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Kein Alkohol, keine Drogen, keine Zigaretten. Morgens um halb neun klingelt werktags der Wecker und spätestens um Mitternacht liegt George Perry in den Federn. Da könnte glatt der Eindruck aufkommen, er sei spießig. Aber: weit gefehlt! Der Frankfurter ist die personifizierte coole Socke. Kumpeltyp. Authentisch. Sympathisch. Ein Techno-DJ, weit weg von Starallüren.
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ch erreiche den musikalischen Tausendsassa im Auto. Ein telefonisches Come together. Ein netter Plausch über die guten alten Zeiten, das Hier und Heute und die nahe Zukunft. Über Vinyl und MP3. Über seinen neuesten Remix, seine erste Platte, seine 60 000 Platten und seinen größten Gänsehautmoment.

Heute ist Freitag, der Dreizehnte. Bist du abergläubisch?

Nein. Sollte mir heute eine schwarze Katze über den Weg laufen, wäre mir das völlig egal. Wenn etwas passieren soll, passiert es ohnehin. Egal, an welchem Tag.

George Perry – das ist entweder ein richtig cooler echter Name oder ein gut gewähltes Pseudonym.

(lacht) Letzteres. Zu dem Künstlernamen kam es, als ich in einem Club in Barcelona spielte und der Veranstalter meinen richtigen Namen nicht aussprechen konnte: Jörg Petry. Statt „Jörg“ sagte er immer „Jorge“. Somit war es zu „George“ kein weiter Weg. Dann habe ich noch das „T“ in meinem Nachnamen durch ein „R“ ersetzt und schon war ich George Perry.

Lass doch mal das Jahr Revue passieren. Was hast du so gemacht?

2017 war eins meiner stärksten Jahre. Ich hatte viele Bookings, Produktionen und Remix-Aufträge. Auch mein eigenes Label, District Underground, konnte ich weiter auf Erfolgskurs bringen. Zudem habe ich meinen Fokus auch auf meine Beratertätigkeit gerichtet. Da ich mich schon sehr lange ausgiebig mit Musik befasse, habe ich ein gutes Gespür für neue Acts. Ich gucke weit über den deutschen Tellerrand hinaus und verfolge die Szene weltweit. Somit pushe ich gerne mal kleinere Namen, die nicht in einem Atemzug mit Felix Kröcher oder Format:B genannt werden. Und die connecte ich mit Veranstaltern und Labels.

Du hast in den 80ern angefangen, intensiv Musik zu hören. Soul und Funk. In den 90ern hast du in den elektronischen Bereich geswitcht und deine Zeit als DJ begann. Wie kam der Wandel?

Unter anderem mit Depeche Mode. Meine ersten Gigs hatte ich dann im Dorian Gray und in unzähligen Frankfurter Clubs. Die haben mich geprägt. Und der schmale Weg wurde breiter, sinnbildlich gesprochen. So war ich zwölf Jahre lang Resident im Parkcafé Wiesbaden, einer Institution. Dort fanden mittwochs immer legendäre Techno-Events statt – mit Sven Väth, Carl Cox oder Paul van Dyk an den Reglern. Außerdem war ein Bekannter von mir Resident-DJ im Wiesbadener Club Charles. Nachdem er aufgehört hatte, habe ich seinen Posten übernommen.

„Früher war alles besser“, sagen viele. Da gab es noch Musik zum Anfassen: Vinyl. Heute sind alle DJs längst auf den Weg nach „Digitalien“ abgebogen. Wie stehst du zu dieser Entwicklung?

Es ist halt die Zeit. Früher gab es das Nokia 3210, heute gibt es das iPhone. Genauso lässt sich die Entwicklung auf den Musikmarkt übertragen. Ich liebte es, mit Vinyl aufzulegen. Aber der Umstieg fiel mir nicht schwer. Ich habe es hautnah miterlebt, wie das Vinyl von der CD und später dann von USB und Laptop abgelöst wurde. Ich bin direkt auf diesen neumodischen Zug aufgesprungen, weil mir irgendwie klar war: Es steht eine neue Ära bevor. Ich habe dann den Großteil meiner 60 000 Platten verkauft – an eine einzige Person, die sie mit zwei Lkw abholen ließ. Meine Leckerlis an Platten (rund 10 000 Stück) habe ich aber behalten.

In Zeiten des Vinyls war vieles besser, heute ist vieles einfacher. Gerade, was das Reisen angeht. Du musst keine 30 Kilo schweren Plattencases mehr mit dir rumschleppen. Heute hat man einen Laptop oder man legt – wie ich – mit USB-Stick auf. Auf dem sind zwischen 800 und 1000 Tracks, auch viele Classics. Die baue ich liebend gerne in meine Sets ein, wie „Acid Phase“ von Emmanuel Top oder „Trommelmaschine“ von Der Dritte Raum. Gespielt vom Stick, nicht von der Platte. Es ist ja lediglich das Medium, das sich geändert hat, um die Musik transportieren zu können. Einziger Minuspunkt: Früher sind wir in den Plattenladen gegangen und hatten Tracks, die nur wenige andere Leute auf der Welt besaßen. Stichwort limitierte Pressung. So konnte man sich als DJ abheben. Heute sind alle Tracks weltweit online verfügbar.

