
Sam Shepherd aka Floating Points öffnet mit seinem neuen Album die Büchse der Pandora — aber anders. Zunächst jedoch der Reihe nach. „Mere Mortals“, zu Deutsch etwa „einfache Sterbliche“, ist am 28. August auf dem renommierten Label Deutsche Grammophon erschienen. Die Europapremiere des Albums feierte Sam Shepherd Ende August beim Edinburgh International Festival mit einem gemeinsamen Auftritt mit dem Royal Scottish National Orchestra. Mit seiner fünften LP beweist Floating Points einmal mehr, dass sein Ruf, Genregrenzen zu sprengen und zwischen Klangwelten zu wandeln, nicht von ungefähr kommt: Das Werk ist eine abendfüllende Ballettpartitur — selbst für Floating Points ein Novum — die er als Neuinterpretation des griechischen Mythos der Pandora für das San Francisco Ballet komponiert hat. Sam Shepherd, seines Zeichens eklektischer, experimenteller Komponist, Produzent, Musiker, DJ — und Neurowissenschaftler mit einem Doktortitel, bearbeitet den Stoff aus der heutigen Perspektive neu und schlägt so eine Brücke zu unserer modernen, technologisierten Welt.
Einst Chorknabe an der Manchester Cathedral, studierte Sam Shepherd als Teenager Klavier und Komposition an der Chetham’s School of Music — heute feiert ihn die internationale Clubszene, sein Jazzalbum „Promises“, aufgenommen gemeinsam mit der Saxophon-Legende Pharoah Sanders und der London Symphony Orchestra, rangiert auf der Shortlist des Mercury Prize. Allein seine Langspieler zwischen Jazz, Ambient, UK-Garage, House, Techno, IDM oder Jungle stellen seine immense Vielseitigkeit unter Beweis. Und nun eine Komposition für ein Ballett. Tamara Rojo, Artistic Director des San Francisco Ballet, hatte Shepherd gefragt, ob er ein kurzes Stück für ihre neue Compagnie komponieren könnte. „Ein Ballett zu schreiben, war mir noch nie in den Sinn gekommen“, erzählt er. „Doch ich antwortete: ,Am liebsten die ganze Show.’ Und so kam es!“ Und so war Sam Shepherd im Januar 2024 an den Synthesizern, als das San Francisco Ballet Orchestra und die Compagnie die Uraufführung seiner ersten abendfüllenden Ballettmusik „Mere Mortals“ auf der Bühne spielten — mit einer Choreografie von Aszure Barton sowie Design und Visuals von Hamill Industries.
Für Deutsche Grammophon spielte Sam Shepherd „Mere Mortals“ mit dem San Francisco Ballet Orchestra ein. Elegische Streicher, apokalyptisches Blech und pulsierende Elektronik, ein Album mit 14 Stücken: Shepherds Partitur zu „Mere Mortals“ ist reich an Texturen und Effekten, sie fesselt auch ohne die Choreografie und die Visuals einer Bühnenaufführung. „Die Orchestermusik tritt aus einem elektronischen Nebel hervor“, beschreibt Martin West, Music Director und Chefdirigent des San Francisco Ballet Orchestra, die Partitur und lobt sie als „unverkennbar heutig und doch verwurzelt in der formalen Disziplin, die große Ballettmusik ausmacht.“ So steht etwa die lyrische Solovioline in „Hope“ in scharfem Kontrast zur Dissonanz und zur hämmernden Percussion von „Rage of the Gods“, während die feine Harfenmelodie in „Her Gift“ wie ein Moment des Innehaltens ist, bevor die bedrohliche Stimmung von „Opening of the Jar“ schließlich Unheil verheißt.
Gemäß der antiken Sage erhält Pandora, die der Göttervaters Zeus als erste Frau aus Lehm erschaffen ließ, neben Schönheit und Neugier auch ein Gefäß, später (wohl nicht ganz korrekt) als Büchse überliefert, das ihr zu öffnen streng verboten ist. Als sie dies dennoch tut, entkommt alles Unheil der Welt; nur die Hoffnung bleibt gefangen. Die Tragik der Pandora, die das Böse unabsichtlich in die Welt bringt, inspirierte Shepherd: „Jeden Tag gibt es eine neue Pandora, oder nicht? Eine neue Büchse, die geöffnet wird.“ Auch die Frage, welches Frauenbild sich in den Mythos eingewoben hat, tauchte im Schaffensprozess auf. „Die Übersetzungen von Pandoras Geschichte raubten ihr die Handlungsmacht. […] Bei Pandora geht es nicht darum, die Hölle auf Erden zu bereiten. Tatsächlich steht sie für Neugier und Wandel.“ Mit diesem Motiv erfindet das Ballett, bezugnehmend auf die Klimakrise, ein neues Ende des Mythos: In Gestalt eines Vogels steigt die Hoffnung aus Pandoras Büchse auf, der Planet jedoch, den sie umkreist, ist zu Asche geworden. Bleibt für uns einfache Sterbliche zu hoffen, dass wir die Büchse der positiven Erneuerungskraft endlich öffnen. Die Musik auf „Mere Portals“ jedenfalls würde auch Zeus und den anderen Göttern im Olymp gefallen.
Aus dem FAZEmag 175/09.26
Text: Csilla Letay
Foto: Dan Medhurst
www.floatingpoints.co.uk