Hannes Bieger – Balance-Akt

Credit: a.k. Berlin

Vom Rampenlicht hinter die Kulissen und zurück. So oder ähnlich könnte man die bisherige Karriere des in Hamburg geborenen, aber mittlerweile in Berlin lebenden Hannes Bieger beschreiben. Mitnichten würde diese viel zu kurze Beschreibung seinem Schaffen aber gerecht werden. Denn Bieger ist mittlerweile nicht nur als Live-Act ein äußerst gefragter Mann. In Sachen Mixing ist sein Name eine der absoluten Top-Adressen, sodass Akteure wie Tale of Us, Stephan Bodzin, Mind Against, Kevin de Vries, John Talabot, Innellea, HVOB, Henrik Schwarz, Dixon, Dubfire, DJ Tennis und viele, viele mehr auf seine Dienste als Mastering-Ingenieur zurückgreifen. Am 29. April 2022 ist nun seine Ausgabe der berühmt-berüchtigten Reihe „Balance Presents“ erschienen. Interessant an der Compilation ist die Tatsache, dass der Hamburger ursprünglich ganz andere Pläne verfolgt hat. Die Zusammenstellung der Titel besteht aus exklusiver Musik von Bieger selbst und von Freund*innen sowie Kollaborationen, zu denen neue Talente ebenso wie altbekannte Namen, z.B. Gui Boratto, Victor Ruiz, Luna Semara oder Rodriguez Jr. zählen.

Hannes, Glückwunsch zur großartigen Balance-Ausgabe, wie geht es dir? 

Danke! Bei mir ist alles gut soweit. Ich bin froh, dass nun auch in Berlin die Clubs wieder aufgemacht haben, ich habe gerade mit Cityfox und Ultra zwei fantastische Festivals in den USA gespielt, und konnte auch ein bisschen Urlaub machen. Jetzt bin ich gerade auf dem Weg nach Indien, ich spiele zum ersten Mal dort und freue mich schon sehr. Und dann kommen eine Reihe Shows im Frühjahr und Sommer, auf die ich mich ebenfalls sehr freue. Mit dem Album-Release gibt es also gerade einige Gründe zur Freude.

Im Gegensatz zu den vergangenen zwei Jahren, die eine enorme Herausforderung für den Kultursektor darstellten. Du warst mit deinen Video-Messages oftmals ein wichtiges Sprachrohr für unsere Szene. Wie rekapitulierst du diese Zeit?

Es war eine Achterbahn – nicht zuletzt, weil ich im Sommer 2020 ein neues Studio bauen und umziehen musste, was wir alles auf der Höhe des ersten Lockdowns planen mussten, als noch niemand so genau wusste, was da alles auf uns zukommen würde. Ich konnte im Laufe der Pandemie einfach nicht nichts sagen, hatte das Gefühl, dass ich mich als politisch sehr interessierter und informierter Mensch äußern musste. Über das unglaublich positive Feedback von so vielen Seiten habe ich mich extrem gefreut, aber auf der anderen Seite war ich auch etwas enttäuscht, wieviele Leute abgetaucht sind und sich nicht geäußert haben. Ich kann verstehen, dass man vielleicht Angst hat, sich angreifbar zu machen, aber ich glaube, es wäre wichtig und hilfreich gewesen, wenn unsere Stimmen zahlreicher und lauter gewesen wären.

Du bist, wie wohl viele deiner Fans wissen, einer der gefragtesten Mixing-Engineers der Szene, bleibst dabei aber meist abseits der Scheinwerfer. 2017 bist du mit einem Release auf Poker Flat den Schritt zurück zum Artist gegangen. Wie kam es dazu?

Ich bin ja ursprünglich Musiker, habe in vielen Bands gespielt und in der zweiten Hälfte der 90er angefangen, mit Synths und Samplern zu produzieren. In den frühen Nullerjahren hatte ich dann eine Reihe von Releases, habe aber um 2006 beschlossen, vorerst hinter den Kulissen zu arbeiten. Dass ich irgendwann wieder selbst Musik machen würde, war außer Frage, aber dass die Pause am Ende gut elf Jahre dauern würde, das war so nicht geplant.

Wie würdest du die Zeit seit 2018 und dem Launch deiner Live-Show beschreiben? Du hast einige beeindruckende Venues bespielt, ein Album veröffentlicht, ein neues Studio bezogen und vieles mehr. 

