären in diesen Tracks. Später habe ich mich mehr mit Techno beschäftigt und mich wieder verliebt.

Daniele: Ich habe auch mit Klavier angefangen, das war ungefähr mit acht und für etwa fünf Jahre. Ich war ca. 13 Jahre alt, als ich elektronische Musik für mich entdeckte. Trip-Hop war zu dieser Zeit groß und ich war hin und weg von dieser Musik. Also begann ich, alle möglichen Platten zu sammeln, die mir in die Finger kamen. Der nächste Schritt war natürlich die Anschaffung von Turntables. Mit 14 habe ich dann mit dem Auflegen angefangen. Mit der Zeit entwickelte ich mich mehr zum House und Techno hin. Und seitdem hat sich nichts geändert! (lacht) Ich liebe diese Musik wie an dem Tag, als ich sie zum ersten Mal gehört habe.

Wie habt ihr euch kennengelernt und wann habt ihr entschieden, zusammen zu arbeiten?

Mario: Wir haben uns in einem kleinen Club in Süditalien namens „Cafe del Mar“ getroffen, was aber nichts mit der Marke auf Ibiza zu tun hat. Nichtsdestotrotz haben sie natürlich einen auf den Sack bekommen und heißen jetzt „Cafe del Mare“. (lacht) Jedenfalls war der Club in der Nähe des Hauses meiner Großeltern, also gab es immer einen guten Grund, sie zu besuchen und dann auszugehen. Es war einer der wenigen Clubs, die House-Events veranstalteten. Und die waren sehr beliebt. Daniele spielte und später in der Nacht wurden wir einander von gemeinsamen Freunden vorgestellt, es war quasi Liebe auf den ersten Blick!

Daniele: Ja, dieser Club war sehr kitschig – aber der einzige Ort, an dem die Leute gute Musik hören konnten. Natürlich nur, wenn ich gespielt habe. (lacht) Die Freundschaft wuchs mit der Zeit, wir tauschten uns musikalisch extrem aus und begannen, gemeinsam zu produzieren. Und als die ersten Shows anstanden, tauften wir uns Fideles.

Welche Idee hattet ihr damals im Jahr 2010 und wie hat sich das Projekt seitdem entwickelt?

Daniele: Um ehrlich zu sein war unsere Idee recht simpel. Wir wollten einfach Musik machen und schauen, was dabei rumkommt. So sehr wir auch gute Freunde waren und sind, wir wissen jetzt, dass es eine andere Ebene von Freundschaft ist, wenn man sich öffnet und gemeinsam Musik macht. Es ist eine völlig neue und große Herausforderung. Wir haben lange gebraucht, uns einzuspielen. Aber dennoch haben wir viele Tracks fertig bekommen, mit denen wir zufrieden waren. Wir entschieden uns, einige Stücke an Labels zu schicken, um eine ehrliche Meinung zu bekommen, und die war oftmals positiv – zum Glück. Rückblickend hatten wir recht viel Glück. In diesem frühen Stadium bekamen wir unfassbar viel gesignt. Nach ein paar Jahren haben wir einige schöne Ziele erreicht und hatten enorm gute Labels in unserer Diskografie, den Respekt von einigen Kollegen und sogar eine kleine Fanbase. Und die wächst immer mehr. Es ist verrückt, wenn du um den halben Erdball fliegst und dabei auf Leute triffst, die deine Musik kennen.

Mario: Wie Daniele erwähnte, gab es zunächst keine konkrete Idee, und ehrlich gesagt gab es diesen großen Plan nie. Wir haben Musik gemacht und unsere Produktionen weiterentwickelt. Wenn dieses Projekt etwas ausmacht, dann ist das die Idee, Gefühle und Energie zu übersetzen, die wir durch das Musizieren bekommen. Es ist eine große Freude, die Energie zu sehen, die man anderen mitgeben kann mit Dingen, die man selbst kreiert hat. Und das Woche für Woche.

Innervisions, Bedrock, Exit Strategie, Afterlife – eine großartige Liste an guten Labels. Erzählt uns mehr darüber!

Daniele: Ja, wir sind definitiv stolz auf unsere Diskografie. Wie bei jedem Künstler, der gerade neu ist in der Szene, haben wir damals mit kleinen Labels angefangen. Denn zu diesem Zeitpunkt waren das die, zu denen wir aufgesehen haben. Aber wir hatten das Gefühl, eine realistische Chance zu haben. Ich denke, wir hätten ungläubig gelacht, wenn wir Innervisions oder Bedrock damals genannt hätten, aber wir haben hart gearbeitet und uns entwickelt. Ich erinnere mich, dass ich Demos an Steve Bug schickte; nach superkurzer Zeit meldete er sich und wollte eine EP machen. Das hat uns wirklich den Mut und das Selbstvertrauen gegeben, Musik an weitere große Labels zu schicken.

