Gregor Tresher


Die Fans des Techno-Künstlers Gregor Tresher sind musikalisch wohl ziemlich verwöhnt, schließlich versorgt er sie in regelmäßigen Abständen mit neuen und hochwertigen Veröffentlichungen. Nun ist auch sein neuer und fünfter Langspieler „Quiet Distortion“ auf dem Markt. Wir haben uns aus diesem Grund mit dem BreakNewSoil-Mastermind in Frankfurt getroffen und über seine musikalische Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gesprochen.

Wenn es um die Musik deiner Jugend geht, dann führt natürlich kein Weg an Depeche Mode vorbei. Das Besondere aber ist, dass du zu den wenigen Fans gehörst, die mit dieser Band schon gearbeitet haben.

Stimmt, das ist wirklich eine der wenigen Bands, von denen ich überhaupt ‚Fan’ bin. Generell habe ich mit dieser Bezeichnung so meine Probleme, bei Depeche Mode aber trifft sie zu. Durch meinen älteren Bruder hörte ich ihre Alben schon im Alter von acht Jahren. 30 Jahre später schließt sich der Kreis und ich wurde musikalisch von dieser Band wahrgenommen – das ist wirklich etwas ganz Besonderes für mich.

Hat Depeche Mode auch heute noch Einfluss auf dich und deine Arbeit?

Ich denke, man wird im Laufe seines Lebens musikalisch sozialisiert. Vom Kindesalter an und als Teenie sowieso. Bei mir begann das mit Synthie-Pop in den 80er-Jahren und ich bin mir sicher, dass diese Zeit auch jetzt noch auf mich wirkt. Doch ich staune auch heute noch über die Arbeit von Depeche Mode. Eine Band, die nie auf der Stelle tritt, sich laufend verändert und ihren Sound weiterentwickelt.

Die Musik dieser Band hat dich bereits vor Jahren geprägt und begeistert dich sowie viele andere bis heute. Für spätere Generationen und viele Kids sind Künstler aus der elektronischen Szene die neuen Helden. Musiker, die mit ihrer Arbeit deren Jugend prägen. Auch du gehörst zu diesen Künstlern. Wie fühlt sich so etwas an?

Also, wenn ich jetzt zurückdenke und mir überlege, wie ich Depeche Mode vergöttert habe, als ich noch jung war, und mir dann vorzustellen versuche, wie die Leute wohl meine Musik wahrnehmen, dann fällt es mir schwer, das zusammenzuführen. Natürlich freue ich mich, wenn jemand meine Musik gut findet oder durch eine meiner Nummern vielleicht sogar die elektronische Musik mehr für sich entdeckt, aber das kann man von der Größenordnung und der Reichweite her einfach gar nicht vergleichen.

Würdest du trotzdem so weit gehen und sagen, dass es das Ziel eines Musikers ist, die Leute mit der eigenen Kunst zu prägen?

So weit denke ich bei meiner eigenen Arbeit zumindest nicht. Mein Ziel ist es jedoch, Stücke zu schreiben, die man nicht nur in den kommenden zwei Wochen gut findet, sondern in den nächsten zwei Jahren und im besten Fall vielleicht auch noch in zwölf oder sogar 20 Jahren.

Mit einigen deiner Stücke ist es dir ja bereits gelungen, die Zeit zu überdauern. Und all diese Nummern tragen deine sehr prägnante musikalische Handschrift.

Dieser Stil hat sich über die Jahre, in denen ich nun schon Musik produziere, entwickelt und ich muss zugeben, diesen zwischendurch etwas aus den Augen verloren zu haben. Bei ,Quiet Distortion’ habe ich darauf wieder mehr Wert gelegt und bekam dafür bereits viel positives Feedback. Mir ist es aber auch sehr wichtig, dass ich mich nicht wiederhole. Ich versuche, meinen Stil zu wahren, aber möchte auf jeden Fall vermeiden, einen Track zu machen, der letztendlich so klingt wie einer, den ich vielleicht vor vier Jahren schon veröffentlicht habe. Das ist ein No-Go für mich. Wer das neue Album hört, der weiß um meine Wurzeln, erkennt aber hoffentlich auch den modernen Rahmen.

Fühlst du dich manchmal eingeengt von deinem eigenen Raster?

Ich lasse mir da ziemlich viele Freiheiten, produziere ja auch ab und an mal einen House-Track oder eine Nummer, die noch etwas strammer ist als mein eigentlicher Sound. Auf ,Quiet Distortion’ zum Beispiel erwartet den Hörer auch der eine oder andere Electronica-Track. Aber ich achte schon auch darauf, als Gregor Tresher einer gewissen Sound-Ästhetik treu zu bleiben. Schwer fällt mir das allerdings nicht, im Gegenteil. Es würde mir wohl größere Probleme bereiten, aus diesem Raster auszubrechen mit dem Versuch, anders zu klingen.

