Als ihre Karriere gen Ende 2019 so richtig an Fahrt gewann, wurde bekanntermaßen nur wenige Wochen später nicht nur die gesamte elektronische Szene, sondern vielmehr nahezu der gesamte Globus von der Corona-Pandemie überschattet und stillgelegt. Doch nun, mit etwas Verspätung, starten Kirill und Evgeny aus St. Petersburg ihren verdienten Siegeszug durch Clubs und Festivals. In seiner Heimat zählt das Duo bereits jetzt als famos, seine Produktionen auf international renommierten Labels sorgen dafür, dass der Bekanntheitsgrad der beiden auch über die Landesgrenzen Russlands hinaus steigt. Mit ihrem Depeche-Mode-Sample „It’s A Lot“ gelang dies schon auf beeindruckende Art und Weise.

„Goom Gum“ ist der Name eines Science-Fiction-Films für Kinder, der 1985 in der Sowjetunion gedreht wurde. Was fasziniert euch an dem Film so sehr, dass ihr euch sogar als Künstler so betitelt?

Kirill: Der Held des Films „Goom Gum“ ist ein Junge, der von einem anderen Planeten zur Erde geflogen ist. Dort gehen die Kinder weder zur Schule, noch helfen sie ihren Eltern. Sie haben im Prinzip nur Spaß und tanzen, ihre Kindheit ist quasi sorglos. Ein Junge namens Goom Gum möchte, dass die Kinder auf unserem Planeten keine Sorgen haben und einfach leben können. Wir möchten auch, dass die Leute, die unsere Musik hören, ihre Probleme vergessen und sie mit unseren Tracks aufheitern. Tanzt und habt Spaß, so, wie es immer bei unseren Auftritten ist!

Erzählt uns etwas über euren persönlichen Werdegang sowie eure größten Einflüsse.

Evgeny: Als wir uns kennenlernten, produzierte einer von uns souligen House, der andere Electro-House. Das war 2006. Wir haben versucht, etwas zusammen zu machen. Unser erster Track lag irgendwie inmitten dieser beiden Stile. Er ähnelte dem populären Disco-House aus dieser Ära. Der Track wurde vom größten Dance-Radiosender in Russland supportet und schaffte es sogar in die Top-10 des Senders. Daraufhin beschlossen wir, unsere gemeinsame Arbeit fortzusetzen. Leider schätzte zu dieser Zeit in Russland niemand, ob man seine eigene Musik macht oder nicht. Das Wichtigste für die russischen DJs jener Zeit war der Zugang zu neuen Vinyl-Veröffentlichungen und gute Verbindungen zu Promoter*innen oder Clubbesitzer*innen. Niemand interessierte sich für musikalisches Talent. Wenn man es bis zum DJ-Pult in einem angesagten Nachtclub oder im Radio schaffte, war man standardmäßig beliebt und erfolgreich.

Kirill: Da wir nicht über genügend Verbindungen verfügten, traten wir dementsprechend nicht so oft auf, wie wir es gerne getan hätten. Zur gleichen Zeit hatte ich sehr erfolgreiche Veröffentlichungen auf Hed Kandi, Defected und anderen Labels. Die Situation änderte sich dann 2012, als wir einen Remix eines Titels eines beliebten russischen Popkünstlers schrieben, der viel erfolgreicher und beliebter wurde als das Original. Wir bekamen die Möglichkeit, unsere tägliche Radioshow zur Hauptsendezeit zu senden. Ein aktives Tournee-Leben begann. Aber die gesamte Musik, die wir damals kreierten, war für den russischsprachigen Markt bestimmt. Erst 2015 begannen wir, über die Notwendigkeit nachzudenken, international zu werden. Daraus entstand dann Goom Gum.

Wie hat euch St. Petersburg, mit dieser Politik und der dortigen Szene, als Künstler beeinflusst?