Mario: In der Tat. Ich habe gerade noch mal Spotify gecheckt und es ist so witzig, alle diese Releases nebeneinander an einem Ort zu sehen. Wenn ich bedenke, wie viel Zeit, Herzblut und Leidenschaft in jedes einzelne Release geflossen ist. Man kann sich diese Releases im Prinzip nacheinander anhören und dabei die Reise verfolgen, die wir erlebt haben. Von damals bis heute. Wir hatten nie eine konkrete Idee, für wen oder was Fideles genau steht, wir haben es uns aber zur Gewohnheit gemacht, Ziele zu erreichen – und sobald wir diese erreicht haben, suchen wir uns wieder eine neue Herausforderung. In diesem Fall waren unsere Ziele Labels. Und wir sind froh über diesen Umstand.

Auf Afterlife gab es gerade die Veröffentlichung eurer zweiten EP. Erzählt uns mehr darüber, was euch mit diesem Label verbindet.

Daniele: Seit wir unsere erste EP auf Afterlife veröffentlicht haben, sind wir mit dem gesamten Team und mit Carmine und Matteo persönlich befreundet. Ich denke, es ist schwer, keine enge Beziehung zu einem Label und seinem Team aufzubauen, wenn es dir die Möglichkeit bietet, Musik zu veröffentlichen und vor unfassbar großen Menschenmassen an fantastischen Orten auf der ganzen Welt zu spielen. Wir schulden ihnen definitiv einen Drink oder zwei …

Mario: Ja, so sehe ich das auch. Wir sind extrem dankbar für diese Möglichkeit. Es gibt eben Labels und es gibt Labels. Manche gehen wirklich den nächsten Step und sorgen für ein ganz besonderes Gefühl der Verbundenheit. Und da wir alle aus Italien kommen und Heimat sowieso ein wichtiges Thema für uns ist, ist es umso toller, so einen Innercircle zu haben.

Nächstes Jahr feiert Fideles zehnjähriges Jubiläum. Wie hat sich die Szene in dieser Zeit eurer Meinung nach verändert?

Mario: Wow, wie schnell die Zeit vergeht! Die Szene hat sich in dieser Zeit sehr verändert und entwickelt sich ständig weiter. Die Social Media sind für mich das, was am meisten heraussticht. Heutzutage gibt es Künstler, die sich stärker auf ihren Social-Media-Auftritt konzentrieren als auf die Musik, die sie produzieren oder spielen. Wir interagieren natürlich mit Fans über unsere sozialen Kanäle, aber irgendwie ist der Schwerpunkt ein anderer. Facebook, Instagram und Co. bieten uns großartige Möglichkeiten, mit unseren Fans verbunden zu sein, dennoch ist es wichtig, den Grund nicht zu vergessen, warum wir überhaupt alle hier sind. Und das ist die Liebe zur Musik.

Daniele: Viele Dinge haben sich in den letzten zehn Jahren verändert und noch mehr werden sich in den kommenden Jahren ändern, denke ich. Es geht um die Entwicklung der Musik. House und Techno kommen in ihren verschiedenen Arten in Wellen mal mehr, mal weniger zur Geltung und es ist ein spannender Prozess. Produzenten setzen ihre Instrumente und Musiksoftware auf immer seltsamere und zugleich wunderbare Weise ein. Die Technologie entwickelt sich weiter, neue Möglichkeiten entstehen. Und es wird auch immer einfacher, eigene Musik zu erstellen. Jedoch bergen diese Möglichkeiten auch einige Gefahren. Im Prinzip erlauben es dir die technischen Möglichkeiten, sämtliche Grundlagen des Musizierens zu überspringen, einschließlich des Spaßes, verschiedene Sounds zu finden und die gesamte technische Funktionsweise des Sounds zu verstehen! Das geht dann in die gleiche Schiene wie das, was Mario über Social Media gesagt hat. Ich hoffe, dass die Musik als einziger Fokus in den Mittelpunkt rückt, denn für uns ist das wirklich die einzige Möglichkeit, zu zeigen, was bzw. wie wir fühlen. Und genau das macht es meiner Meinung nach aus.

Wie arbeitet ihr zusammen, speziell im Studio? Gibt es einen kreativen und einen technischen Leiter?

Mario: Es ist nicht leicht, unseren kreativen Prozess zu erklären. Zum Teil weil wir uns so gut kennen, zum anderen weil es keine bestimmten Dinge gibt, die wir tun. Wir müssen nicht viel sprechen, während wir arbeiten, es besteht eher ein gegenseitiges Verständnis dafür, was wir tun, und von dem, was wir nicht tun. Ich fange lieber mit dem Beat an und suche später nach den Melodien. Daniele hingegen ist immer daran interessiert, die Melodien zuerst zu machen, und sucht im Anschluss nach dem richtigen Beat.

Daniele: Wir arbeiten an den meisten Tagen zusammen, aber wir haben auch unsere eigenen Studios, in denen wir erste Ideen aufschreiben oder mehrere Projekte gleichzeitig durchführen können. Aber wir treffen uns immer abends, um die Ideen zu teilen bzw. zu vervollständigen. Wir finden es super, zu jammen, unser eigenes Ding zu machen und dann alles zusammen zu bringen. Wie Mario erwähnt hat, haben wir beide unsere eigenen Arbeitsweisen, aber unser Studio-Setup ist identisch, sodass ein reibungsloser Ablauf möglich ist.

Aus dem FAZEmag 086/04.2019
Text: Triple P
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