Funkstörung – Sie funken wieder!
Es hat wieder gefunkt! Nach einer zehnjährigen Pause bringt das Duo „Funkstörung“ ein neues Album raus. Es ist die vierte Studioplatte und am 26. Juni bei Monkeytown Records erschienen. Die Rosenheimer Glitch Hop-Pioniere docken mit charakterstarken elektronischen Popstücken da an, wo seinerzeit nach dem letzten bereits popangehauchten Album aus der Funkstörung eine Funkstille wurde. Rückblickend ist es denkwürdig, dass die letzte gemeinsame Produktion „Disconnected“ hieß: Kurze Zeit später ging Chris de Luca nach Berlin, Michael Fakesch blieb in Rosenheim. Der Versuch, über die Distanz weiter zu machen, scheiterte. Aufgrund von persönlichen Differenzen kam dann die endgültige Trennung. Beide gingen technisch und musikalisch Solowege.


Wie ein Ausrufezeichen hinter der Reunion nimmt es sich daher aus, dass die Jungs ihr 14 Tracks fassendes Neuwerk genau so genannt haben wie auch ihr Projekt selbst heißt: „Funkstörung“. Chris lebt mittlerweile seit zwei Jahren wieder in Rosenheim, nur ein paar Hundert Meter von Michael entfernt. Wieder connected, meldet sich das Zweiergespann mit einem harmonischen Reunion-Debüt zurück. Es ist ein Gesamtpaket aus eingängigen, fragilen und zugleich wuchtigen elektronischen Melodien mit Profil, die sich vor prägnanten Basslines und vielseitigen Vocals spielerisch und mehrbödig entfalten. Die Genetik von Funkstörung scheint durch das gesamte Album durch, das jedoch insgesamt entspannter, gereifter und mit einem guten Schuss Pop daherkommt. „Wir empfinden das Album auch als sehr poppig. Aber Pop ist nicht zwangsläufig eine Beleidigung“, sagt Michael lachend. „Wir haben einfach so herumprobiert. Da noch ein Vocal drüber legen … und hier … und auf einmal war es so. Es ist einfach passiert, wir können gar nichts dafür. Ich höre normal nicht so viel Popmusik, aber in der Kombi finde ich es super.“ Gerade das Herumprobieren, sich nicht auf einen Stil festlegen zu lassen, findet auch Chris wichtig: „Wir haben früher schon alles Mögliche gemacht. Die Leute können nie wirklich erwarten, was von uns kommt. Jetzt haben wir die ganze Effekthascherei zurückgestellt. Wenn man das aktuelle Album mit ‚Disconnected’ vergleicht, kann man da eine Art Weiterentwicklung sehen.“ Beim Herumexperimentieren, mal in Michaels, mal in Chris’ Studio, sind auch zahlreiche neue HipHop-Stücke entstanden: „Das ist ja für uns immer mit der größte Einfluss gewesen. Wir haben genau so wieder angefangen, einfach ein wildes Sammelsurium gemacht. Wir fanden die HipHop-Sachen super und die Pop-Sachen auch, aber es hat nicht so zusammengepasst. Und an irgendeinem Punkt mussten wir uns entscheiden, was wir jetzt weiterverfolgen“, erklärt Michael und Chris ergänzt: „Da ist noch reichlich Material, vielleicht machen wir da noch ein Extra-Projekt aus.“ Wie früher sind die beiden Jungs voller Ideen, spinnen herum, spielen sich gegenseitig Musik vor oder schicken sie übers Internet, wenn mal der Gang durch die Tür an der Bequemlichkeit scheitert, wie sie selbstironisch erzählen. Michael betont aber: „Für uns ist es schon wichtig, dass wir lokal, also in der Nähe von einander sind.“ Mit Chris’ Rückkehr nach Rosenheim allein war aber die Reunion noch nicht gemacht. „Wir haben uns gar nicht mehr gesehen und gehört zehn Jahre lang, auch als ich zurück war nicht“, erzählt Chris. „Damals haben wir ja schon zehn Jahre zusammen Musik gemacht, wir waren fast jeden Tag zusammen und irgendwann hat man sich auch ein bisschen satt. Wir haben uns am Ende nicht mehr so gut verstanden. Deshalb war es im Nachhinein ganz gut, dass man sich so eine Auszeit genommen hat. Das klingt jetzt fast schon wie eine Beziehung (lacht).“ Bei der tatsächlichen Zusammenführung der beiden hatte Andi Thoma von Mouse on Mars seine Finger im Spiel. „Andi plante für Mouse on Mars eine Jubiläumsplatte, ‚21 Again’, und wollte gerne eine Kollaboration mit Funkstörung machen. Und da meinte Michael: ‚Ja, nee, das geht gar nicht, wir haben seit zehn Jahren nicht gesprochen’ und dann meinte Andi: ‚Ich ruf ihn an, das krieg ich schon hin’ und Michael schließlich: ‚Wenn, dann mach ich das selbst.’ Das war natürlich ein bisschen überraschend erstmal, aber es war genau so wie damals, wir haben uns gut verstanden und die Streitereien beiseite gelegt. Dann haben wir gesagt: Ach, probieren wir das einfach mal und haben zusammen den Track gemacht für Mouse on Mars und gemerkt, das läuft wieder wie geschmiert: Lass uns wieder zusammen Musik machen. Seitdem machen wir das also und es macht superviel Spaß und jetzt ist das Album fertig bei Monkeytown und los gehts“, erzählt Chris. Es wird deutlich, dass sich eigentlich nichts verändert hat, wie auch Michael meint: „Es war echt eine Zeitreise. Mit allen Höhen und Tiefen, wir haben uns ja auch vom Typ her nicht verändert. Ich bin ein wenig überkorrekt und Chris ist halt Italiener (lacht). Ich bin mehr so der Kopf und Chris der Bauch von Funkstörung und das ergänzt sich gut. Naja, und es war auch irgendwie unsere Art Midlife Crisis, andere kaufen sich einen Porsche und wir machen wieder Musik (lacht).“ Selten ist so eine Midlife Crisis solch ein Glücksfall. / Csilla Letay

www.funkstorung.com
Aus dem FAZEmag 041/07.2015