Lass uns mal, um ins Heute zurückzukommen, über deinen neuesten Remix sprechen. Du hast mit einer Ikone zusammengearbeitet. Mit wem? Und wie kam es zur Kollaboration?

Gayle San kenne ich schon lange. Wir haben oft zusammen aufgelegt. Sie hat auch lange hier bei mir in der Nähe gewohnt, in FFM. Ich sagte zu ihr: „Wenn du mal einen Track hast für mein Label, schick rüber.“ Dann kamen vor Kurzem zehn Tracks von ihr bei mir an und ich sollte mir einen aussuchen. „Bitchcraft“ ist es geworden. Daraus entstand mein George-Perry-Remix, ein grooviger Technotrack mit langem Break. Ich liebe Breaks und baue sie sehr gerne ein, um Emotionen zu generieren und eine Atmosphäre zu schaffen. Das ist ja auch ein bisschen mein Markenzeichen. Dann habe ich noch die Jungs von Drumcomplex ins Boot geholt und fertig war die „Bitchcraft“-EP, die am 30.10. erscheinen wird.

Du bist nicht nur DJ und Produzent, sondern auch Labelbesitzer. Viele gründen ein Label, um den Sound zu veröffentlichen, den sie in der Form bei keinem anderen Label finden. Oder auch, um unabhängig zu sein und eigene Tracks zu releasen. Zudem wollen sie Newcomern eine Plattform bieten. Der Grund bei dir?

Eine Mischung aus allem. Mein erstes Release auf meinem Label District Underground war am 15.12.2014, eine Acid-Nummer. Ich hatte bis dato schon ein großes Netzwerk, viele Remixe gemacht und kannte auch zahlreiche Newcomer, die es – wie ich fand – zu fördern galt. Ich wollte mir selbst eine Base geben, um zu veröffentlichen, was mir gefällt. Egal, ob die Produktion meine eigene oder eine von anderen Künstlern ist. Grundsätzlich: Ich höre in alles rein, was mir geschickt wird. Dann entscheide ich, ob es mir gefällt und ob es sich verkaufen lässt.

Wie sieht deine Planung bis Ende des Jahres aus?

Morgen habe ich einen Gig in Mannheim im MS Connexion, unter anderem mit Alex Bau und Drumcomplex. Fünf Floors, 30 DJs. Nächste Woche spiele ich auf der „Move“ in Frankfurt. Das ist im Tanzhaus West die größte Veranstaltung mit hochkarätigem Line-up. Und ich bin dort immer Resident. Dann kommt noch das AMEN-Festival in Gießen, auf dem auch Gayle San und Kerstin Eden auflegen. Im Dezember erscheint meine „Rhodamin“-EP auf dem Label von Spartaque. Und dann ist bald Silvester. Aber das gehört mir privat. No Gigs.

Was fällt dir spontan zu folgenden Stichpunkten ein?

Meine erste Platte …

… war „Gold“ von Spandau Ballet. Nein, warte! „Hey Little Girl“ von Icehouse.

 Ach, großartig. Da gab es mal einen sensationellen Remix.

Genau, von Mathias Schaffhäuser.

Am liebsten würde ich einmal zusammenarbeiten mit …

… Carl Cox, Adam Beyer.

Mein längstes Set war …

… sechs oder sieben Stunden lang, im U60311. Dort war ich auch acht Jahre lang Resident-DJ. Der Laden hat ja um 22:00 Uhr auf- und am nächsten Tag um 18:00 Uhr zugemacht. Da konnte man lange, lange Sets spielen. 

Mein größter Gänsehautmoment war …

… Ende 2016 in Holland, in einer Kathedrale. Das hatte ich noch nie. War ein Mega-Highlight. Man ist hinten aus einem Raum gegangen, musste eine schwere Holztür öffnen und stand auf einer Art Kanzel. „Hidden Monastary“ hieß das, in Ottersum.

Sushi oder Schweinebraten?

Schweinebraten! Sushi mag ich nicht.

Was du immer schon mal loswerden wolltest:

Techno ist perfekt, um Menschen zusammenzuführen. Egal, welche Nationalität oder welchen sozialen Stand sie haben. Durch Techno ergibt sich das Gefühl der Zusammengehörigkeit.

Aus dem FAZEmag 069/11.2017
Text: Torsten Widua
Foto: Sarah Dussa
www.georgeperry.de