Evgeny: St. Petersburg ist die kreativste und ganz objektiv betrachtet auch die schönste Stadt Russlands. Hier gibt es viele talentierte Musiker*innen, Künstler*innen, Dichter*innen und Schauspieler*innen. Diese Stadt hat eine besondere Atmosphäre, hier leben die Menschen für ihr Vergnügen, genießen die Schönheit um sich herum und haben es nicht eilig. Hier gibt es kein Streben nach Erfolg und Geld. Wir haben uns auch nie das Ziel gesetzt, die Nummer 1 zu sein. Wir haben immer nur die Art von Musik gemacht, die uns am Herzen lag, auch wenn sie nicht kommerziell verwertbar war.

Kirill: In den frühen 90er-Jahren erhielt St. Petersburg den Status der Rave-Hauptstadt Russlands. Die Techno-Kultur in Russland hat hier ihren Ursprung – Partys, Radiosender, Musiker, DJs – alles begann hier. Wenn es ein Wochenende gibt, an dem wir nicht auf Tournee gehen, dann spielen wir in unserer Stadt. Manchmal sind das All-Night-Long-Shows. Wir haben hier eine Menge Freund*innen und Fans, die sich auf unsere Partys freuen.

Wie ist euer Workflow als Duo?

Kirill: Es ist einfacher für einen von uns anzufangen – Ideen für Tracks und Remixe zu entwickeln, Lead-Melodien zu komponieren – der andere sorgt dafür, dass diese Ideen technisch und klanglich umgesetzt werden, sodass der Track komplett fertig für die Veröffentlichung ist. Wir betreuen beide unsere sozialen Netzwerke, verwalten sie und kommunizieren mit den Fans. Aber wir haben uns die Arbeit mit Anfragen geteilt – einer kümmert sich um die Shows in Russland, der andere um die im Ausland.

„It’s A Lot“ ist zweifelsfrei euer größer Hit. Wie entstand die Idee?

Evgeny: Ursprünglich sollte „It’s A Lot“ ein Remix des 1984’er Tracks „Master & Servant“ von Depeche Mode werden. Plötzlich tauchte in unseren Köpfen ein Sample aus diesem Track auf, in dem die Worte „It’s A Lot …“ im Refrain in der Stille gesungen werden, und ich wollte diese Stimme sofort aus dem Original herausschneiden und dafür etwas im Stile von Dark Techno, aber mit einer positiven und fröhlichen Melodie kreieren. Genau das haben wir getan. Gleichzeitig war uns klar, dass es für praktisch unbekannte Musiker im Westen schwierig sein würde, eine offizielle Genehmigung für einen Remix zu bekommen. Also haben wir ihn nur für unsere Sets gemacht. Als wir ihn Solomun zeigten, begann er sofort, ihn in seinen Shows zu spielen. Viele andere Top-DJs wurden auf Solomun aufmerksam und begannen, den Track ebenfalls zu spielen. Pete Tong bemerkte den Remix und wir bekamen eine E-Mail von BBC Radio 1, dass Pete Tong den Track in seiner Show „Essential New Tune“ präsentieren möchte. Unsere Freude kannte keine Grenzen!

Kirill: Danach bekamen wir eine Menge Anfragen von verschiedenen Labels, diesen Remix zu veröffentlichen. Wir hatten nichts dagegen, aber wir baten die Labels, sich selbst um die Klärung der Rechte zu kümmern. Niemandem wurde die Erlaubnis zur Veröffentlichung erteilt. Pete Tong spielte diesen Track aber weiterhin von Show zu Show und eines Tages bot er an, ihn auf seinem „Three Six Zero“-Label zu veröffentlichen. Er schaffte es, sich mit dem Management von Depeche Mode zu einigen, den Track zu veröffentlichen. Aber sie baten darum, ihn nicht als Remix, sondern als Original von uns zu veröffentlichen. Gleichzeitig durften wir das Original-Sample behalten und mussten die Vocals also nicht neu einsingen. Für ein neues, wenig bekanntes Projekt aus Russland war dieser Fall einzigartig. Und jetzt heißt es Goom Gum – „It’s A Lot“! Wir verstehen immer noch nicht, wie das passiert ist. Aber dieser Track hat uns einen großen Schub nach vorne gegeben. Wir bekamen viele neue Hörer*innen und Remix-Anfragen.

