Grabsteine für die Berliner Clubkultur – Wenn Watergate, Griessmühle & Co. ihre letzte Ruhe finden

In der Hauptstadt verwandelt das Berliner Kollektiv steinzeit.alter geschlossene Clubs in sichtbare Erinnerungsorte: mit Grabsteinen im Streetart-Stil, gefertigt aus recycelten Steinen und liebevoll gestalteten Details. Mit dem Projekt möchte man den kulturellen Wert dieser verlorenen Räume bewahren und der Clubkultur im öffentlichen Raum eine neue, würdevolle Präsenz geben. Das gefällt offenbar nicht jedem.

Wie ist die Idee entstanden? Gab es einen konkreten Auslöser?
Die Idee entstand aus einer Not heraus. Während des Lockdowns gab es kaum Möglichkeiten, im Eventbereich zu arbeiten. Eine Person aus unserem Team machte sich deshalb selbstständig und landete beim Steinmetz – dort wurde klar, welche Symbolkraft Grabsteine haben. Als dann bekannt wurde, dass das Watergate schließt, kam auf dem Heimweg nach einer Partynacht der Gedanke, für geschlossene Clubs symbolische Grabsteine im Streetart-Stil zu setzen. Clubs und Berliner Nachtkultur prägen Menschen – also warum nicht Grabsteine auch für Orte schaffen, die eine ganze Szene geprägt haben?

Wo genau kommen eure Steine her und wie sieht der Verarbeitungsprozess aus? Wie viele Leute sind im Projekt involviert?
Die meisten Steine stammen von abgelaufenen Gräbern und werden von uns überarbeitet. Manchmal finden sich auch Stücke auf dem Hof, die mit etwas Arbeit eine zweite Geschichte bekommen. Der kreative Prozess läuft spontan, aber über mehrere Wochen. Sobald der Schriftentwurf steht, wird er eingestrahlt oder gehauen. Wir bauen jedes Mal clubspezifische Details ein – in den Steinen selbst, in Social-Media-Edits und der dafür produzierten Musik. Wie viele Personen beteiligt sind, bleibt ein Geheimnis. Das Werk soll im Vordergrund stehen, nicht einzelne Personen.

Ein Überblick über die bisherigen Grabsteine, die ihr aufgestellt habt?
Bisher haben wir Grabsteine für das Watergate, die Griessmühle, das Rosi’s und zuletzt das SchwuZ gesetzt. Leider wurde der Watergate-Stein vom Bezirksamt entfernt und die Grablaterne am Rosi’s geklaut. Die Urnenwandplatte für die Griessmühle darf laut Bezirksamt bleiben.

Womit hat das Bezirksamt die Entfernung am Watergate begründet?
Der Stein wurde laut Bezirksamt aus Gründen der Verkehrssicherheit entfernt. Ob das der einzige Grund war, ist fraglich. Fakt ist: Er war nur wenige Tage dort und wurde trotzdem viel gesehen, fotografiert und geteilt. Das zeigt, wie sehr das Thema die Leute beschäftigt. Gerade deshalb ist es traurig, dass in einer Stadt mit so viel kulturellem Erbe nicht einmal 0,2 Quadratmeter Platz bleiben, um an etwas zu erinnern, das Berlin geprägt hat. Unsere Steine sind keine Vandalismus-Akte, sondern Denkmäler. Es ist frustrierend, wenn sie verschwinden – in jedem steckt Arbeit und Liebe. Aber das hält uns nicht vom Weitermachen ab. Die Erinnerung soll bleiben.

Ihr habt an einigen der Gräber eine Schlüsselbox angebracht. Der Code hierfür wurde verlost. Was hat es damit auf sich?
Die Schlüsselbox am Griessmühle-Denkmal sichert die Stromversorgung für die LED-Beleuchtung. Sobald die Marmorplatte leuchtet, entsteht ein besonderer Effekt. Die Codes haben wir verlost, um Menschen einzubeziehen. Wir wollten interaktive Streetart. Wer den Code hat, kann Farben und Effekte ändern. Und pragmatisch: Unterstützung beim Batteriewechsel spart Aufwand und Kosten. Diese geteilte Verantwortung gehört zum Konzept. Die Kunst soll durch die Stadtgemeinschaft weiterleben.

Aus dem FAZEmag 166/12.2025
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