Gayle San, made in Singapur und in den frühen Neunzigern eine aufstrebende Techno-Künstlerin mit Wohnsitz in London, die sich schnell etabliert hat. Gründung eines eigenen Labels, aktiv als Resident-DJ in Londoner Clubs wie dem Club UK oder dem Complex und legendäre Nächte im Frankfurter Omen – ihr guter Ruf als DJ verbreitete sich rasant, und zwar rund um den Globus. Aktuell wohnt Gayle San in der Nähe von Stuttgart und konzentriert sich auf Tätigkeiten außerhalb der Musik, ohne aber die Auflegerei unter den Tisch fallen zu lassen. Neben ihrer großen Leidenschaft für das Fallschirmspringen spricht sie mit uns auch über die Einteilung ihrer Lebenszeit, weibliche Techno-DJs sowie über die Vor- und Nachteile der sozialen Netzwerke.

gayle san
Singapur, England, Deutschland, USA: Wo ist das Zentrum deines Lebens? Wo bist du zu Hause?


Ich kann immer noch nicht genau sagen, wo mein Zuhause ist, denn im Laufe der Jahre war es immer phasenweise woanders. In den letzten Jahren waren Florida und Deutschland meine regelmäßigen Hauptwohnsitze aufgrund meiner Geschäftsprojekte.

Wie bist du zu deinem Hobby Skydiving gekommen und seit wann betreibst du diesen Sport?

Man glaubt es nicht, aber ich hatte mal Angst davor, zu meinen Auftritten zu fliegen; das war vor Jahren noch ein Trauma für mich, besonders bei schlechtem Wetter. Meine Fallschirmspringerfreunde haben mir gesagt, ich könne meine Flugangst loswerden, indem ich aus einem Flugzeug springe. Ich habe ihnen gesagt: „Verdammt noch mal, nein!“ Aber dann dachte ich: „Warum nicht?“ Ich musste ja meine Flugangst loswerden. Also fing ich mit Tandemsprüngen an. Natürlich wurde ich süchtig und entschied mich für Fallschirmsprungkurse, die ich auch erfolgreich bestand. Mittlerweile habe ich meine Fallschirmspringerlizenzen.

Du spielst oft und viele Gigs in Deutschland. Aber welchen Club empfiehlst du uns in Singapur?

Mit den weltweiten Gigs und Touren hörte ich vor Jahren auf, weil mir die Reiserei zu viel wurde. Als bessere Option für mich empfand ich Deutschland und die umliegenden Länder. Ich spielte vor vielen Jahren im Zouk Club in Singapur, der aber mittlerweile sehr kommerzialisiert zu sein scheint. Großartig war es auch, im Womb in Tokio zu spielen!

Es gibt mittlerweile viele neue weibliche DJs. Wie siehst du diese Entwicklung?

Vor 25 bis 28 Jahren, als ich anfing, sagte ich immer, dass es mehr weibliche Techno-DJs geben sollte. Im Laufe der Jahre sind dann auch immer mehr weibliche DJs in die Szene gekommen, was großartig ist – es ist nun keine männlich dominierte Szene mehr. Natürlich sind DJ-Fähigkeiten seit jeher wichtig. Hat man die Clubs mit seinen Mixing-Fähigkeiten gerockt, wurde man dank Mundpropaganda gebucht. Es ist wichtig, weibliche DJs in der Techno-Szene zu haben, aber es ist auch wichtig, dass weibliche DJs aus den richtigen Gründen in die Szene kommen. Es erfordert Know-how und sollte nicht nur als Alternative zu dekorativen Blumentöpfen oder als Attraktion auf der Bühne gesehen werden. Weibliche DJs sollten mit männlichen DJs auf gleicher Stufe stehen. Es ist toll, zu sehen, dass es mehr aufstrebende weibliche DJs gibt. Leider gibt es nur wenige „echte“ DJs, dafür aber viele „gemanagte und kommerziell kultivierte“ weibliche DJs in der Szene. Es geht darum, die echten DJ-Talente zu erkennen, zu filtern und diese dann authentisch auf die Bühne zu bringen – und nicht nur diejenigen, die es für den Ruhm tun.

Techno im Jahr 2018. Wie siehst du die steigende Popularität?

