Sam Shepherd alias Floating Points feierte sein Debüt auf Ninja Tune im Juni mit der EP „LesAlpx/Corabell“ – nun veröffentlicht der britische DJ und Produzent am 18. Oktober genau dort auch sein neues Album „Crush“, das vier Jahre nach seinem ersten Album „Elaenia“ erscheint. Auf „Crush“ finden sich einige seiner bisher härtesten und treibendsten Tracks, aber auch einige seiner ausdrucksstärksten Songs mit seiner so charakteristischen Melancholie. Während der Entstehungsprozess von „Elaenia“ fünf Jahre füllte, produzierte Shepherd den neuen Langspieler in einer intensiven Periode von lediglich fünf Wochen. Am 28. August erschien die Single „Last Bloom“ samt Videoclip.

Floating Points

Floating Points – Foto: Dan Medhurst


Und während sich dieser Tage die Temperaturen von Sommer gen Herbst neigen, denken einige noch an das sechsstündige Set, das Floating Points beim diesjährigen Sonár gespielt hat und für viele sicherlich zu den Highlights des gesamten Festival-Sommers zählte. „Ich habe jede einzelne Minute genossen dort. Generell liebe ich es, lange Sets zu spielen und so eine musikalische Reise zu kreieren. Allerdings hatte ich bei diesem Set gar keine Möglichkeit, die Reise behutsam und mit Bedacht zu starten, da der Floor bereits nach wenigen Minuten voll und die Leute im Partymodus waren. Was natürlich großartig ist, aber deine Pläne durchaus durchkreuzt, wenn du zuvor eine bestimmte Idee im Kopf hattest.“ Vor dieser großen Sause war das Jahr 2019 jedoch zumindest zu Beginn etwas ruhiger als gewohnt für den Mann aus London. „Ich habe die meiste Zeit im Studio mit meinen Instrumenten verbracht und geschaut, wohin die musikalische Reise auf dem neuen Album gehen soll.“

Das Resultat heißt „Crush“ und ist das Ergebnis zahlreicher Jam-Sessions. „Ich hatte ein paar Ideen in Sachen Melodien, Harmonien etc. und ich hatte irgendwie das Gefühl, dass ich in den Wochen zuvor meine Instrumente auch noch besser kennengelernt bzw. eine noch engere Verbindung zu ihnen aufgebaut habe. In meinem Studio habe ich mich bislang gänzlich von der Außenwelt abgekapselt und meine eigene kleine Welt kreiert. In diesem Fall war das allerdings nicht so.“ Die aktuellen Geschehnisse in der Welt haben ihm zu denken gegeben. Er sei, so sagt er, auf der Suche nach so etwas wie Hoffnung gewesen. „Ich als Brite spreche natürlich zum großen Teil über den Brexit, der zu einem großen Problem für dieses Land werden könnte. Diese bevorstehende Isolierung und Intoleranz und die Tatsache, dass unser Planet dahinschmilzt, machen mir große Sorgen. Ich habe das Gefühl, dass die wirklich wichtigen Themen auf unserer Welt bei den Verantwortlichen in der Politik noch nicht den richtigen Stellenwert gefunden haben bzw. diese die Probleme ein wenig falsch interpretieren. Und daher fand ich den Titel sehr passend, weil er meine Gefühlswelt gut widerspiegelt.“

Musikalisch und auch persönlich ist Shepherd in den vergangenen fünf Jahren gereift. So entzog er sich dem typischen Bild des Musikers im elektronischen Jargon und ging mit einer ganzen Band auf Tour. „Auch wenn ,Elaenia’ ein elektronisches Album war, sind darauf Drum- und Gitarren-Elemente zu hören. So waren wir mit zwei Gitarren, einem Bass und Drums unterwegs. Während der Tour, vor allem in den USA, wo wir kleinere und intimere Shows gespielt haben, habe ich gemerkt, wie inspirierend das für mich ist. Das habe ich 2017 ganz gut in ,Mojave Desert’ verarbeitet, wo Genres wie Electronica, Jazz und sogar Rock eine wichtige Rolle gespielt haben. Was mich persönlich angeht, ist mein Bewusstsein für Politik und das aktuelle Weltgeschehen extrem gewachsen, würde ich sagen. Meine Sorgen beim Brexit sind gar nicht unbedingt der Brexit selbst, sondern die Interpretation von Demokratie und Gerechtigkeit, die hier völlig verzerrt wird. Auch die Geschehnisse in den USA werfen bei mir die Frage auf, ob die Wahrheit in dieser Welt noch eine Chance hat.“

Den typischen Druck eines zweiten Longplayers – nachdem der erste durchaus als sehr erfolgreich bezeichnet werden kann – verspürte der Brite hingegen nicht. „Ich kümmere mich nicht wirklich darum, ob die Leute jetzt durchdrehen oder nicht. Wenn eine einzige Person meine Musik genießt, freue ich mich darüber. Und wenn nicht, erfreue ich mich eben daran. (lacht) Es gibt keinen Druck für mich, denn ich betrachte das alles als einen sehr persönlichen und natürlichen Prozess, ohne die Idee zu haben, mit jedem Album erfolgreicher oder gar besser zu werden. Ich mache Musik. Und auch wenn das ein Stück weit egoistisch klingen mag, mache ich diese für mich und nicht für Kritiker.“ Und so bekundet er im gleichen Atemzug seine Liebe zu analoger Hardware, die ihn auch während unseres Interviews umgibt. „Ich sitze gerade in meinem Studio und muss zugeben, es steht hier jede Menge rum, darunter auch ziemlich viel Müll. Ich liebe Hardware und die Interaktivität, mit der man schnell Dinge umsetzen kann. Ich arbeite so gut wie gar nicht mit irgendwelchen fancy Plugins, ich nutze vielmehr den ES-One Standard In-built Synthesizer von Logic. Dann den Rhodes Chroma – und auch der Buchla 200e ist von großer Bedeutung. Seit über zehn Jahren wird das Ding nicht langweilig und ich habe das Gefühl, es wird sogar immer und immer besser.“

Neben drei größer angelegten Live-Shows in Paris, London und Berlin warten für Floating Points in diesem Jahr noch Gigs in Japan sowie Australien. Mit im Gepäck sind eine Menge Geräte, die bei der Produktion zu „Crush“ eine Rolle gespielt haben. „Sie werden bei der Live-Show in Szene gesetzt und darauf freue ich mich sehr.“

Aus dem FAZEmag 092/10.2019

Text: Triple P
Foto: Dan Medhurst
www.facebook.com/floatingpoints