Es war auf jeden Fall eine sehr aufregende Zeit! Die Diskrepanz ist lustig, dass ich auf der einen Seite immer noch so etwas wie ein Newcomer bin, auf der anderen Seite aber sehr schnell wieder auf tollen Labels veröffentlicht habe, Chart-Erfolge hatte, mit Analog bei einer ganz tollen Agentur gelandet bin und gut ein Jahr nach meinem Livedebüt als Hannes Bieger bereits zum Beispiel große Festivals zusammen mit Carl Cox gespielt habe. Trotzdem kam die Pandemie für mich zu einem äußerst blöden Zeitpunkt. Ich habe 2019 auch durch den Agenturwechsel zu Analog nicht viel gespielt, und kaum, dass es dann losging, kam direkt Corona. Ich habe versucht, die Zeit zu nutzen, etwa mit dem Studiobau und dem neuen Album, und jetzt hoffe ich, dass Corona uns allen nicht nochmal einen Strich durch die Rechnung macht …

Wie sehr beeinflusst deine Arbeit mit namhaften Künstler*innen deine eigene Musik bzw. dich als Künstler?

Ein Grund dafür, dass ich meine Artist-Karriere relativ schnell und von außen betrachtet wohl auch recht steil relaunchen konnte, ist bestimmt, dass ich mir in all den Jahren der Arbeit mit zahlreichen bekannten Künstler*innen zumindest hinter den Kulissen einen Ruf und viele Kontakte aufbauen konnte. Was die Musik selbst betrifft, versuche ich, mich so wenig wie möglich von anderer elektronischer Musik inspirieren zu lassen. Ich finde, unser Metier ist zu selbstreferenziell. Wenn eine Formel sich einmal bewährt hat, so ruft das schnell Nachahmer auf den Plan, und das versuche ich zu vermeiden. Meine erfolgreichsten Tracks waren jedenfalls allesamt welche, die ganz aus sich selbst heraus entstanden sind.

Erzähle uns gerne etwas zu deinem Workflow – was sind deine Favoriten in Sachen Soft- und Hardware?

Ich gelte ja – nicht ganz zu Unrecht – als Analogtyp, aber ich liebe auch die Möglichkeiten der DAW. Wahrscheinlich benutze ich viel mehr Software-Tools, als die Leute so denken. Aber das Stichwort „Tool“ stimmt schon auch, viel Software ist für mich letztlich ein Werkzeug, ein Mittel zum Zweck, aber zum Schreiben mag ich die Inspiration von richtigen, analogen Instrumenten. Meine Favoriten im Synth-Bereich sind der Moog Modular, Minimoog, Matriarch, Arp 2600 und natürlich auch die TB-303. Meine letzte Synth-Anschaffung war ein Knifonium, und das ist nochmal etwas ganz anderes, es gibt kein anderes Instrument, das auch nur ansatzweise so klingt. Was das Studio betrifft, so sind der speziell ausgebaute Raum, meine Genelec-1038B-Monitore und die Audeze-Kopfhörer unglaublich wichtig, und daneben zählen Cubase, meine Lavry-Wandler, die UAD-Plugins, der Thermionic Culture Vulture, der API 2500 Kompressor und meine analogen EQs von API bis Pultec zu den absoluten Essentials.

Wie ist deine Live-Show aufgebaut und wie sieht dein Tourkalender für die nächsten Wochen und Monate aus?

In Kurzform spiele ich einen Moog Sub-37, einen Prophet 6 Desktop und Ableton durch ein SSL XDesk direkt in das Soundsystem der Venues. Der Fokus lag für mich hier 100-prozentig auf Klangqualität, und nicht unbedingt dabei, das kleinste und leichteste Equipment auszuwählen. Im Moment ist eine etwas merkwürdige Zeit, da immer noch viele Shows aus dem Winter-Lockdown reschedulet werden müssen, aber im Frühjahr und Sommer stehen zahlreiche superinteressante Shows auf dem Programm. Vieles ist noch nicht offiziell angekündigt, aber ich kann schon verraten, dass ich unter anderem am Fuße eines aktiven Vulkans spielen werde, und als „Vorband“ der französischen Band Indochine auch in einem Stadion vor 60.000 Leuten. Es wird spannend!

Wow, das klingt beeindruckend. Lass uns auf dein neues Release zu sprechen kommen – eigentlich hattest du ein neues Album geplant, korrekt?

