Francesco by Marie Staggat 26


Im krassen Gegensatz zu seinem französischen Nachbarn ist das Großherzogtum Luxemburg zumindest in Sachen elektronischer Musik bisher nicht allzu auffällig in Erscheinung getreten. Die berühmte Ausnahme von der Regel stellt der Pianist, Komponist und Producer Francesco Tristano dar, der sich in seiner Arbeit absolut nicht zwischen Klassik und Techno entscheiden will. Und es auch gar nicht muss.

Konzerthalle oder Club? Johann Sebastian Bach oder Daft Punk? Gestern oder heute? Klavier oder Synthesizer? Klassik oder Electronica? Allesamt Fragen, die sich der Luxemburger Francesco Tristano noch nie gestellt hat. Ganz im Gegenteil: Als einer der gefragtesten klassischen Pianisten dieser Tage verknüpft der experimentierfreudige Thirtysomething auf seinen Releases immer wieder beide scheinbar völlig unvereinbaren Genres zu einem ungewöhnlichen Alt-meets-neu-Crossover, bei dem er die Grenzen zwischen U- und E-Musik aufweicht und oftmals sogar komplett verschwinden lässt. Tristano hat sowohl mit renommierten Ensembles wie dem Russischen Nationalorchester oder den Hamburger Symphonikern, als auch mit langjährigen Techno-Ikonen wie Carl Craig zusammengearbeitet. Auf seinem neuen Album „Body Language Vol. XVI“ verschmelzt der zwischen Luxemburg und seinem Studio in Barcelona pendelnde Sound-Visionär unter tatkräftiger Mithilfe von Kollegen wie Cardopusher, P41, DJ Pierre oder seinen Get Physical-Labelbossen M.A.N.D.Y. Deep House-Einflüsse mit französischem Barock zu einem hoch energetischen Electroklassik-Clubset. FAZEmag im Gespräch mit Francesco Tristano.

Du probierst dich ständig in immer neue Richtungen aus – die „reine“ klassische Musik scheint dir mittlerweile zu langweilig geworden zu sein …

Ich könnte gar nicht mit Sicherheit sagen, was der Begriff „Klassische Musik“ überhaupt beschreibt. Man muss bedenken, dass auch die klassische Musik zu ihrer Entstehung zeitgenössisch war. Die Frage ist, wann sie zur Klassik wird. Auch bei heutiger Clubmusik, insbesondere beim Detroit-Techno gibt es ja den Ausdruck „Instant-Classic“. Es geht also nicht um Langeweile, sondern darum, Dinge lebendig zu halten. Mich interessieren alle Formen von zeitgenössischer Musik – die Klassik gehört nach meinem Empfinden dazu. Mit meinen Tracks gebe ich klassischer Musik eine frische, zeitgemäße Interpretation.

Auf „Body Language Vol. XVI“ mixt du Klassik mit Techno – was hat elektronische Musik mit der Musik vergangener Jahrhunderte gemein?

Alles! Sowohl, was den Rhythmus, die Melodik oder auch die Harmonien angeht. Die ganze stilistische Sprache ist im Grunde die gleiche. Ohne Johann Sebastian Bach gäbe es heute keinen Techno. Der einzige, große Unterschied ist, dass der Sound elektronischer Musik von Synthesizern statt von einem Orchester generiert wird. Früher waren die Instrumente akustischer Natur, heute sind sie elektronisch. Das Schöne ist, dass ich seit meiner Arbeit mit elektronischer Musik im Umkehrschluss auch die akustische Musik völlig anders empfinde und wahrnehme. Ich sehe Bach heute ganz anders, als zu der Zeit, bevor ich mich mit Techno beschäftigt habe.

Also unterscheidest du gar nicht zwischen Klassik und elektronischer Musik?

Im Grunde nicht. Die Bestandteile beider Genres sind dieselben, nur die Präsentationsart der Musik hat sich über die Jahrhunderte geändert. Klassik hört man heute eher im stillen, getragenen Rahmen in einem Konzertsaal, während elektronische Musik in der Nacht beim Tanzen und Feiern erlebt wird. Auf meinem neuen Album hat mich besonders gereizt, mich in die Position des DJs zu versetzen und Tracks von befreundeten Artists zu spielen, denen ich meine ganz eigene Note hinzufüge.

