
Seit fast drei Jahrzehnten steht DJ Flatbeat für eine Clubkultur, die weit über Funktion und Trends hinausgeht. Als feste Größe der Druckerei Solothurn verbindet sie Techno mit Emotion, mit körperlichem Ausdruck und queerer Identität. Ihr Weg durch die Szene erzählt von Leidenschaft, Wandel und dem festen Glauben daran, dass Clubnächte dann am stärksten sind, wenn sie wieder Raum für Nähe, Freiheit und echte Momente schaffen. Außerdem spricht sie über ihr neuestes Release „Give Me Hell“ auf dem Label Flăm, das am 19. Dezember letzten Jahres erschienen ist.
Die Druckerei Solothurn ist für DJ Flatbeat kein gewöhnlicher Arbeitsplatz, sondern ein Ort mit familiärer Energie. Sie beschreibt den Club als Herzensprojekt, getragen von Menschen, die mit voller Überzeugung dabei sind. Diese Haltung spürt man im Publikum ebenso wie im Vibe des Raums. Für sie ist die Druckerei ein Safe Space, in dem sie sich frei entfalten kann – ein Ort, an dem Gemeinschaft nicht behauptet, sondern gelebt wird. Mit 27 Jahren Erfahrung hinter den Decks blickt Flatbeat auf eine Clubkultur zurück, die sich stark verändert hat. Positiv hebt sie hervor, dass Techno schon immer ein Raum für Freiheit, Anderssein und Selbstbestimmung gewesen sei – und dieses Potenzial heute bewusster wahrgenommen werde. Gleichzeitig ist ihrer Meinung nach Musik zugänglicher denn je, neue Sounds lassen sich auf einen Klick entdecken, technische Möglichkeiten sind vielfältiger geworden. Doch diese Entwicklung habe auch Schattenseiten. Das unmittelbare Erleben des Moments sei vielerorts einem Bedürfnis nach Sichtbarkeit gewichen. Hinzu kommen steigende Kosten, die Clubs unter Druck setzen und Subkultur zunehmend in ein Geschäftsmodell verwandeln.
Was für sie eine Clubnacht wirklich ausmacht, sei nicht der große Name, sondern das Gefühl. Es gehe um Herz, Nähe und Energie – um dieses unsichtbare Band, das entsteht, wenn Musik Menschen miteinander verbindet. Flatbeat spricht von Nächten, in denen Unterschiede verschwinden und ein gemeinsames Atmen entsteht. Als DJ versucht sie, genau diese Emotionen weiterzugeben: Wärme, Vertrauen und Präsenz. Eine gute Nacht hat für sie Seele – sie ermöglicht Loslassen, Öffnung und Verbindung. Wenn ein Track Herzen berührt und der Raum mitschwingt, entstehe etwas, das sich nicht erklären lässt. Neben der Musik spielt der Körper eine zentrale Rolle in ihrem künstlerischen Ausdruck. Als Aerial- und Pool-Dance-Artist erlebt sie Bewegung und Klang als Einheit. Tanz ist für sie ebenso Ventil und Ausdruck wie Techno. Rhythmen werden zu Bildern, Bewegungen zu Sound. In seltenen Momenten verbindet sie beides sogar live – als DJ und Performerin zugleich. Wenn Raum und Architektur es zulassen, entstünden intensive Situationen, die fast meditativ wirken: ein körperlicher Dialog mit der Musik.
Auch ihre queere Identität ist ein wichtiger Teil ihres Weges. Erst seit wenigen Jahren lebt sie diese offen, was für sie vor allem eine innere Veränderung bedeutete. Echtheit, sagt sie, schenkt Kraft – auch wenn sie Mut kostet. Die Sichtbarkeit queerer Künstler*innen habe in Europa deutlich zugenommen, doch echte Gleichstellung sei noch nicht überall erreicht. Gerade in Strukturen und bei Bookings zeigten sich weiterhin Hürden. Trotzdem ist sie überzeugt, dass Offenheit und gegenseitige Unterstützung die Szene langfristig vielfältiger und freier machen werden.
Musikalisch bewegt sich DJ Flatbeat heute zwischen Peak-Time-, Industrial- und Psy-Techno – kraftvoll, roh und hypnotisch, aber immer emotional. Besonders tief verwurzelt bleibt ihre Liebe zum Detroit-Techno, dessen Wärme und Groove für sie den Kern elektronischer Musik ausmachen, auch wenn dieser Sound aktuell weniger gefragt ist. Mit Flozirkus gründete sie das Label Flăm, das weit mehr als eine Release-Plattform sein soll. Flăm steht für handgemachten, fühlbaren Techno mit Seele. Analoge Maschinen, selbst erzeugte Sounds und intuitive Jam-Sessions prägen die Arbeit. Musik soll nicht perfekt sein, sondern lebendig. Veröffentlicht wird, was berührt – nicht, was bloß funktioniert.
Aktuell blickt Flatbeat auf mehrere neue Projekte. Ihr Track „Give Me Hell“, erschienen auf Flăm, verbindet Acid-Elemente mit treibender Bassline und roher Energie. Weitere Produktionen sind in Arbeit, ebenso wie ihre neue Partyreihe „TRAEUM“ in der Druckerei, die sie kuratiert und hostet – ein bewusst geschaffener Raum zum Fühlen, Tanzen und Träumen. Was sie sich für die Zukunft der Clubkultur wünscht, ist eine Rückkehr zum Wesentlichen: wieder öfter wegen der Musik in den Club gehen, ohne Erwartungen, ohne Vergleich. Offen sein, im Moment bleiben, sich überraschen lassen. Genau dieses Gefühl treibt sie auch nach fast drei Jahrzehnten noch an. Hinter den Decks findet sie Ruhe, Verbindung und Sinn. Musik bleibt für sie Herzschlag, Sprache und Zuhause.
Aus dem FAZEmag 167/01.2026
Text: Triple P
Foto: Gilgen Marc
www.instagram.com/dj_flatbeat