Jein. Ich hatte gewissermaßen angefangen, neue Tracks zu sammeln, aber ich hatte noch kein konkretes Album-Projekt im Kopf. Dann kam Balance, und ich habe sofort das Potenzial gesehen. Erstmal ist es natürlich eine Ehre, angesichts der tollen Künstler*innen, die bislang schon Balance-Series-Releases gemacht haben, und dann hat mich das Konzept gereizt. Ich bin ja ein Produzent und Live-Act und kein DJ, und so einen kontinuierlichen DJ-Mix habe ich in der Form noch nie gemacht. Es war auch eine gute Gelegenheit, endlich mal die Kollaborationen zu machen, die ohnehin anstanden, und mich hat auch der Compilation-Charakter fasziniert. Ich habe ja kein Label, aber es war eine tolle Gelegenheit, einigen der den up-and-coming Künstler*innen eine Plattform zu bieten, mit denen ich teilweise schon länger studiomäßig zusammenarbeite, und die mit ihren tollen Tracks definitiv mehr als bereit sind, im Rampenlicht zu stehen.

Das ist ein gutes Stichwort – wie bist du bei der Konzeption und Auswahl an Stücken vorgegangen und wie lange hast du am Projekt gearbeitet? 

Insgesamt hat die Arbeit etwa ein Jahr gedauert. Mir war klar, dass ich keinen „bloßen“ DJ-Mix machen wollte in dem Sinne, dass ich irgendwelche Tracks lizensiere und zusammenmixe. Mir war wichtig, dass es alles exklusives, neues Material ist, und ich wollte den Mix schon wie eine Compilation aufbauen, von daher die Idee, dass ein Teil meine eigenen Tracks sind, ein Teil Collabs und eben ein Teil Tracks von Künstler*innen, wo ich zwar nicht an der Produktion beteiligt war, bei denen ich aber auch den Mixdown gemacht habe. Ich hatte sicherlich fast doppelt so viele Tracks zur Auswahl, wie es letztlich auf den Release geschafft haben, und ich habe auch einige wirkliche Banger am Ende nicht genommen, weil sie einfach nicht so gut in den gesamten Flow gepasst haben. Ich fand es auch superreizvoll, noch die Ambient-/Synthapella-Versionen zu machen, weil hier einfach nochmal mehr die Kompositionen, die Synths und die Klangtexturen im Vordergrund stehen, befreit vom „Ballast“ der Beats. Mit dem Ergebnis bin ich extrem glücklich, ich habe das Gefühl, es kaum besser hätte machen können.

Du hast gerade schon die Kollaborationen angesprochen. Die Namen sind äußerst vielfältig.

Ja, und es sind eigentlich drei Arten von Kollaborationen. Den Track mit Gui Boratto haben wir schon Ende 2018 angefangen, aber nie den richtigen Kontext dafür gefunden. Die Version auf dem Album ist allerdings neu und nochmals überarbeitet. Yet More und Olivia Foxglove sind zwei sehr talentierte, aber noch nicht so bekannte Producer/DJs, für die ich viel Studioarbeit gemacht habe, und daraus hat sich die Zusammenarbeit für das Album ergeben. Und mit Luna Semara, Victor Ruiz und Rodriguez Jr. waren schon lange Collabs im Gespräch, und dieses Album war dann letztlich der perfekte Anlass dafür. Der Track mit Luna war einer der ersten, die fertig waren, und er ist seit letztem Sommer ein echtes Highlight in meinem Live-Set. Die Tracks mit Victor und Olivier waren die letzten, die fertig geworden sind.

Das Jahr hat sehr bald Halbzeit – was hast du für 2022 auf deiner Agenda neben den bereits erwähnten Shows – sowohl beruflich als auch privat? 

Ich bin natürlich jetzt erst einmal extrem gespannt auf die Album-Veröffentlichung und die dazu gehörigen weltweiten Shows. Ansonsten kann ich nur hoffen, dass weltweit möglichst viele Menschen in Frieden und Gesundheit ihr Leben leben können. Es sind unruhige Zeiten, und vieles, worüber man sich im Alltag so Gedanken macht, sind eigentlich vergleichsweise Luxusprobleme, das versuche ich nie zu vergessen. Ich hoffe trotzdem, und so sieht es auch gerade aus, dass ich mit meinen musikalischen Aktivitäten an das Momentum anknüpfen kann, das ich vor Corona schon aufgebaut hatte. Ich versuche, jeden Tag ganz bewusst zu genießen. Die Pandemie hat uns ja gezeigt, dass viele Dinge, die wir alle für selbstverständlich gehalten haben, gar nicht so selbstverständlich sind …

Aus dem FAZEmag 123/05.22
Text: Triple P
Credit: AK Berlin
www.instagram.com/hannesbieger