In den letzten 18 Jahren, als sich die Leute die Frage stellten, ob Techno sterben würde, sagte ich stets: „Techno wird immer präsent sein. Das ist sicher.“ Aber ich sehe auch, dass die Popularität immens steigt. Es ist ziemlich kompliziert, das zu beantworten. Besonders die letzten sieben bis acht Jahre war es schwer für mich, Tracks zu finden, die mich begeistern konnten, da gab es nur wenige. Es klang einfach alles gleich, im Gegensatz zu House, Bigroom und Tech-House. Es wurde ziemlich verwirrend. Ja, die ganze Musik ist verschmolzen, und das ist auch okay so. Produzenten hatten Ideen, wollten alles zusammenführen, aber die innovativen Techno-Ideen blieben aus. Man konnte wie in einem Süßigkeiten-Laden Sounds und Melodien kaufen. Manchmal war es für mich eine Qual für die Ohren: Die Top-100-Techno-Charts – und alles klingt gleich. Ich war überrascht, wenn ich dort ein bis zwei gute Melodien entdeckte. Popularität von Techno? Es wird wohl einfach so weitergehen, mit einem monotonen und sich wiederholenden Stil.

2018 gab es schon ein paar Remixe von dir. Wann können sich die Fans auf ein neues Album freuen?

Aktuell habe ich keine Pläne für ein Album, da ich anderen Tätigkeiten außerhalb der Musikszene nachgehe. In die Musik investiere ich etwa 30 Prozent meiner Zeit. Ich arbeite aber an einigen Remixen und EPs.

Du bist kein großer Fan von Social Media. Kann denn ein Künstler heute noch ohne soziale Medien auskommen?

Social Media waren noch nie mein Ding. Ich musste vor Jahren gezwungen werden, bei Facebook aktiv zu werden. Seit acht bis zehn Jahren, seit die Social Media unser Leben traurig angesteckt haben, stellt sich, denke ich, die Frage, ob man Künstler ist oder ein Geschäft führt. Mit Werbung ein Produkt verkaufen. Ich dachte eigentlich, es würde von den persönlichen Zielen eines Künstlers abhängen: Was und wie viel sie erreichen wollen beeinflusst das, was schlussendlich über die sozialen Netzwerke geteilt wird. Bei allen jungen, neuen Künstlerinnen und Künstlern sind Social Media heutzutage sehr gefragt. Sie sind eine Notwendigkeit, um sich selbst präsentieren zu können. Es gibt das ständige Bedürfnis, mehr Anhänger zu bekommen. Mehr Beliebtheit, um gebucht zu werden. Die Tatsache, dass Clubs und Promoter die Social-Media-Referenz bei der Buchung von Künstlern anhand der Anzahl der Follower checken – echte DJ-Fähigkeiten werden sekundär. Die sozialen Medien haben es im Laufe der Jahre geschafft, DJs, Künstler, Jugendliche nicht nur zu manipulieren; sie messen nun auch ihren Wert an ihrer Social-Media-Aktivität. Die Frage, ob ein Künstler ohne Social Media auskommt, ist also eine Frage der persönlichen Ziele und Bedürfnisse des Künstlers. Ich weiß, einige können das und andere sind einfach nur verzweifelte Sklaven.

Was sind mittelfristig deine persönlichen Ziele für dieses und nächstes Jahr?

Mein Ziel war es, meine Business-Projekte außerhalb der Musik, denen etwa 70 Prozent meiner Zeit gehören, mit den 30 Prozent für DJ-/Musikarbeit in Einklang zu bringen – und das habe ich innerhalb der letzten vier bis fünf Jahre erreicht. Nach 25 Jahren als DJ ist es der beste und natürlichste Weg für mich, meine Geschäftsprojekte weiter auszubauen und parallel dazu meine bereits reduzierten DJ-Gigs in perfekter Harmonie zu genießen!

Wo können wir dich in den nächsten Monaten erleben und spielen sehen?

Es ist Festival-Saison. Im Juli bin ich zurück beim „Tanz der Bässe“-Musikfestival in Lampertheim, im August geht’s nach Bosnien zum Techno-Festival, in die Elektroküche nach Köln und ebenfalls auf der Liste stehen die „Decibel club night“ in Dillingen, der Palais Club in München und das Strom-Event in Köln, um nur einige zu nennen.

Aus dem FAZEmag 077/07.2018 
Text: Christian Zercher
Foto: T. Mardo

 

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