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„Dilation“ heißt das Debütalbum der Grandbrothers. Erol Sarp und Lukas Vogel präsentieren damit das Ergebnis von zwei Jahren Klangforschung mit Flügel und Laptop, die sich zwischen Ambient Minimal, IDM und Techno bewegt. Gilles Peterson war ein früher Förderer des Duos, er nahm sich 2013 der ersten Single „Ezra Was Right“ an, packte sie in seine Jahrescharts und auf die Compilation „Brownswood Bubblers 10“.

Erinnert ihr euch an eure erste gemeinsame Session, bzw. (musikalisches) Aufeinandertreffen? Wie kam es dazu und wie war das Ergebnis?

Im Prinzip gab es zwei wegweisende Sessions. In der einen haben wir mit Klavier und Live-Sampling gearbeitet, Erol am Flügel und Lukas an den Controllern. Das hat auf Anhieb so gut funktioniert,
dass wir das als festen Teil unseres Projekts aufgenommen haben. In der anderen haben wir mit unserer Apparatur herumexperimentiert, die wir in den Wochen davor schon konzipiert haben. Es geht dabei um kleine Hämmerchen, die auf die Saiten und andere Teile des Flügels schlagen, sodass man ihn quasi von außen spielen kann. Das Zusammenspiel aus sogenannten Patterns und Rhythmen der Hämmer und Erols Akkorden und Melodien hat uns auch sofort inspiriert. In der Folgezeit haben wir diese Elemente dann weiter ausgebaut und so bis heute unseren eigenen Sound entwickelt…

Also ein roter Faden, dem ihr bis heute folgt?

Ja – schon von Anfang an wollten wir komplett ohne Synthesizer und vorgefertigten Samples auskommen. Alle Klänge entstehen am und im Flügel. Auch die Beats kommen nicht aus einer Drummachine, sondern werden von den Hämmern erzeugt. Es geht uns also darum den Flügel ins Zentrum der Klangerzeugung zu stellen und mit den Klängen, die wir aus ihm rauskriegen zu arbeiten.

In Zeiten, in denen man jeden Ton in irgendeiner Form synthetisch produzieren kann, was fasziniert an einem Flügel?

Es geht uns gerade darum, dass wir das Gefühl haben den Klang direkt am Instrument beeinflussen zu können. Beim Zusammenspiel von Hämmerchen und Händen ergeben sich dauernd unvorhersehbare Interaktionen, welche zu spannenden Feinheiten im Klang führen, die man synthetisch nicht so einfach erzeugen könnte. Mit dem Live-Sampling werden solche Feinheiten noch verstärkt, da sie im Moment entstehen. Und natürlich ist es etwas ganz besonderes, dieses riesige Instrument vor sich zu haben.

Wie waren die Reaktionen in eurem Umfeld, wie hat euer Umfeld reagiert?

Wir denken da immer an unser erstes Konzert, das wir in engem Kreis vor Freunden und Kommilitonen gespielt haben. Die Leute wussten im Prinzip überhaupt nicht, was sie da erwartet. Wir auch nicht so wirklich … wir haben für dieses Konzert ein Programm aus sechs Stücken geschrieben, teils auskomponiert, teils völlig offen. Die positive Reaktion der Leute hat uns dann fast ein bisschen überwältigt.

Als Vorbilder gebt ihr Musiker wie Steve Reich und Ryuichi Sakamoto an. Gibt es da Schlüsselwerke?

Es gibt ein paar Stücke, die wir als Schlüsselwerke bezeichnen würden und deren Einflüsse man
teilweise in unserer Musik wiederfindet: “Piano Phase” von Steve Reich, “Trioon 1” von Ryuichi Sakamoto & Alva Noto oder  “I’m Sitting In A Room” von Alvin Lucier –  daneben gibt es viele Komponisten, mit denen wir uns genauer beschäftigt haben. John Cage mit dem präparierten Klavier beispielsweise oder Terry Riley. Und generell Klaviermusik von Komponisten wie Satie, Debussy, Ravel …

Wie seid ihr in diese Richtung gekommen, die ihr nun geht?

