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Seit vielen Jahren leistet Gunjah seinen Beitrag zum Erhalt und zur Weiterentwicklung der elektronischen Musikszene in Deutschland. Sein Open-Air-Festival Click Clack feiert in diesem Jahr bereits sein zehnjähriges Jubiläum. Nun formte er den 61. FAZEmag Download-Mix und plauderte mit uns in der Zwischenzeit über seinen Werdegang, seine Projekte und darüber, wieso er denn nun heißt, wie er heißt.

Auch du hast dich in den 90ern mit Techno und elektronischer Musik infiziert. Wer oder was hat dich damals überzeugt und wieso wolltest du unbedingt selbst an den Decks stehen?

Die Magie dieser Partys war faszinierend für mich! Gleich beim ersten Besuch einer illegalen House-Party war ich absolut begeistert. Ich habe stundenlang ganz in der Nähe vom DJ getanzt, der mich mit seiner Musik und seinem Geschick direkt in seinen Bann gezogen hat. Auch das Miteinander auf diesen Events war toll, es ging alles sehr sozial zu.

2003 kam dann deine erste eigene Platte. Mit welchem Equipment hast du zu dieser Zeit gearbeitet und hast du dir das technische Know-how selbst angeeignet?

Meine erste Platte habe ich mit Andreas Kubat (Northern Lite) in Erfurt aufgenommen. Ich war da klassischer „Beisitzer“ und habe die Idee dazu geliefert, so gut das eben ging. Das war eine rein digitale Produktion mit Logic. Herausgekommen ist meine „Funkwelt EP“ auf 1st Decade Records – meine bis heute am besten verkaufte Schallplatte.

Seitdem bist du also offiziell als Gunjah unterwegs. Gibt es eine Geschichte zu deinem Künstlernamen?

Oh je, diese Frage. Okay. Ich war 1993 „Hobby-DJ“, sprich, ich habe Plattenspieler ausgeliehen, zu Hause gehabt und mich im Mixen geübt. Die dabei erlernte Kunst habe ich dann auf diversen Sit-ins und Afterhours bei verschiedenen Freunden, die bereits eigene Wohnungen mit Plattenspielern und Mischpult hatten, zum Besten gegeben. Und ich habe natürlich Tapes gemixt, die dann in jedem Autoradio meines gesamten Freundeskreises liefen. Irgendwann war auch mal ein Party-Veranstalter bei einer dieser Home-Sessions anwesend und hat mich gefragt, ob ich gern das Warm-up auf einem seiner Raves – im damaligen BASE in Dresden – spielen möchte. Das war natürlich das, worauf ich die ganze Zeit gewartet hatte. Die zweite Frage war allerdings, was er denn auf den Flyer schreiben sollte. Ich saß total breit mit einer dicken Tüte in der Hand auf dem Sofa und überlegte nicht wirklich lang. Feinstes „Ganja“ rauchte ich da und meinte blöd grinsend: „Schreib doch Ganja auf den Flyer.“ So hatte ich den Namen weg. Etwa ein Jahr später änderte ich die Schreibweise in „Gunjah“, gefällt mir deutlich besser.

Wie sieht dein Studio heute aus? Womit arbeitest du besonders gerne?

Heute befindet sich das Studio in Dresden, versteckt in einem Keller unter einem Fitness-Studio. Ich teile es mir mit meinem Kumpel Stachy – früher ein Teil von Fischmob –, der auch quasi mein Produzent im weitesten Sinne ist. Wir arbeiten im Moment wieder viel mit analogen Instrumenten, allein schon wegen des Kabelsalats. (lacht)

Du vermittelst den Eindruck, dass Musik für dich mehr als „nur“ Leidenschaft ist. Welchen Anspruch hast du an dich selbst, als Künstler, DJ und Produzent, als Veranstalter?

