Es gibt diese Bands, deren Mitglieder begnadete Instrumentalisten sind und das auch wissen. Und es gibt diese typischen Konzerte, wo jede Band lauter, virtuoser und schneller spielen will als die andere – so wird aus guten Einzelmusikern musikalisches Mittelmaß. Bei Fieh, also Ola, Andreas, Jørgen, Edvard, Lyder, Solveig, Thea und Sängerin Sofie, verhält sich das ganz anders: Ihre Musik klingt reduziert, pointiert und futuristisch. Wir wurden nicht zuletzt durch ihre energetischen, mitreißenden Gigs auf sie aufmerksam, bei denen sie durch eine Mischung aus Kraft und Leichtigkeit die Crowd überzeugten. Die Bandmitglieder harmonieren perfekt miteinander und bündeln nun ihre ganze Energie in Form von Jazz, Blues, Funk und Soul, kombiniert mit einer warmen, elektronischen Ästhetik, auf ihrem Debütalbum „Cold Water Burning Skin“. Das allein ist schon Grund genug, sich mit Sängerin Sofie über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der neuen Soul-Hoffnung aus Norwegen zu unterhalten.

Fieh – Heiße Grooves aus dem Oslofjord

Fieh – Heiße Grooves aus dem Oslofjord / Foto: Mads Perch


Sofie, wie geht’s dir? Und wo hast du den Rest der Band gelassen?

Mir geht es sehr gut, danke. Ich sitze gerade im Zug Richtung Oslo. Ola und Andreas sind gerade beim Soundcheck mit ihrer anderen Band, Edvard genießt einen Barcelona-Trip und Lyder feiert höchstwahrscheinlich gerade ihr neues Release, das man unbedingt auschecken sollte. Ich denke, die anderen sitzen zu Hause, schauen „Masterchef Australia“ oder spielen „Rocket League“.

Klingt entspannt. Wie seid ihr zu Fieh geworden? Der Bandname zeigt schon, dass du eine zentrale Rolle dabei gespielt hast. Wie hast du den Rest der Band mitgerissen?

Na ja, Ola, der Drummer, und Andreas, unser Bassist, hatten vor ein paar Jahren eine gemeinsame Band und bei einem ihrer Konzerte sang ich die Backing-Vocals. Vorher hatte ich schon etwas von meinem Stuff auf SoundCloud gepostet und so sind sie auf mich aufmerksam geworden. Mit ihrer Band probten wir dann zuvor einige meiner Songs und spielten schließlich auch zwei, drei Nummern von mir auf besagtem Konzert. Das Feedback der Crowd war wirklich unglaublich gut und wir erinnern uns immer mit viel Freude an diesen Gig. Ab diesem Moment wussten alle, dass wir so weitermachen müssen. Nach einer Weile sind dann manche Bandmitglieder in andere Städte gezogen und andere sind wiederum der Band beigetreten. Irgendwann hat sich die aktuelle Besetzung gefunden, mit Leuten, die wir von allen möglichen Orten kennen und die das Interesse an dieser bezaubernden Art von Musik teilen.

Nun seid ihr ein achtköpfiges Ensemble. Wie bindest du die komplette Band in den kreativen Prozess ein? Wie findet ihr Kompromisse?

Normalerweise bringe ich ein Demo mit Ideen für einen neuen Song mit und von da aus arbeiten wir weiter, ändern Sachen und fügen Elemente hinzu. Natürlich kann es zu acht auch sehr hart sein, jeder von uns muss auch sehr tolerant im kreativen Prozess sein: Man muss einfach akzeptieren, dass eigene Ideen oft mit Neugier entdeckt, verarbeitet und benutzt werden – manchmal aber auch nicht. Mal stimmen dir die anderen zu, mal eben nicht. Jeder muss akzeptieren, dass seine Rolle manchmal riesig und manchmal sehr klein ist. Wir geben uns Mühe, dass jede Stimme gehört wird, gleichzeitig müssen alle sehr offen sein, die Ideen der anderen anzunehmen und eigene Ansätze auch mal zu verwerfen. So ist das bei kreativen Prozessen. Doch die meiste Zeit klappt es natürlich bei uns super, sodass ich mich bei Fieh sehr wohl fühle. Wenn ich eine Sache über die Band rausgefunden habe, dann die, dass die anderen sehr gut darin sind, meine Ideen zu hypen und mir ein gutes Gefühl zu geben, wenn ich mich einbringe, selbst wenn nicht all meine Ideen genial sind. So war das schon immer bei uns, es hat allerdings etwas gedauert, bis ich gemerkt habe, dass das in anderen Bands nicht der Fall ist. Deshalb bin ich verdammt dankbar für Fieh.