Veröffentlichungen mit anderem Sound und unter einem anderen Namen wären für dich also kein Thema mehr?

Ich glaube, Musik unter meinem eigenen Namen veröffentliche ich erst seit 2004, zuvor gab es andere Projekte wie Sniper Mode. Doch seitdem ich mit meinem bürgerlichen Namen unterwegs bin, zieht sich auch ein roter Faden durch meine Musik. Für mich war das eine der besten Entscheidungen überhaupt. Es macht einfach einen großen Unterschied, ob du unter einem beliebigen Projektnamen veröffentlichst oder unter deinem eigenen Namen. Da steckt eine ganz andere Wertigkeit dahinter, denn dafür steht der Künstler leibhaftig. Dass ich selbst noch mal ein völlig neues Projekt beginne, kann ich mir kaum vorstellen, allein aus Zeitgründen.

Du gehörst, was die Produktionsgeschwindigkeit angeht, wahrscheinlich zu den Sprintern. Manche Künstler sitzen nicht selten länger als ein Jahr an ihrem Album. Gelingt dir alles auf Anhieb oder schläfst du in dieser Zeit einfach nicht – wie läuft das bei dir?

Ehrlich gesagt, habe ich von Zeit zu Zeit einfach richtig Bock darauf, ein Album zu machen. Das bedeutet aber nicht, dass ich in dieser Zeit den Rest der Welt ausblende, oft erscheint in dieser Phase auch noch die eine oder andere Single. Aber wenn du in die Phase kommst, wo die einzelnen Tracks langsam Form annehmen und du nach dem Aufstehen direkt ins Studio gehst, dort so lange wie möglich bleibst und selbst, wenn du wieder zu Hause bist, denkst, dass du jetzt sofort wieder hin musst, dann ist das ein super Gefühl. Ich bin auch nach wie vor vom Format Album überzeugt und kann mich für alles, was damit zusammenhängt, begeistern. Ein solches ist nicht mehr unbedingt zeitgemäß, aber es gibt mir als Künstler die Möglichkeit, mich musikalisch auszuleben. Wenn es ,Quiet Distortion’ nicht gäbe, wüsste ich zum Beispiel gar nicht, was ich mit den Electronica-Tracks machen sollte. Hinzu kommt, dass sich bei mir dieser Zwei-Jahres-Rhythmus eingestellt und bewährt hat. Nach gut eineinhalb Jahren juckt es mich also wieder in den Fingern und ich fange an, am nächsten Album zu arbeiten.

Distortion können wir in deinen Tracks hören, doch du bist auch der Meinung, dass man Verzerrung im wahren Leben erfährt. Was steckt hinter dem Titel deines Albums?

Ich tue mir wirklich schwer, solche Zusammenhänge oder Namen generell zu erklären, obwohl ich diese für sehr wichtig halte und ihnen sehr viel Zeit und Aufmerksamkeit widme. Der Titel ,Quiet Distortion’ ist an sich sehr widersprüchlich, aber da darf sich jeder sein eigenes Bild machen, ohne dass ich dazu die passende Steilvorlage liefere. Davon abgesehen ist, wie du schon erwähnt hast, Distortion ein stilistisches Merkmal des Albums und in gewisser Weise auch Teil meiner persönlichen und musikalischen Handschrift.

Nach „A Thousand Nights“ (2007, Great Stuff Recordings), „The Life Wire“ (2009, Break New Soil), „Lights From The Inside“ (2011, Break New Soil) und „Nightcolors“ (2013, Break New Soil) erscheint „Quiet Distortion“ ein Jahr „zu spät“. Doch nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil du Vater geworden bist. Wie hat sich dieser glückliche Umstand auf deine Arbeit, deine Leidenschaft ausgewirkt?

Es beeinflusst natürlich dein ganzes bisheriges Leben, aber meine Musik oder meinen Beruf weniger vordergründig. Große Veränderungen gab es erst mal in meinem persönlichen Tagesablauf und auch die Wochenenden wurden anstrengender. Gerade die Freitage gehen jetzt meistens 24 Stunden, bis 12:00 Uhr im Bett liegen ist jetzt also nicht mehr drin. Im Vergleich zu einigen meiner Kollegen lebe ich diese Veränderungen jedoch nicht merklich in meiner Musik aus.

Und mit deiner Familie wohnst du nun also hier in Frankfurt. Hat es dich trotz deiner vielen Erinnerungen an die Omen- und Cocoon-Zeit hier nie weggezogen? Als Musiker könntest du schließlich überall arbeiten.