Ich möchte natürlich immer das beste Set spielen, die beste Party veranstalten und den fettesten Track produzieren. Klappt leider nicht immer, deshalb muss ich einfach immer weitermachen. Das ist mein Anspruch. Und einen Track zu produzieren, ist schon eine Wissenschaft, eine sehr komplexe sogar. Ebenfalls eine Wissenschaft ist es, eine Party zu veranstalten.

Eine Wissenschaft, mit der du dich nun schon seit Jahren auseinandersetzt. Was macht denn einen guten Track und eine erfolgreiche Veranstaltung in deinen Augen aus?

Ein guter Track ist für mich ein Track, den ich mir gern anhöre, mehrfach, und den ich im besten Fall auch spiele. Der muss mich einfach catchen! Eine erfolgreiche Veranstaltung kann man an verschiedenen Parametern messen, aber „Sold out“ ist schon mal eine Menge wert! (lacht)

Du sagst, du hättest keine Lust mehr, dich zu verstellen. Hast du den Eindruck, dass in der heutigen elektronischen Szene das „Showbusiness“ zu viel Platz einnimmt?

Das passiert doch auf Nachfrage. Viele Leute wollen ihre DJ-Stars oder Star-DJs haben, also sollen sie die auch bekommen. Diverse Votings, Polls, Rankings, etc. kreieren eben genau das. Dann noch die richtigen Jet-Posts und Sold-out-Festival-Videos und los geht’s. Mein Eindruck ist im Moment, dass zahlreiche Künstler sich viel mehr mit ihren Insta-Posts beschäftigen und dort mehr Zeit reininvestieren als in das Wesentliche, die Hauptsache: die Musik!

1994 der erste Gig, 2003 die erste Platte, 2008 das erste Click Clack Festival. Du hast viel Erfahrung gesammelt in den ganzen Jahren. Welche Ereignisse haben dich am meisten geprägt? Gibt es Dinge, die du heute anders machen würdest?

Das erste Mal auf einem Festival gespielt habe ich schon in den Neunzigern. Mein erster Gig im E-Werk in Berlin damals, das war schon einer der besten Momente meines Lebens. Ich bin dort jahrelang als Gast gewesen und zum Raven hingepilgert. Das E-Werk war mein Rave-Tempel Nummer 1. Als ich dann dort selbst an den Decks stehen durfte, waren meine Knie butterweich und meine Finger haben gezittert. Wochen vorher habe ich meine Platten täglich sortiert und diesem Moment entgegengefiebert, oder besser gesagt, entgegengezittert. Anders machen würde ich gar nichts. Geht ja eh nicht.

Eine eigene Party zu veranstalten, ist das eine, etwas anderes ist es jedoch, ein Festival auf die Beine zu stellen – allein hinsichtlich des zeitlichen und finanziellen Aufwands. Wie kam dir die Idee zum Click Clack Festival und wie hat sich dieses in den letzten zehn Jahren entwickelt?

Ich wollte endlich auch so einen Sonntags-Rave in Dresden haben. So ein Ding wie das LFP oder die Pollerwiesen, eben eine dieser typischen Sonntags-Tagespartys unter freiem Himmel, wie sie in anderen Städten längst Standard waren. Nur eben der Stadt Dresden angepasst, also ein Floor für ca. 3000 Gäste. Um 10:00 Uhr morgens geht es los und 22:00 Uhr abends ist Schicht im Schacht. Die perfekte Venue dafür hatten wir ja: Den Citybeach, direkt vor der Showboxx, mitten in der Stadt! Es war nicht leicht, meine Partner davon zu überzeugen, aber zu guter Letzt haben wir es durchgezogen und das erste Click Clack im Jahr 2008 war von Erfolg gekrönt. Paul Kalkbrenner war damals einer unserer Headliner. Er hat zu einem superfairen Kurs gespielt, uns so unterstützt und in unserem Vorhaben motiviert. Mit von der Partie waren auch die Wighnomy Brothers, Karotte, Mathias Kaden und einige andere gute Freunde und Kollegen. Alle haben unterhalb ihrer normalen Gagen gespielt und so zum Erfolg beigetragen. Wir haben ein paar Jahre auch probiert, zweimal jährlich so ein Event zu veranstalten, aber das gibt Dresden einfach nicht her und so bleibt es bei einem Click Clack im Jahr.