Wie ist denn die Aufteilung zwischen euch, wenn du deine Demos in den Proberaum mitbringst?

Meine Demos enthalten meist Elemente wie Bass-Grooves, Beats, Chords und Vocals. Dann wird sehr frei damit umgegangen und die Band kann entscheiden, was sie ändern will, wer was spielt und wie neue Ansätze hinzugefügt werden. Danach schreibe ich die Lyrics.

Eure Jazz-, Blues- und Soul-Roots sind klar erkennbar. Welche Künstler haben euch bei den eher freshen, elektronischen Sounds inspiriert?

Edvard, unser Keyboarder, ist stark von Artists wie James Blake und Bon Iver beeinflusst und wir alle lieben Alben wie „To Pimp A Butterfly“ und „Untitled Unmastered“ von Kendrick Lamar. Beide Werke schichten organische Instrumente mit Synths und anderen elektronischen Sounds, was sehr ungewöhnlich und interessant klingt. Frank Ocean und Solange sind auch Musiker, deren Klangwelt wir sehr gut finden.

Habt ihr bei der Albumproduktion viel mit den Möglichkeiten experimentiert, die ein modernes Studio bietet?

Uns ist es extrem wichtig, echte Instrumente perfekt klingen zu lassen, aber wir lieben auch die unbegrenzten Möglichkeiten, die das Arbeiten und Produzieren im Studio mit sich bringt. Wir haben die Songs des Albums ja zuerst jahrelang live auf Konzerten gespielt. Im Studio waren wir dann sehr begeistert davon, wie wir alle möglichen Dinge zum Sound hinzufügen und so unseren eigenen Sound bauen konnten. Das war definitiv eine gute Zeit und wir freuen uns, in Zukunft öfter in einem Studio zu arbeiten.

Das Ergebnis klingt überaus entspannt und groovy. Wie anstrengend und stressig ist es eigentlich für dich, entspannte Songs zu schreiben?

Haha, wahrscheinlich genauso stressig und anstrengend wie das Schreiben von stressigen und anstrengenden Songs.

Wie hat eure skandinavische Umgebung „Cold Water Burning Skin“ inspiriert?

Wenn du mit Umgebung die skandinavische Musikszene meinst, denke ich, dass besonders die Szene in Oslo, die jede Art von Musik und Kunst hervorbringt, definitiv einen Anteil am Album hat. Dort sind wir umgeben von vielen talentierten und coolen Musikern, die großartige Musik machen. Von solchen Menschen umgeben zu sein, erlebe ich als ungemein inspirierend.

Ich hasse diese Frage jetzt schon, aber: Was bedeutet der Albumtitel „Cold Water Burning Skin“?

Es ist einfach nur einer der Songtitel auf dem Album. Die Leute können den Namen so interpretieren, wie sie wollen.

Wo ist für dich der perfekte Ort, um euer Debütalbum zu hören?

Oh, ich denke, da gibt es einige: in einem Londoner Schlafzimmer, im Wohnzimmer deiner Großmutter, auf einem Dancefloor in Berlin, beim Klettern auf den Himalaya oder auch auf einem Boot auf dem Einafjorden.

Wie hat sich euer Band-Alltag eigentlich durch die gestiegene Aufmerksamkeit vonseiten der Medien, Fans und der anderen Musiker verändert? Oder anders gefragt: Seid ihr immer noch im selben Proberaum wie vorher?

Haha, da hat sich nichts geändert. Ich gebe nur ein paar Interviews mehr als vorher. Na ja, wir haben nun zwar unseren eigenen Proberaum, das liegt aber nur daran, dass wir als Studenten den Proberaum der Norwegian Academy of Music nutzen konnten. Da mussten wir dann nach dem Studium raus. Der neue Raum ist auf jeden Fall richtig gut!

