Flashback
mit Marco Bailey

Flashback
mit Marco Bailey

Der Belgier braucht keine Einleitung – seit den 90ern zählt der Techno-Veteran zum „Best of“ der Szene. Klassiker wie „Scorpia“ auf Bonzai legten den Grundstein, später folgten zahllose weitere Releases auf Intec, Drumcode und natürlich seinem eigenen Imprint MB Elektronics. Wir haben mit ihm ein wenig in der Vergangenheit gestöbert.

Was war dein Lieblingsjahrzehnt und warum?
Die 2010er waren für mich ein echter Wendepunkt – künstlerisch, emotional und beruflich. Es war die Zeit, in der ich mich meiner Arbeit und meinem Zweck am stärksten verbunden fühlte. Ich habe Musik veröffentlicht, hinter der ich voll und ganz stehe, neue Labels gegründet, eigene Events kuratiert und eine Haltung musikalischer Freiheit ohne Kompromisse gelebt. Eine Dekade des Wachstums, der Entdeckung und des Dranbleibens in einer Industrie, die oft Trends mehr belohnt als Authentizität.

Hast du einen Lieblingstrack aus der Zeit?
Es ist ehrlich gesagt unmöglich, nur einen einzigen Track auszuwählen – aber wenn ich einen Künstler nennen müsste, der das Jahrzehnt für mich geprägt hat, dann wäre es Jon Hopkins. Seine Produktionen sind vielschichtig, emotional und technisch brillant. Er erschafft ganze Klangwelten. Fast jedes seiner Releases war ein Highlight in meinem Leben.

Welcher Track war besonders schlimm?
Bis heute gilt: etwa 500 der 800 Promos, die ich jede Woche bekomme. Es ist wie ein wöchentlicher Tsunami der Mittelmäßigkeit. Vieles davon wirkt uninspiriert und Algorithmus-getrieben, statt aus dem Herzen gemacht.

Das Label, das das Jahrzehnt für dich geprägt hat?
COD3 QR – das Label von Laurent Garnier. Es sticht heraus, weil es sich traut, das gesamte Spektrum abzudecken: Techno, House, Drum ’n’ Bass, Electro, Ambient … alles ist möglich. In einer Zeit, in der viele Labels auf Konsistenz setzen und dabei langweilig werden, zeigt COD3 QR Mut.

Was du wahrscheinlich an einem Samstagabend gemacht hast:
Irgendwo aufgelegt – entweder in einem verschwitzten Club oder auf einem riesigen Festival. Das war (und ist) mein Leben.

Ein unangenehmer Moment?
Die Musik, die ich ganz am Anfang gemacht habe – vor über 30 Jahren. Einiges davon kann ich mir heute kaum noch anhören, ohne mich zu schämen. Ironischerweise wurden manche dieser Tracks ziemlich bekannt und werden noch immer gespielt. Aber für mich spiegeln sie nicht mehr wider, wer ich heute bin.

Ein besonders schöner Moment?
Live-Auftritt 2004 bei I Love Techno – in meinem eigenen Land, auf einem ausverkauften Floor, das mein Label gehostet hat. Diese Nacht war pure Magie. Die Energie, die Liebe, der Stolz – unvergesslich. Außerdem: Mein erstes Mal in Tokio 2000 im Maniac Love, Space Ibiza 2012 bis 2015 mit Coxy – und nicht zuletzt: unser eigenes Elektronik Zoo Boutique Festival im eigenen Garten.

Eine urbane Legende von damals, die du geglaubt hast?
Ehrlich gesagt fällt mir gerade keine ein – vielleicht, weil ich schon immer alles hinterfragt habe und nie blind gefolgt bin.

Wofür hast du das meiste Geld ausgegeben?
Restaurants. Definitiv eine schlechte Angewohnheit. Gutes Essen, guter Wein und nächtelange Gespräche, die am Ende oft ein kleines Vermögen gekostet haben.

Ein Gegenstand, den du niemals hättest weggeben sollen?
Meinen Jupiter 8000-Synth. Wenn ich heute den aktuellen Wert sehe, bereue ich den Verkauf zutiefst. Er hatte eine Seele und einen Klang, wie man ihn heute kaum noch findet. Das tut weh.

Dein damaliges Guilty Pleasure?
Raven – aber nicht dieses Social-Media-überladene egogetriebene Raven. Ich meine richtige, immersive musikalische Reisen. Nicht nur eine Nacht, sondern zwei bis drei Tage am Stück. Reine Verbindung durch Musik.

Das war früher besser:
Die Leute gingen wirklich wegen der Musik aus, wegen der Begegnungen, um den Moment zu leben. Heute wirkt es oft, als wären sie nur draußen, um gesehen zu werden – Handy in der Hand, auf der Jagd nach Likes statt nach Erinnerungen.

Und das war früher schlechter:
Das Equipment. Ganz klar. Soundsysteme, Studiotechnik, DJ-Booths – das, was wir heute zur Verfügung haben, ist Lichtjahre weiter. Die Tools sind heute unfassbar im Vergleich zu damals.

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mit Marco Bailey

Dein Lieblingsfilm aus den 2010er-Jahren?
„The Equalizer 2“ – roh, emotional!

Aus dem FAZEmag 161/07.2025
www.marcobailey.com