Mehr als 100 Gold- und Platinschallplatten. Drei Oscars. Vier Grammys. Zig Millionen verkaufte Tonträger weltweit. Die Biografie von Giorgio Moroder liest sich wie ein wahrgewordenes Märchen mit happy End. Mit 78 Jahren haben sich Pioniere der weltweiten Musikindustrie eigentlich längst zur Ruhe gesetzt, fahren mit dem Club-Caddy über den Golfplatz, schlürfen Champagner und essen Kaviar, und verwalten ihr Vermögen. Nicht so der gebürtige Südtiroler. Der zieht es vor, im fortgeschrittenen Alter noch einmal auf die Bühne zu gehen. Und dann gleich mit einer Premiere: Die Disco- und Synthesizer-Legende startete im Frühling 2019 mit „Celebrations of the 80s“ die erste Live-Konzert-Tournee seines Lebens – und machte am Samstag, den 13. April 2019, auch Halt in der Düsseldorfer Mitsubishi Electric Halle. Ein Abend mit Klassikern aus den 1970er und 1980er Jahren, allesamt geschrieben, produziert und / oder koproduziert von dem Mann, der seit rund 40 Jahren seinen Hauptwohnsitz in Los Angeles hat und nur noch in die Dolomiten reist, wenn ihn das Heimweh und die Sehnsucht nach den Bergen packt. Ob es denn einen einzigen Titel am besagten Abend gab, den man nicht kannte? Nein. Alle bereits gehört.

Als Giorgio Moroder mit Donna Summer´s „I Feel Love“ die weltweit erfolgreichste Produktion der 1970er Jahre aus Deutschland releaste, war der Autor dieses Artikels -1 Jahre alt. Ergo: Er wurde erst ein Jahr nach 1977 geboren. Moroder selbst war damals 37, als er mit diesem Welterfolg den Grundstein einer exorbitanten Produzentenkarriere legte. Seine Musik, aber auch sein schwarzer Schnauzer und die verspiegelte Sonnenbrille – sie gingen um die Welt. Heute trägt er zwar immer noch einen Oberlippenbart, doch der ist mittlerweile weiß. Und die Sonnenbrille zog er beim Konzert in der Düsseldorfer Mitsubishi Electric Halle nur an, wenn das Discolicht flackerte. Aber: Zurück auf Anfang.

Die Bühne, in schwarz gehüllt. Lediglich ein weißer „Griorgio Moroder“-Schriftzug auf der in neonblau getünchten LED-Wand darüber. Diverse Synthesizer, Drum-Sets, Percussion, Gitarren in vielen Variationen. Vier Mikrofonständer, fünf Stühle für ein Streich-Orchester. Bass, Keyboards, und im Zentrum der Bühne: eine Art DJ-Pult, wie man es von großen Festivals kennt, mit frontjustierter LED-Fläche. Licht aus, Spot an. Die Band schleicht möglichst sanft und unsichtbar heran, nimmt ihren Platz ein. Ein Intro. Dann betritt der Meister die Bühne, greift zum Mikro und shoutet „Looky, Looky“, ein Song aus den 1960er Jahren. Wenig später die Begrüßung und das Statement, dass in Düsseldorf die elektronische Musik erfunden wurde. Klar, wer gemeint ist.*

Allerdings: Wer kam denn bitte schön auf die Idee, aus dem Konzertareal einen Theatersaal zu machen, indem die Fläche komplett bestuhlt war, die man doch viel besser als Dancefloor hätte verwenden können?! Was heißt „hätte“? Das Publikum blieb nicht lange sitzen. Schade nur, dass man aufgrund der Bestuhlung wenig Platz zum Tanzen hatte. Aber egal, recht eng war es ja auch damals schon, im Studio 54 in New York, wo viele der Discoklassiker Moroders liefen – mit der ungekrönten Discokönigin Donna Summer im Live-Line-up, die dort quasi zum Stamm-Ensemble gehörte, wenn man so will. Ein ganz besonderer Augenblick war Moroders Hommage an die 2012 leider viel zu früh verstorbene Donna Summer und an David Bowie, der vor drei Jahren gehen musste. Auf der großen Wall liefen Originalvideos der beiden Musik-Koryphäen, mit denen Giorgio Moroder zusammenarbeitete. Apropos Koryphäen: Auf seine Kooperation mit Daft Punk war Moroder sichtlich stolz, und erfreute sich, die Nummer als Non-Vocal-Version anzupreisen.

Immer wieder zwischendurch griff der 78-Jährige zum Mikro und plauderte aus seinem erfahrungsreichen Nähkätchen. Über die Zeit mit Donna, mit Freddie Mercury und Queen, mit Bowie. Und darüber, dass er Donna Summer 14 Minuten lang zum Stöhnen brachte und sicherheitshalber deren Ehemann aus dem Studio verbannte, damit sie sich besser konzentrieren konnte – bis die Aufnahmen zu „Love To Love You“ im Kasten waren. Der Arrangeur und „Dirigent“ Moroder, der seiner Band das musikalische Zepter überreichte und es ihr den gesamten Abend überließ – er nahm er die Rolle des zurückhaltenden Storytellers ein, statt sich ins Rampenlicht zu positionieren. Er ist – mit Verlaub und voller Respekt und Hochachtung gesagt – in die Jahre gekommen. Im Gegensatz zu seinem unverwechselbaren Sound. Der funktioniert 2019 noch genauso gut wie damals. Pure Gänsehaut bei den Gästen, als das Instrumentalstück „Chase“ aus den Speakern erklang. Aber klar, die beste Stimmung kam natürlich bei den Donna-Summer-Klassikern auf. „Love To Love You“, „Hot Stuff“, „On The Radio“ und „Bad Girl“, um nur ein paar zu nennen. Und so professionell und emotional ausdrucksstark die Background-Sängerinnen ihren Job auch machten – man sah doch irgendwie stets die echte Donna vor seinem geistigen Auge auf der Bühne stehen. Sie machten ihren Job aber mehr als nur souverrän. Absolut überzeugend. Ist auch schwer, in die Fußstapfen der Disco-Queen zu treten. Doch die Schuhe von Donna, die sich die Vokalisten angezogen haben – sie passten.

Es wurde allerdings nicht nur getanzt, sondern auch gekuschelt, in Düsseldorf: Zur Filmmusik aus „Top Gun“ („Take My Breath Away“) und zu „Neverending Story“ aus „Die Unendliche Geschichte“. Nach einer Reihe von Zugaben dann der letzte Song des Abends. Mit „Call Me“ verabschiedet sich die Disco-Legende nach 105 Minuten in die Nacht.

* Kraftwerk
(C) Fotos: Torsten Widua / Sandra Walter

Ein ausführliches Interview, das ich im Februar 2019 mit Giorgio Moroder geführt habe, findet man hier:

Giorgio Moroder – das große Interview vor der Live-Tournee 2019

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