Seit 1992, man könnte also fast sagen von Beginn an, gehört Frank Müller zu den aktiven Mitgestaltern der elektronischen Szene. Geboren und aufgewachsen im Sauerland und musikalisch geprägt durch die dort stationierte belgische und britische Armee, fand er über Umwege den Weg nach Berlin. Von der Hauptstadt aus erarbeitete er sich mit zahlreichen Dancefloor-Hits wie „Deebeephunky“ oder „Horizon“ weltweit einen Ruf – besonders in Asien avancierte Frank Müller über die Jahre zu einer Techno-Größe. Wir wollten mehr über den Szenepionier wissen und haben nachgefragt.

 

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Frank, bevor es für dich in Berlin losging, hast du einige Jahre in Holland gelebt. Was hast du dort getrieben und wieso wolltest du wieder zurück nach Deutschland? Unsere Nachbarn haben doch auch eine sehr ausgeprägte elektronische Musikszene.

Zu der Zeit, als ich dort war, habe ich mich hauptsächlich mit Umwelttechnik beschäftigt sowie mit Maschinenbau, aber natürlich spielte auch die Musik eine Rolle. Die Niederlande sind toll, aber leider auch klein. Zwar immer noch weitaus internationaler als das damalige Westdeutschland, aber musikalisch gesehen war es mir zu kommerziell ausgerichtet und weitab vom heutigen Status – mit ADE und vergleichbaren Festivals. Als dann die Mauer fiel, war klar, dass ich nach Berlin muss. Bei uns gab es lediglich in Den Haag eine sehr kleine Acid-House-Szene. In Berlin jedoch passierte damals einfach viel mehr und in einem wahnsinnigen Tempo. Abgesehen davon gab es auch keine Möglichkeiten, mal so eben eine Party in einem leerstehenden Gebäude zu starten. In Berlin, so schien es, war einfach alles möglich.

Anfang der 90er ging es also in die Hauptstadt und nur kurze Zeit später entstanden Beroshima und dein Label Acid Orange. Wieso eigentlich direkt ein eigenes Label?

Der Start von Acid Orange war natürlich völlig dilettantisch, aber die Entscheidung, ein eigenes Label zu gründen, stand sofort fest. Ich bin nicht der Typ, der irgendwo anklopft und fragt, ob es gefällt. Und da ich eher aus dem experimentellen New Wave komme, war ziemlich schnell klar, dass ich mit den bereits bestehenden Labels nicht viel anfangen konnte. Aber frischer Wind ist immer gut, und das gilt bis heute. Meiner Ansicht nach lebt ein Label dann entweder durch Beständigkeit oder durch ständige Veränderung und Reflexion des Zeitgeistes. Wichtig jedoch war und ist mir die totale musikalische Freiheit. Das sehr günstige Presswerk im Süden von Prag ermöglichte es uns und vielen anderen kleinen Labels, ohne großes Risiko Platten zu releasen, die heute aufgrund von Absatzbedenken kein Label mehr raushauen würde.

Der Name deines Labels Acid Orange erinnert direkt an Agent Orange, das während des Vietnamkriegs zum Einsatz kam.

Das hat damit nichts zu tun. Eine Überdosierung LSD lässt sich jedoch gut mit Vitamin C abmildern. Daher stammt der Name. Auf den alten Acid-Orange-Shirts stand hinten „Fuck Your Body“ und vorn „Beroshima“ sowie „Acid Orange“. Irgendein Amerikaner ist am Flughafen vor Schreck mal fast umgefallen, als er mich damit gesehen hatte. Er dachte, dort stehe „Agent Orange, Hiroshima und Fuck Your Bomb“. Hat zum Glück mit allen drei Dingen nichts zu tun.

Acid Orange sollte jedoch nicht deine einzige Plattform bleiben. Mit dem nächsten Label Müller Records wurde deine Karriere weiter angekurbelt.

Müller Records war ein wichtiger Schritt in Richtung Clubs und Dancefloor. Acid Orange hingegen war bedingungslos unkommerziell. Erst viele Jahre später fanden die Platten den Weg in die Plattenkisten der DJs. Es gab zu der Zeit jedoch schon eine weitgefächerte Interessengemeinschaft. Das Umfeld erstreckte sich von Spiral Tribe, den englischen Techno-Punks, bis zu vielen Berliner Produzenten. Auf beiden Labels haben retrospektiv doch viele verschiedene Artists veröffentlicht oder sogar eine Karriere gestartet. Mit Müller Records haben wir versucht, andere Strukturen zu nutzen, sei es beim Vertrieb, Verlag oder der Produktion. Das ging so weit, dass wir sogar extra-ausgekoppelte Releases in Japan, Malaysia und Brasilien hatten. Das ist heutzutage völlig unmöglich, da ein physikalischer Markt faktisch nicht mehr existiert.

Mit Beroshima Music entstand noch ein weiteres Label. 2007 dann dein Hit mit „Horizon“ – ein Meilenstein in deiner Laufbahn. Wie lief das damals ab?

Beroshima Music war ein nur sechs Releases andauernder Fluchtversuch vom eigenen Label Müller, da ich unerwartet meinen eigenen Labelnamen erst rechtlich erstreiten musste. Das hat jedoch super funktioniert und die damaligen Dancefloor-Hits gibt es ja nun wieder auf Müller Records. „Horizon“ erschien damals auf der B-Seite der „Corazon“-EP auf Müller Records. Irgendwann spielten Karotte und auch Väth den Track rauf und runter und so dauerte es nicht lange, bis ebendiese Nummer auch für Cocoon angefragt wurde.