Wir haben eigentlich nie gesagt wir wollen jetzt die-und-die Musik machen, bzw. wollten
uns nie auf irgendeine Richtung festlegen. In den Stücken finden sich viele Einflüsse wieder, die
wir in den Jahren als Musiker und Musikfans aufgesaugt haben. Es gibt auch keine feste
Herangehensweise was die Komposition der Stücke angeht. Manche entstehen bei Jam-Sessions, manchmal kommt einer von uns mit einer Idee zur Probe, manchmal liegt ein konzeptioneller Ansatz zu Grunde.

Wer ist eigentlich Ezra?

Wir hatten das Stück fertig, aber noch keinen Namen. Erol hatte die Idee einfach zu sagen – so, wir gucken jetzt nach Hemingway-Zitaten. Nach mehreren Anläufen sind wir dann bei einem Satz gelandet, der mit „Ezra was right …“ beginnt – da haben wir dann direkt gesagt: „Das ist es!“.

Wie hat Gilles Peterson eigentlich euren Track „entdeckt“?

Wir haben ihm einfach ein paar Tracks geschickt und waren dann sehr überrascht, als ein paar Tage später “Ezra Was Right” in seiner Sendung auf BBC Radio 6 lief.

Wann und wie ist die Albumidee gereift und wie lange habt ihr daran gesessen?

Auf dem Album sind Stücke gelandet, die schon über zwei Jahre alt sind, genauso wie Stücke, die kurz vor den Aufnahmen entstanden sind. Wir haben im Laufe der Zeit viel Material gesammelt und als wir dann das Gefühl hatten genug Songs zu haben, haben wir eine Auswahl getroffen, die man jetzt auf “Dilation” hören kann.

Dilation bedeutet Erweiterung/Ausdehnung. Inwieweit hat sich euer musikalischer Horizont im Laufe der Jahre/im Laufe der Albumproduktion erweitert?

Man kann das gesamte Projekt eigentlich als permanente Erweiterung sehen – wir entwickeln uns ständig weiter, indem wir neue Komponenten, sowohl technisch als auch akustisch und kompositorisch, hinzufügen und suchen immer nach neuen Klängen und Möglichkeiten der Klangerzeugung, die wir noch nicht entdeckt haben.

Was genau für ein Setup nutzt ihr, wenn ihr live spielt?

Wenn man im Publikum sitzt, sieht man auf der Bühne einen Konzertflügel, einen Tisch mit Laptop, und viel technischen Kram und Kabel. An dem Flügel ist die bereits beschriebene Apparatur angebracht, die mit dem Laptop verbunden ist. Vom Laptop aus werden die zwanzig Hämmerchen entweder frei gespielt oder von einem Sequenzer gesteuert. Über Mikrofone im Flügel werden sämtliche Klänge aufgenommen und mit zum Teil selbstgeschriebenen Effekten verfremdet. Sowohl die Steuerung der Hämmerchen, als auch der Einsatz der Effekte werden über mehrere Controller von Lukas bedient und ermöglichen es uns so, live zu spielen.

Wie sieht es mit den Plänen für die Zukunft aus? Neue Ideen, neue Erweiterungen im Kopf/in Planung?

Wir wollen natürlich viel live spielen und möglichst weit rumkommen. Daneben haben wir schon erste Ideen zu neuen Stücken und wollen uns weiterhin dem Thema Filmmusik widmen. Erweiterungen des Setups sind auch schon geplant …

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit FILM?

Über private Kontakte – Dominik ist der Bruder eines sehr guten Freundes von Erol und arbeitet seit Jahren in der Musikbranche. Irgendwann haben wir ein paar Stücke auf Bandcamp veröffentlicht und sind dann von Dominik und Daniel gefragt worden, ob wir nicht an einer Zusammenarbeit interessiert wären. So haben wir im Frühjahr 2014 die Ezra EP über FILM
veröffentlicht und jetzt eben auch das erste Album Dilation. / Tassilo Dicke


Foto: Dennis Dirksen