Ich wohne hier jetzt seit gut zehn Jahren, kenne das Frankfurter Nachtleben aber schon seit Anfang der 90er. In dieser Zeit bin ich zum ersten Mal ins Omen reingelaufen und habe Sven auflegen gehört. Auch bei mir war das die Initialzündung für die folgende musikalische Laufbahn. Das werde ich wohl nie mehr vergessen und da wären wir auch wieder bei dem Thema der Wertigkeit und Prägung. Es wäre natürlich eine wunderbare Sache, wenn sich nach gut 25 Jahren noch jemand an eines meiner Sets erinnern würde. Um jedoch auf deine Frage zu antworten: Die Überlegungen, in eine andere Stadt zu ziehen, gab es immer wieder. Ich würde auch nicht sagen, dass diese Stadt für mich als Musiker und Künstler wichtig ist, aber ich sehe auch nicht die Notwendigkeit, Frankfurt auf Biegen und Brechen zu verlassen. Zum anderen kann ich mich glücklich schätzen, da ich mit dem Auto in 20 Minuten am Flughafen bin und von dort aus unkompliziert überallhin komme. Letztendlich fühle ich mich eigentlich ganz wohl hier und diese gewisse künstlerische Abgeschiedenheit schadet mir persönlich auch gar nicht, da es mir sowieso sehr schwer fällt, mit anderen Musikern zu arbeiten.

Dass du bei deiner Arbeit ungern Kompromisse eingehst, ist kein Geheimnis. Nichtsdestotrotz erscheint im Spätsommer/Herbst eine EP von dir zusammen mit Petar Dundov. Was zeichnet die Arbeit mit dem Kroaten aus?

Die Zusammenarbeit mit Petar ist eine Ausnahme, denn das funktioniert erstaunlicherweise sehr gut. Entscheidend ist hier das Ergebnis. Wir ergänzen uns total und erschaffen so etwas, das keinem von uns allein im Studio gelingen würde. Von den Tracks bin ich dann jedes Mal total geflasht – und er genauso. Also stimmt es vielleicht gar nicht, dass ich allgemein schlecht mit anderen Leuten Musik machen kann, sondern es ist womöglich eher so, dass es eben nur mit sehr wenigen gut funktioniert. Vielleicht hat zu dem Gelingen auch beigetragen, dass wir uns für die bisherigen Platten in seinem Studio in Zagreb getroffen haben und nicht bei mir in Frankfurt. Wir haben auch schon mal darüber gesprochen, die Zusammenarbeit zu intensivieren, womöglich ein Album anzugehen, aber das ist Zukunftsmusik.

Machen wir einen Sprung von Kroatien nach Belgien. Dort hast du zuletzt beim Extrema Outdoor gespielt. Das war mehr oder weniger auch der Startschuss deiner „Quiet Distortion“-Tour. Wie kamen die neuen Tracks an?

Ich habe, ehrlich gesagt, ein richtig gutes Gefühl bei dem neuen Album und das, obwohl ich ein sehr selbstkritischer Musiker bin. Bis ich von meinen eigenen Sachen überzeugt bin, dauert es also eine ganze Weile. Man produziert auch viel mehr, als man dann tatsächlich veröffentlicht. Das gehört für mich zu den wichtigsten Skills eines Künstlers, bewerten zu können, was von den eigenen Sachen gut ist und woran man noch mal arbeiten sollte. Gerade Anfänger haben damit eher Schwierigkeiten, denn zu Beginn ist man schon happy, wenn man überhaupt einen Track fertig bekommt. Mit den Jahren kommt das Gespür und ich hoffe, dass auch ich mich hier weiterentwickelt habe. Für mich persönlich sind auf jeden Fall der Titeltrack ,Quiet Distortion’, ,Tyrant’ und die Electronica-Nummern wie der Closer ,Give It All Away’ die Highlights des Albums.

In den nächsten Monaten wirst du wieder viele Festivals und Events bespielen, sei es als Live-Act oder als DJ. Gibt es bestimmte Highlights, auf die du dich besonders freust?

Ich freue mich auf jeden einzelnen Auftritt, egal ob Club oder Festival. Beides hat seine Besonderheiten und beides macht super viel Spaß. Im Rahmen der Tour komme ich auch wieder nach Nord- und Südamerika, werde mit Hyte auf Ibiza spielen und auch bei Love Family Park sowie der Fusion dieses Jahr wieder mit dabei sein. Und da ich das Studio jetzt gerade sowieso nicht mehr sehen kann, freue ich mich umso mehr, wenn es nun wieder losgeht!

Aus dem FAZEmag 052/06.2016

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Text: Gutkind • www.gregortresher.com