Und die hat sich dann zu einer der meistverkauften Platten des Labels entwickelt. Warst du nie an einem Folgerelease auf Cocoon interessiert? Allgemein hast du ja eher selten bis nie Ausflüge zu anderen Labels gemacht. Wieso eigentlich?

Na ja, ich bin Vollblut-DJ und Live-Act und meine Erwartung, dass ich auch auf den Cocoon-Events spielen würde, war leider ein Trugschluss. Daher erschienen dann weitere Mixe und Originale auf dem ebenfalls großartigen UK-Label Soma Recordings und später wieder auf Müller. Releases auf anderen Labels machen nur Sinn, wenn es dich auch wirklich weiterbringt. Ist das nicht der Fall, kommt es einem Kontrollverlust gleich.

Welche Auswirkungen hatte „Horizon“ auf dein Dasein als DJ und Produzent?

Gar keine. Ich freue mich natürlich, wenn ich von Marcel Dettmann höre, dass er den Track wiederentdeckt hat und viel spielt. Ich muss mich manchmal selbst dazu zwingen, meine eigenen Tracks zu spielen, und bin dann überrascht, wie gut es doch funktioniert. Vielleicht sollte ich mal ein paar Sets nur mit eigenen Produktionen abliefern.

Welche Ereignisse und Erfahrungen haben dich und deinen Sound in der Vergangenheit besonders geformt und was hat heute noch oder wieder Einfluss auf dich?

Die 80er haben mich musikalisch geprägt und dazu gehören nicht nur Synth-Pop und Avantgarde-New-Wave, sondern auch Musik aus Detroit. Techno war die logische Konsequenz aus dieser musikalischen Vielfalt und ist letztendlich die einzige Musikform, die sich für mich technisch weiterentwickelt. Daher war und ist mir auch das momentane Schubladen- und Genre-Denken fremd. Mit Musik, egal welcher Art, lassen sich Emotionen und Gedanken vermitteln, für die es keine Sprache gibt. Nur Musik kann das. Und nur Musik kann Leute auf diese Art und Weise zusammenbringen.

Emotionen, Gedanken, Miteinander – gerade die Technoszene fußt doch noch auf unkommerziellen Werten. Wie passt das dann überhaupt zur Industrie? Wie siehst du das?

Ich denke, da wurde etwas zu viel hineininterpretiert. Finanziell ist es nicht unbedingt einfacher geworden und von großartigen Werten kann letztendlich auch niemand leben. Die industrielle Vermarktung ist in vollem Gange, ob es einem gefällt oder nicht. In Japan ist der Trend jedoch sehr rückläufig. Viele Clubs machen zu und die Läden, die überleben, haben es zunehmend schwerer.

Aber?

Ein guter Track ist immer noch ein guter Track. Alten Mechanismen nachzutrauern, die mal funktioniert haben, macht keinen Sinn. Neue Technologien ermöglichen auch neue Strukturen. Heute kann man sich am Ende der Welt jedes beliebige Album, jedes Video runterladen, und das ist großartig. Wäre nur schön, wenn in der Wertschöpfungskette auch die Protagonisten etwas verdienen könnten. Mich stört allerdings, dass immer mehr Leute den Markt beeinflussen, die dort eigentlich nichts zu suchen haben. Das ist scheinbar der natürliche Weg, wenn eine Szene zur Industrie mutiert.

Zurück zu dir, Frank, denn in den nächsten Wochen und Monaten erscheinen einige interessante EPs von dir. Auf dem eigenen Label Müller Records, aber unter anderem auch auf Rødhåds Dystopian. Wie kam es dazu?

Einer meiner etwas älteren Tracks wird von den Jungs rauf und runter gespielt und da lag es nahe, den Track wieder mit entsprechendem Support rauszuhauen. Die machen einen guten Job und stehen für qualitativ hochwertigen sowie straighten Techno. Die neu bearbeiteten Mixe sind vielversprechend, aber ich will noch nicht zu viel verraten. Auf Müller werden nach den beiden aktuellen EPs noch eine Compilation mit den Tracks vom Mad Musician Label erscheinen sowie das mit Ulrich Schnauss produzierte, aber verloren gegangene Album „Real 2 Real“. Endlich auch auf Vinyl und auf Müller Records. Also da, wo es hingehört.

Wie steht es um zukünftige Gigs? Du sagst ja selbst, dass du sowohl DJ als auch Live-Act bist. Wird es bei zukünftigen Sets auf eine Art Hybrid rauslaufen oder trennst du das lieber? Wie sieht denn dein Live-Act aus?

Als DJ kann ich anders agieren und kann besser mit dem Dancefloor spielen – und es gibt einfach so unglaublich viele tolle Platten. Acht Stunden aufzulegen, ist machbar, aber als Live-Act spürt man dann doch oft das zeitliche Limit. Live spielen ist etwas anderes, es erfordert ein anderes Konzentrationslevel. Da mag ich es rough – und wenn Fehler passieren, ist es umso besser. Techno darf das! Hybrid ist meiner Ansicht nach die Master-Class. DJing, gepaart mit Drum-Machines oder ähnlichen Spielzeugen. Das macht einfach unglaublichen Spaß.

 

Aus dem FAZEmag 081/11.2018
Text: Gutkind
Foto: Nadia Morganistik
www.beroshima.bandcamp.com

 

 

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