Betrachtest du es als deine Mission, dem Clubpublikum die traditionelle Klassik näher zu bringen?

Die Bezeichnung „Mission“ ist ein großes Wort. Ich sehe mich eher als Handwerker oder Musiker, denn als ein Missionar. Ich verfolge keine pädagogische Mission; dafür gibt es andere Künstler. Ich mache verschiedene Formen von Musik. Fakt ist, dass sich die klassische Musik und auch die klassischen Institutionen in einer Krise befinden. Das typische Publikum der klassischen Musik stirbt langsam aus, das Interesse nimmt immer mehr ab. Die Jugend wächst nicht nach. Vielleicht trage ich auf meine Weise dazu bei, einem jüngeren Publikum eine Form der Klassik zu vermitteln. Aber es ist nicht mein Hauptanliegen.“

Wobei du dich mit „Body Language“ ganz klar auf eine junge Club-Zielgruppe ausrichtest …

„Body Language“ ist eine Art Hybrid. Ich spiele live auf die Tracks. Teilweise ist das Material live und improvisiert, teilweise vorproduziert. Das, was Künstler wie ich heute machen, ist sicher heute mehr Gang und Gebe, als noch vor zehn Jahren. Vielleicht stellen wir eine Art neue Generation dar, die mit ihrem Schaffen etwas zum Sound von heute beiträgt.

Was ist für dich die größte Herausforderung in der Beschäftigung mit der Mischung aus Klassik und Electronica?

Es gibt unzählige Herausforderungen. Die größte ist wahrscheinlich, sich immer selbst treu zu bleiben. Man ist ständig von Sachen inspiriert, die man irgendwo hört; ich versuche immer, eine gewisse Distanz zu wahren. Ich habe erst kürzlich eine ungefähre Vorstellung davon bekommen, was mein Signature-Sound sein könnte. Alles entwickelt sich ständig weiter und verändert sich. Meine Arbeit ist ein Work in Progress. Etwas Unfertiges, das sich wandelt. „Body Language“ und meine letzten Tracks auf dem Get Physical-Label gehen in eine Richtung, die ich in Zukunft noch ein wenig weiter erforschen will.

Dein Werdegang hat dich von Luxemburg an eine renommierte Musikschule nach New York und ebenso angesehene Konservatorien in Brüssel, Riga, Paris und Barcelona geführt. Entweder bist du extrem rastlos oder sehr ambitioniert …

Ich bin einfach sehr neugierig. Ob ich rastlos bin, müssen andere entscheiden. Ich denke, mein künstlerischer Lebensweg war bisher sehr logisch, alles hat auf dem nächsten aufgebaut. Ich war knapp 17 Jahre alt, als ich nach New York ging. Im Nachhinein betrachtet, war meine fünfjährige Zeit in NYC die perfekte Ausbildung für mein weiteres Schaffen. Irgendwann zog mich dann der Klang elektronischer Musik an. Ich kannte sie von Zuhause; meine Mutter hörte Platten von Pink Floyd oder Jean Michel Jarre. In New York habe ich mich dann richtig dafür interessiert.

Du arbeitest heute vorwiegend von deiner Wahlheimat Barcelona aus; eine Stadt, die nicht zuletzt durch das alljährliche Sónar-Festival eine Hochburg der elektronischen Musik darstellt. Hat das Leben dort einen großen Einfluss auf deine Musik?

Es gibt dort eine sehr gute Clubszene; ich könnte aber nicht sagen, ob es einen typischen „Barcelona-Sound“ gibt. Ich weiß nicht genau, ob die Stadt selbst irgendeinen Einfluss auf mich hat. In den letzten Jahren sind sehr viele DJs und Producer hier hin gezogen; auch sehr viele Deutsche wie Martin Buttrich. Einen typischen Sound hat dieser Ort aber bisher nicht entwickelt. Es wäre aber eine interessante Sache, einen tatsächlichen Barcelona-Sound zu definieren. / Claus Eysermann

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Foto: Marie Staggat
Interview aus dem FAZEmag 039/05.2015