Mit Hania Rani und Dobrawa Czocher steht bei der Deutschen Grammophon seit Kurzem das aktuell jüngste Komponistinnenduo unter Vertrag. Die beiden kennen sich bereits seit vielen Jahren und entdeckten an einer Musikakademie in Danzig erstmals ihren gemeinsamen musikalischen Einklang, den sie im Laufe der Zeit kontinuierlich ausreiften und perfektionierten. Gemündet ist diese fabelhafte Entwicklung nun in „Inner Symphonies“, ihrem ersten DG-Album, das voller Emotionen und herausragenden klassischen Kompositionen steckt.

Schon an der Akademie und später auch auf der Fryderyk-Chopin-Universität für Musik zeichnete sich ab, dass Hania Rani und Dobrawa Czocher einen gemeinsamen Weg in die Konzerthallen dieser Welt beschreiten werden würden. „Wir hatten schon immer dasselbe Verständnis von Musik. Vom ersten Moment an erkannten wir gegenseitig diese Leidenschaft und diese Neugierde in uns, die uns bis heute binden“, erklärt Hania und Dobrawa ergänzt: „Wir sind wie Schwestern, denn Geschwister können immer ehrlich sein. Wir vertrauen einander.“ Erkennbar ist dieser kreative und persönliche Mutualismus auch unmittelbar auf „Inner Symphonies“, das zunächst in Videokonferenzen und später in Hanias Elternhaus entstand. Titel wie „Con Moto“ vereinen repetitive Rhythmen von Klavier und Cello mit einer pulsierenden, energiegeladenen Dynamik, die so nur entstehen kann, wenn beide Parteien perfekt miteinander harmonieren – ohne Ausnahme. Doch das orchestrale Feuerwerk beinhaltet auch ruhige Passagen, die beispielsweise beider Liebe zur Natur widerspiegeln. So etwa der langsame, geheimnisvolle und sonorische „Whale’s Song“, den die beiden als eines der Herzstücke des Albums deklarieren.

Live erleben könnt ihr die polnischen Ausnahmekünstlerinnen und „Inner Symphonies“ übrigens noch in diesem Jahr. Im November machen Hania Rani und Dobrawa Czocher unter anderem in Köln, Karlsruhe und Wien Halt, wo sie ihre majestätischen Symphonien zum Besten geben werden.

„Inner Symphonies“ ist am 15. Oktober auf Deutsche Grammophon erschienen.

Heute ist das Video zum Track „Malasana“ erschienen, das die Flüchtlingsthematik an der polnisch-belarussischen Grenze thematisiert. Gedreht hat es der Filmemacher Mateusz Miszczyński:

 

www.hania-dobrawa.com

Zum Video: 
Hania Rani und Dobrawa Czocher haben mit dem Filmemacher Mateusz Miszczyński zusammengearbeitet, ein Video für »Malasana« ist entstanden. Die Musik der Künstlerinnen liefert nun den Soundtrack zu seiner Meditation über die wahre Geschichte einer Mutter und ihrer fünf Kinder. Madina und Edilbek, Milana, Mariam, Islam und Jakub mussten aus ihrer Heimat Tschetschenien fliehen. In Miszczyńskis Kurzfilm aus dem Sommer 2021 spielen sie sich selbst, was umso ergreifender wirkt, weil sich in ihrem Schicksal ein aktuelles Drama spiegelt.

»Wir sind seit Jahren mit Mateusz befreundet und arbeiten schon lange mit ihm zusammen«, erklären Hania und Dobrawa. »So wie ihm war es uns ein Anliegen, uns mit Themen auseinanderzusetzen, die für uns relevant und berührend sind. Wir wollten diese Geschichte durch die Augen der Kinder erzählen. Das Musikvideo handelt von der Not durch Krieg und Migration. Gekleidet in ein metaphorisches Gewand nutzt es Elemente des magischen Realismus, um subtil, aber wirkungsvoll die Geschichte dieser Familie abseits jeder konkreten Zuschreibung und der spezifischen politischen Situation in ein größeres Bild zu bringen.«

Im wirklichen Leben saßen Madina und ihre Kinder 2016 für 123 Tage auf einem Bahnhof in Weißrussland nahe der polnischen Grenze fest. Weder konnten sie nach Hause zurückkehren noch in Europa Asyl beantragen. Heute leben sie in Polen und engagieren sich in der Granica-Gruppe, die Tag für Tag Geflüchtete an der weißrussisch-polnischen Grenze unterstützt.

Miszczyński und Kameramann Jakub Stoszek drehten »Malasana« in der Nähe des Dorfes Bilwinowo in der nordostpolnischen Region Suwałki, einem Grenzgebiet, das seit Jahrhunderten durch blutige Konflikte gekennzeichnet ist. Die Suche nach diesem Ort und die Begegnung mit Madinas Familie gaben dem Filmemacher »Kraft und Zuversicht«, wie er sagt, um sich einem schwierigen Thema zu widmen. Als er erfuhr, dass Madina und ihre Kinder auch auf der Flucht vor häuslicher Gewalt waren, schärfte das seinen Blick.

»Es kam dieser Moment von Demut und Ernst, als ich mit den Kindern sprach«, sagt Miszczyński. »Sie stellten mir eine ganz unschuldige und natürliche Frage: ›Wer wird im Film unseren Vater spielen?‹ Ich habe vorschnell und gedankenlos geantwortet, und das ging mir nach. Madinas Ehemann, vom Kadyrow-Regime mehrfach verhaftet und drangsaliert, war süchtig geworden und auch gewalttätig. In dem Augenblick, als die Kinder diese Frage stellten, wurde mir klar, dass es so etwas wie eine universelle, kontextfreie Geschichte über den Krieg nicht gibt. Dass eine Geschichte immer, auch wenn sie metaphorisch gefasst wird, auf den Erlebnissen und den Traumata eines Menschen beruht. Wie sich im Fall unseres Films zeigte, hätten die Erfahrungen, die Madina und ihre Kinder gemacht haben, nicht näher und greifbarer sein können.«

»Wir sind Madina und ihren Kindern sehr dankbar, dass sie sich die Zeit genommen haben, ihre Erfahrungen mit uns zu teilen und so offen und auch fröhlich mit uns zusammenzuarbeiten, um diesen Film zu drehen. Falls Musik und Film etwas bewirken können, dann vertrauen wir auf dieses Video«, ergänzen Hania und Dobrawa.