Wie wart ihr als Band in den Mixing- und Mastering-Prozess involviert und wie habt ihr den richtigen Engineer für euren einzigartigen, warmen Sound gefunden?

Es gibt nicht viele Studios in Norwegen, in denen man auf Tape aufnehmen kann, und wir hörten, dass Christian Engfelt, unser späterer Studio-Engineer, das in seinem Studio so machte. Wir wollten unbedingt auf Tape aufnehmen und kannten jemanden, der Christian kannte. Und der sagte, Christian wäre genau die richtige Wahl für uns. So kamen wir mit ihm in Kontakt und buchten sein Studio zum Aufnehmen, und das stellte sich tatsächlich als die richtige Entscheidung heraus. Ein Teil von unserer Band nahm dann auch an den Mixing-Sessions mit Christian teil, wobei er der ganzen Band zusätzlich auch seine Zwischenstände schickte und dabei sehr offen für Diskussionen war. Er hätte ewig gemischt, wenn das nötig gewesen wäre, um ein Ergebnis zu erzielen, mit dem wir glücklich sind. Danach empfahl er uns George als Mastering-Wizard und wir vertrauten ihm auch dabei, da die beiden schon oft miteinander kollaboriert hatten und gut harmonieren.

Welche Künstler sind eure Vorbilder, wenn es um Live-Shows geht?

Mich persönlich, als Sängerin von Fieh, inspirieren die Performances von D’Angelo, Erykah Badu und Solange immens. Und Funkadelic natürlich. Aber auch andere Künstler und Bands mit einer komplett anderen Konstellation, als wir sie haben: Joni Mitchell ganz allein mit ihrem Dulcimer oder auch Nina Simone. Eigentlich inspiriert mich jedes Konzert mit einer guten Energie.

Was ist das Lustigste, was euch auf Tour bislang passiert ist?

Hier eine gute Story einer Show, in der Jørgen plötzlich von der Bühne verschwunden ist: Ich dachte nämlich, er wäre auf einmal krank geworden oder Ähnliches und machte mir schon Sorgen, doch den nächsten Song spielten wir erst einmal ohne ihn. Tatsächlich hatte aber sein Verstärker den Geist aufgegeben und er musste handeln: Er ging zu seinem Auto, was etwas entfernt parkte und in dem er einen weiteren Verstärker hatte, fuhr das Auto mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit direkt bis zur Bühne und baute den neuen Verstärker auf. Ein kleiner Roadtrip während unseres Konzerts. Ein anderes Mal haben Andreas und Lyder nach einer Show in Reykjavik noch versucht ein paar Bier aufzutreiben. Allerdings war jede Bar schon geschlossen und es stellte sich heraus, dass in Island generell alles schon sehr früh schließt. Irgendwie bestellten sie dann Bier auf dem Schwarzmarkt: Sie mussten warten, bis ein Mann in einem kleinen Auto an ihnen vorbeifuhr und zwei kalte Bier aus seinem Fenster schmiss.

Ihr seid eine sehr junge Band, die gerade ein starkes Album abgeliefert hat, obwohl es nach einigen erfolgreichen Singles und Live-Videos eine hohe Erwartungshaltung gab. Was ist der nächste Schritt für euch?

Das Album wurde am 27. September releast und jetzt geht es auf Tour durch Norwegen, Schweden, Dänemark, Deutschland, Großbritannien und die Niederlande. Und danach machen wir wieder neue Musik. Ich blicke schon freudig auf diese Zeit!

In eurem Song „25“ geht es um den Stress von Newcomer-Künstlern: Studium, Interviews, Freundschaften, Gigs, Familie und der ständige Druck, gute Musik zu veröffentlichen. Ist nun nach eurem Release endlich der Moment gekommen, um kurz durchzuatmen?

Absolut nicht – weitere Alben warten darauf, aufgenommen zu werden, und viel mehr Gigs wollen gespielt werden!

 

Aus dem FAZEmag 092/10.2019
Text: Bastian Gies
Foto: Mads Perch
www.fiehmusic.com