
Am 11. Dezember ist mit „CONFLICT DLC“ das sechste Studioalbum der amerikanischen Industrial-Metaller HEALTH über Loma Vista Recordings (Universal) erschienen. Wenn die Band über ihr neues Machwerk spricht, klingt das weniger nach einer kosmetischen Erweiterung und mehr nach einem radikalen Upgrade ihres ohnehin extremen Sounds. Das Trio hat das Tempo angezogen, die Gitarren schärfer gestellt und die Metal- und Metalcore-Einflüsse nach vorne geholt – eine Konsequenz aus anderthalb Jahren zwischen Slipknot, Sleep Token und den größten Metal-Festivals der Welt, wo klar wurde, dass in diesem Umfeld nur noch mehr „Firepower“ zählt.
Statt einem festen Regelwerk folgt die Band beim Songwriting konsequent dem Instinkt: Poplastige Hooks, schwere Breakdowns und ambientes Schweben prallen in den Songs aufeinander, weil sich genau diese Brüche „richtig anfühlen“. In Tracks wie beispielsweise „Vibe Cop“, für den Gitarrist Willie Adler von Lamb of God im letzten Moment noch ein paar Riffs beisteuerte, wird dieser Ansatz greifbar: Wenn es jemanden gibt, der zum Konzept passt, wird er einfach angerufen – „warum nicht einen Profi engagieren?“ Schon in der Vergangenheit kollaborierte die Band mit Genre-nahen Artists wie Bad Omens, Nine Inch Nails, Poppy oder The Neighbourhood.
Inhaltlich knüpft das neue Studioalbum von HEALTH an das Vorgängeralbum „RAT WARS“ an, verschiebt aber den Fokus vom rein Inneren hin zu einer Welt, die sich kollektiv in denselben Abgründen wiederfindet. Depressionen, Zwänge, Ängste und die dauernde Überforderung durch eine eskalierende Gegenwart ziehen sich erneut durch die Texte, wirken 2025 aber weniger wie private Dämonen und mehr wie der gemeinsame Grundzustand einer doomscrollenden Öffentlichkeit. „Laute Musik und Shows sind definitiv kathartisch und wir hoffen, dass andere Menschen das auch so empfinden. Die Texte sind ziemlich direkt“, so die Band. Romantisiert werden solle aber nichts.
Diese Nähe zu den Fans ist längst Teil des künstlerischen Konzepts. HEALTH verstehen ihre Community als „Koalition der Subkulturen“: ein loses Bündnis aus Heavy-Nerds, Online-Exzentrikern und Menschen, die in der Musik der Band einen Anker für psychische Krisen finden. Über Discord-Server, eine seit Jahren aktive „If you need to talk“-Hotline und direkte Interaktion verschwimmen die Grenzen zwischen Bühne und Publikum. „Wir möchten unsere Fans begeistern und unterhalten. Als wir das letzte Mal in Köln waren, haben wir die ganze Nacht mit Fans in einer Bar getanzt, als Afterparty. Das war eine großartige Zeit.“
„CONFLICT DLC“ klingt genau nach diesem Spannungsfeld: schneller, härter, trauriger – und trotzdem so angelegt, dass man dazu tanzen kann. Die Platte will kein Manifest für die ganze Welt sein, sondern eine Zuspitzung der laufenden Unterhaltung zwischen HEALTH und ihrer eigenen „Koalition“. Wer sich in dieser Mischung aus Überforderung, Galgenhumor und Eskapismus wiedererkennt, findet in diesen Songs einen Raum, in dem alles zu viel sein darf – solange die Anlage laut genug ist.
Aus dem FAZEmag 167/01.2026
Text: scharsigo
Foto: Mynxii White
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