Mittlerweile hast du allein durch deinen Job viel von der Welt gesehen. Deine Gigs führen dich quer durch Europa, nach Amerika und Asien. Wo hat es dir bisher am besten gefallen? Wo würdest du gerne noch hin und welche Unterschiede im Nachtleben sind dir aufgefallen, wenn du Berlin, Dresden und Co. miteinander vergleichst?

Ich mag es sehr in Südamerika, dort erlebt man eine tolle Energie auf den Partys. Asien ist ebenfalls super! Dresden und Berlin kann man nicht miteinander vergleichen. Berlin ist einzigartig im Bereich der Clubs, also weltweit einzigartig. Dresden spielt im internationalen Technozirkus, selbst im nationalen, nicht wirklich eine Rolle, aber ich bin doch ganz froh, dass es schon ab und zu weltweit anerkannte „DJ-Superstars“ in unsere Provinz schaffen.

Was steht bei dir dieses Jahr so an Projekten, Releases und Gigs an? Auch dein Open Air in Dresden findet natürlich wieder statt.

Ich fange im März wieder an, regelmäßig zu spielen. Im Januar und Februar habe ich mich mal etwas rausgenommen. Und ja, auf die zehnte Ausgabe des Click Clack kann man sich auch freuen, am 2. Juli, ich bin gerade dabei, die letzten Slots zu füllen. Es wird auch von Jahr zu Jahr schwieriger, gute Künstler nach Dresden zu bekommen, aber ich bin optimistisch und denke, ich habe ein gutes Programm zusammengeschustert. Das nächste Release gibt es auf D.O.C Records, dem Label von meinem Kumpel Gui Boratto, und eine Katermukke-EP steht auch an. In Kürze erscheint außerdem ein Remix, den ich gerade für Dragonette gemacht habe.

Das hört sich doch alles ganz gut an! Aber ein Punkt macht mich stutzig: Wieso wird es immer schwieriger, gute Acts nach Dresden zu holen? Welche Steine muss man da aus dem Weg räumen?

Wie bereits erwähnt, ist Dresden für viele Künstler einfach keine Option. Das Jahr hat nun mal nur 52 Wochenenden und da sind Metropolen wie London, Paris, New York, Tokio und Berlin doch interessanter als Dresden. Ich kann das durchaus nachvollziehen. Auch können wir diverse Gagenanforderungen gar nicht bedienen. Am schwierigsten ist es, mit ausländischen Agenturen zu arbeiten, da kann man froh sein, wenn man überhaupt eine Antwort bekommt. Aber auch hier heißt es: dranbleiben und immer weitermachen.

Du lieferst den FAZEmag Download-Mix für unsere März-Ausgabe. Wie gestaltest du ein DJ-Set, worauf legst du Wert und wie unterscheidest du zwischen Club-Set und Podcast?

Ich hatte eine Menge Tracks zum Lizenzieren dafür angefragt, denn beim Podcast hat man kein Publikum vor sich, auf das man unmittelbar reagieren muss, da geht schon einiges mehr in Sachen musikalischer Freiheit. Ein DJ-Set ist immer Improvisation – vorher weiß ich meist nur meine erste Nummer, den Intro-Track, und dann geht’s einfach weiter.

 

Shortcuts

Deine zuletzt gekaufte Platte:
Jamiroquai – Automaton

Das muss bei jedem Gig dabei sein:
Der Gunjah in Höchstform!

Bester Closing-Track:
Laid Back – Bakerman

Dein längstes Set:
Showboxx Dresden, All night long, 10 Stunden

Spannendste Venue:
Damals: E-Werk, Berlin
Jetzt: KLUB NEU, Dresden

Aus dem FAZEmag 061/03.2017
FAZEmag DJ-Set #61: Gunjah – exklusiv bei iTunes
Text: Julian Haussmann
Foto: Birgit Kaulfuss