Nur wenige Monate später ereilte uns Covid-19 und alles stand still.

Evgeny: Ja, das hat das Wachstum unserer Popularität stark behindert. Aber jetzt erholt sich alles langsam wieder. Es ist immer noch schwierig, nach Europa zu reisen, aber wir haben bestätigte Shows in der Türkei, in Indien, Ägypten und in Israel. Es gibt auch schon Anfragen aus Amerika. Wir freuen uns auf alles, was uns bevorsteht.

In diesem Sommer habt ihr mit Avtook Records euer eigenes Label gegründet.

Kirill: Ja, ein Meilenstein für uns. Wobei heutzutage für einen Künstler die Tracks entscheidend sind und nicht unbedingt das Label, auf dem sie erscheinen. Trotzdem hören wir nicht auf, unsere Tracks an andere Labels zu schicken bzw. sie dort zu releasen – TAU, Disco Halal, Eklektisch, Selador und viele andere. Sie haben ihr eigenes Publikum, also ist das nur gut für uns. Wir versuchen, unsere Tracks abwechselnd auf unserem Label und auf anderen zu veröffentlichen. Im Moment haben wir etwa 15 Tracks, die in den Startlöchern stehen. Darunter sind viele Kollaborationen, sowohl mit jungen, aber vielversprechenden Künstler*innen, als auch mit großen Namen.

Apropos große Namen. Solomun ist ein großer Fan von euch und spielt eure Tracks rauf und runter …

Evgeny: Das stimmt. Auch wenn die Tatsache, dass so bekannte Künstler wie er deine Tracks spielen, nicht unbedingt bedeutet, dass sich vermeintlich bekannte Label automatisch mehr für die Sachen interessieren. Vielleicht ist das auch der Grund, warum wir unser eigenes Label gegründet haben. „Chicken Song“ zum Beispiel, den Solomun im Frühjahr 2019 in jedem Set gespielt hat, wollte kein Label veröffentlichen, an das wir es geschickt haben. Gleichzeitig brachte uns dieser Track bei den Streams eine sehr beeindruckende Summe ein. Auf jeden Fall ist uns die Unterstützung von großen Künstlern wie Solomun, Pete Tong und vielen anderen nach wie vor wichtig. Wir wissen das immer sehr zu schätzen! Wir beobachten ständig, welche der großen Namen unsere Tracks spielen und veröffentlichen diese News immer auf unseren Kanälen.

Kirill: Wir bemühen uns, dass unser gesamtes DJ-Set ausschließlich aus unseren Veröffentlichungen besteht. Aktuell ist das Verhältnis in etwa 70/30. Vielleicht spüren es die Leute, es ist total verrückt, aber wenn wir neue Tracks von uns zum ersten Mal spielen, reagieren die Leute so, als ob es bereits ein großer Hit wäre. Wir wissen nicht, was genau da vor sich geht, weil sie die Musik zum ersten Mal hören! Aber genau an daran möchten wir anknüpfen und weitere eigene Songs spielen. Wir haben oftmals das Gefühl, unsere Tracks kommen besser an. Und wenn die Leute unsere Musik so sehr lieben, dann müssen wir eben mehr davon machen. Was wir jetzt aktiv tun. Die Pandemie hat uns viele Auftritte gekostet, aber sie hat uns viel Zeit für die Studioarbeit gegeben. Wir müssen in allem das Positive sehen.

 

Aus dem FAZEmag 117/11.21
Text: Triple P
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